Die Blüten- und Duftpracht der Kartoffelpflanzen entdecken

Stefan Griesser setzt sich mit seiner Züchtungsfirma Varietas dafür ein, dass verloren gegangene Arten wiederentdeckt werden und neue Sorten entstehen. Auf seinem Versuchsfeld blühen Kartoffelpflanzen in allen Farben.

Rotes Nüdeli, Moon Lightning oder auch einfach 19.A0080.X – alles sind Kartoffelsorten, die auf dem Züchtungsbetrieb Varietas wachsen. Stefan Griesser ist der Mann, der hinter der Firma steckt. Anlässlich der offenen Türen Ende Juli gewährte er einen Blick hinter die Kulissen der Züchtungsarbeit.

Langer Weg bis zum Feldtest

Stefan Griesser entnimmt Pollen von einer Pflanze im Treibhaus. «Die Bestäubung von Hand klappt nicht immer», sagt er. Je nach Setzzeitpunkt der «Kartoffeleltern» erfolgt sie von Juni bis August. Wo die Bestäubung erfolgreich war, werden im September und Oktober die Beeren geerntet und durch Vergärung und anschliessender Trocknung die Samen für die Aussaat vorbereitet. Frühestens im Februar werden sie ausgesät. In 100er-Platten bilden die Pflänzchen im Sommer kleine Knollen.

Erstes Jahr: Hier war die Bestäubung erfolgreich. Aus der Kreuzung der Vater- und Mutterpflanze entstehen über hundert Samen und entsprechend viele Sorten. Wenn sich eine Sorte bewährt, wird sie in drei Jahren auf dem Feld getestet. (Bild Belinda Balmer)
Erstes Jahr: Hier war die Bestäubung erfolgreich. Aus der Kreuzung der Vater- und Mutterpflanze entstehen über hundert Samen und entsprechend viele Sorten. Wenn sich eine Sorte bewährt, wird sie in drei Jahren auf dem Feld getestet. (Bild Belinda Balmer)
Die Blüten- und Duftpracht der Kartoffelpflanzen entdecken
Zweites Jahr: In den Hunderter-Platten wachsen die Samen aus den letztjährigen Bestäubungen.

Um zu schauen, welche Knöllchen gut lagerfähig sind, verbringen die Platten den Winter gleich im Keller. Die Sorten, die gut abschneiden, werden im nächsten Jahr in 10er-Töpfen aufgezogen. Erst nachdem diese Prozedur erfolgreich bestanden wurde, werden diese auf dem Feld auf Ertrag, Krankheitsanfälligkeit und Geschmack getestet. «Der Feldtest dauert idealerweise vier Jahre,» erklärt Griesser.

Drittes Jahr: Die Knöllchen, die sich gut lagern liessen, werden in 10er-Töpfen im Treibhaus weitergezogen, um sie auf Hitzetoleranz zu testen. Wenn sie genug Knollen machen, werden sie auf dem Feld auf den Ertrag getestet. (Bild Belinda Balmer)
Drittes Jahr: Die Knöllchen, die sich gut lagern liessen, werden in 10er-Töpfen im Treibhaus weitergezogen, um sie auf Hitzetoleranz zu testen. Wenn sie genug Knollen machen, werden sie auf dem Feld auf den Ertrag getestet. (Bild Belinda Balmer)
Viertes Jahr: Auf etwa 25 Aren werden etwa 800 Kartoffelsorten unter Feldbedingungen getestet. (Bild Belinda Balmer)
Viertes Jahr: Auf etwa 25 Aren werden etwa 800 Kartoffelsorten unter Feldbedingungen getestet. (Bild Belinda Balmer)

Vor den Treibhäusern blühen Speisedahlien in allen Farben und Formen. Sie hätten eigentlich an eine Gartenbaufirma verkauft werden sollen, die ging aber wegen Corona Konkurs. «Auf die Speisedahlien bin ich bei einer Reise nach Peru gekommen», sagt Stefan Griesser. Es sei eine verloren gegangene Tradition, wie viele spezielle Arten, die fast nicht mehr existieren und die man früher gegessen hat. So zum Beispiel auch die Rapunzel, eine Glockenblumen-Art.

Auf Umwegen zur Züchtung

Das Treibhaus steht auf dem Land des Hofes in Weiach ZH, auf dem Stefan Griesser aufgewachsen ist. Das Land, das zum Hof gehört, wird jetzt einem Gemüsebauer verpachtet. «Meine Mutter sagte immer, ‹Du musst etwas Richtiges machen›». So hat er sich zunächst der Informatik gewidmet, hat aber schlussendlich an der ETH Umweltwissenschaften in Richtung Evolutions- und Populationsbiologie studiert und ist so auf die Züchtung gekommen.

«Wenn man sich der Züchtung widmet, verdient man nicht das grosse Geld», weiss er. Varietas finanziert sich über Stiftungen, Projekte vom BLW und auch über diverse Kurse, die Griesser durchführt. Nur haben diese einen schweren Stand gehabt wegen der Corona-Krise. Darum musste er dieses Jahr auch auf Praktikanten verzichten, die normalerweise tatkräftig bei der Züchtungsarbeit mithelfen.

Die Blüten- und Duftpracht der Kartoffelpflanzen entdecken
In diesem Ordner sind alle Sorten verzeichnet.

Auf dem Kartoffel-Feldversuch angelangt, zeigt Stefan Griesser zunächst den Ordner, wo er jede einzelne Versuchssorte verzeichnet hat. «Ich gehe zweimal pro Woche durch die Kartoffeln, um den Blühzeitpunkt und andere Eigenschaften festzuhalten». Die Blüten müssen zur Dokumentation auch fotografiert werden. Hier macht ihm dieses Jahr das regnerische Wetter zu schaffen – denn fürs Foto müssen die Blüten offen sein. Und wenn es regnet, bleiben die Blüten der Kartoffelpflanzen geschlossen.

Beim Durchwandern der Versuchsparzelle merkt man, dass der Züchtungsexperte hier in seiner Welt ist. «Das wird wohl eine rote Kartoffel», sagt Stefan Griesser, bei der einen Staude angelangt. «Die Stängelfarbe ist oft gleich wie die der Schalen der Knolle», erklärt er. Er wirft mit Fachbegriffen um sich, erklärt zum Beispiel, wie man diploide und tetraploide Sorten voneinander unterscheiden kann.

Dies ist die «Last-Chance»-Reihe, wie sie Stefan Griesser nennt – diese Sorten waren zu wenig Hitzetolerant und bekommen hier, wie der Name sagt, eine «letzte Chance». (Bild Belinda Balmer)
Dies ist die «Last-Chance»-Reihe, wie sie Stefan Griesser nennt – diese Sorten waren zu wenig Hitzetolerant und bekommen hier, wie der Name sagt, eine «letzte Chance». (Bild Belinda Balmer)

Kartoffelblüten in Hülle und Fülle

Wie viele verschiedene Blüten Kartoffeln haben können, ist tatsächlich verblüffend. «Das hier ist die Last-Chance-Reihe», sagt Griesser, bei einer Reihe am Rand des Feldes angelangt. Hier finden alle Sorteneinen Platz, bei denen in der Aufzucht im Treibhaus die Pflänzchen nicht genug Knollen entwickelt haben, weil es zu heiss war für sie. Sie wären aber zum Beispiel geeignet für den Anbau in höheren Lagen. «Da gibt es Kartoffeln und Kartoffelpflanzen mit besonderen und aussergewöhnlichen Eigenschaften, zum Beispiel besondere Farbkombinationen», schwärmt er.

Die Blütenvielfalt der Kartoffelsorten im Züchtungsgarten ist enorm. (Bild Belinda Balmer)
Die Blütenvielfalt der Kartoffelsorten im Züchtungsgarten ist enorm. (Bild Belinda Balmer)

Seltene Arten im Permakulturgarten

Varietas züchtet auch Tomaten, doch dieses Jahr verzichtete Stefan Griesser darauf – wegen der fehlenden Hilfe von Praktikanten. Aber der verwunschene Permakulturschaugarten kann noch besichtigt werden. Hier findet man allerlei seltene und besondere Pflanzen wie zum Beispiel den Szechuan-Pfeffer oder einen Pecannussbaum.

«Der Giftlattich wurde im ersten Weltkrieg als Ersatz für Morphin in den Gärten angebaut», erklärt Permakultur-Experte Griesser. (Bild Belinda Balmer)
«Der Giftlattich wurde im ersten Weltkrieg als Ersatz für Morphin in den Gärten angebaut», erklärt Permakultur-Experte Griesser. (Bild Belinda Balmer)

Zwischen 14 Pfirsichbäumen, einem grossen, alten Birnbaum und blühenden Lilien wächst auch ein ganz besonderes Kraut. «Das hier ist ein Giftlattich – er wurde im ersten Weltkrieg als Ersatz für Morphin in den Gärten angebaut», erklärt Permakultur-Experte Griesser, der zum Abschluss des Betriebsrundgangs einen Blick in seinen Garten gewährte.

Weitere Informationen auf www.varietas.ch

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