Meine Schwestern gingen, der Schule entlassen, für ein Jahr ins Welschland, wo sie in gutbürgerlichen Haushalten das Putzen und Waschen erlernten und in der Küche das Kochen, um einmal tüchtig am Herd zu stehen. Wenn sie wieder heimkamen, fanden sie sofort Arbeit im Dorf und der näheren Umgebung; bei Frauen, die kürzlich geboren hatten und gute Mithilfe im Haushalt zu schätzen wussten.
Buben lernten einen Beruf
Buben durften einen Beruf erlernen. Einer sollte einmal den elterlichen Hof übernehmen. So machte mein ältester Bruder eine kaufmännische Lehre, der zweitälteste trat in Vaters Fusstapfen und wurde Bauer, ein Bruder machte eine Lehre als Hufschmied und ich, als Jüngster?
Gerne hätten es meine Eltern gesehen, wenn ich einen geistlichen Beruf gewählt hätte. So schickte man mich nach einem Jahr Sekundarschule in ein Gymnasium in die Innerschweiz, das von Kapuzinern geleitet wurde. Dort sollte ich mich auf die Matura vorbereiten. Nach vier Jahren war ich so weit gereift, dass ich den Mut hatte, meinen Eltern klarzumachen, dass ich weder Pfarrer noch Kapuziner werden wollte, und auch nicht Anwalt oder Doktor, sondern Bauer. Das löste vorerst grosses Erstaunen und vor allem Enttäuschung aus. Ich brach mein Studium ab und meldete mich für die zweijährige landwirtschaftliche Winterschule in Muri AG an.
Kreuz und quer durchs Land
Anschliessend bildete ich mich auf verschiedenen Bauernhöfen in der Schweiz als Praktiker aus. Ich lernte die Vielfalt meines Berufes kennen. Auf einem Berner Bauernbetrieb den sorgfältigen Ackerbau, in der Innerschweiz die Graswirtschaft und die Braunviehzucht, im Kanton Zug, wie man eine lange Holzleiter fachgerecht an einen hohen Kirschbaum stellt, im Thurgau den Obstbau.
Als Mitarbeiter einer landwirtschaftlichen Genossenschaft fuhr ich einmal von Frühling bis Herbst mit der Feldspritze umher. Dabei machte ich mit meiner Tankfüllung Käfern, Raupen und Läusen den Garaus und schützte die Kulturen vor Blattkrankheiten wie Schorf, Mehltau und Krautfäule. Auch alles unter dem Namen Unkraut spritzte ich zu Tode. Der jährliche Spritzkalender war meine Bibel.
Nach der Berufsprüfung machte ich mit 28 Jahren die Meisterprüfung. Mit viel Glück konnte ich anschliessend selbstständig einen mittleren Bauernhof als Bewirtschafter über- nehmen.
Lernen auf dem eigenen Feld
Mit meiner tüchtigen Frau, einer Bauerntochter, bewirtschaftete ich fortan nach bestem Wissen und Gewissen den uns anvertrauten Bauernhof. Wie mein Vater stand ich nun jeden Morgen um fünf Uhr im Stall. Statt die Sense zu dengeln, pflegte ich den Motormäher mit breitem Mähbalken und statt Kühe vor den Wagen zu spannen, startete ich den Traktor.
Noch erschüttert von meinem rigorosen Chemieeinsatz in der landwirtschaftlichen Genossenschaft kauften wir ein Hackgerät und rückten so mithilfe des Traktors dem Unkraut in Kartoffeln und Zuckerrüben zu Leibe, aber auch, wie es schon unsere Eltern taten, mit der Haue und gekrümmtem Rücken. Dem Boden so nahe, lernte ich bald, dass nicht alles auf dem Acker Unkraut war, dass kleines Bodengras im Weizen die Feuchtigkeit zurückhält und erst spät aufgelaufene Kräuter der Hauptkultur nicht mehr zu schaden vermögen.
Einstieg ins IP-Programm
Gerne stieg ich Ende der 1980er-Jahre im neuen IP-Programm ein, der sogenannten integrierten Produktion, das von uns eine umweltschonende Bewirtschaftungsform verlangte. Mithilfe natürlicher Abwehrkräfte wie Nützlingen und resistenten Sorten minimierte man künstliche Pflanzenschutz- und Düngemittel. Nicht mehr jede gesichtete Blattlaus löste Alarm aus, man lernte den Marienkäfer wieder kennen, als Freund und Helfer des Bauern, der im Tag bis zu 300 Blattläuse zu fressen vermag. Er wurde denn auch Symbol der IP.
Dieses vermehrte «mit der Natur» machte unseren Beruf noch viel interessanter. Auf einmal trug ich als Bauer eine Lupe im Hosensack und lernte Nützlinge und Schädlinge näher kennen. Mit dem Regenmesser zeichnete ich die gefallenen Niederschläge auf und bei der jährlichen Betriebskontrolle konnte ich auf dem Feld beweisen, dass der Marienkäfer, dessen Bild an unserer Scheunenwand hing, in meiner Pflanzenwelt tatsächlich heimisch war.
Der Weg des Fortschritts
Nach 40 Jahren eigener Hofarbeit sind wir pensioniert und pflegen unseren Garten. Wir wohnen im Grünen und können tagtäglich unsere Bauern bei ihrer Arbeit beobachten. Wir spüren mit ihnen, wenn es wieder mal regnen sollte oder die Sonne sich allzu rar macht. Wir fieberten mit ihnen dem Abstimmungssonntag im vergangenen Sommer entgegen. Mag sein, das habe ich ja selber erlebt, dass es eine Zeit gab, wo man glaubte, mit Chemie und Technik die Natur überlisten zu können. Aber von diesem vermeintlichen Fortschritt sind wir längst wieder weggekommen, auf den natürlichen Weg. Und wenn ich allwöchentlich die BauernZeitung lese, überzeuge ich mich, dass dieser Weg mit viel Fleiss weiter beschritten wird. Mithilfe von Innovation, Forschung und Technik. Und eines glaube ich zu wissen: Bauern sind keine Brunnenvergifter.
Toni Merki ist pensionierter Landwirt, liest jede Woche die BauernZeitung von A bis Z und schreibt gerne über sein Leben.

