Ich habe eine Hunderternote in der Hand, als ich ins SBB-Reisezentrum Sissach BL trete. Fünf Personen warten bereits. Erstaunlich, so viele Wartende habe ich länger nicht mehr gesehen dort. Die SBB haben deshalb angekündigt, dass im Bezirkshauptort ab Oktober nur noch Billette am Automaten bezogen werden können. Die junge Frau, die zuvorderst am Schalter steht, ist in Begleitung einer älteren Frau, welche aufgeregt in ihrem Portemonnaie «nuscht».
«Da!», ruft sie, «ich wusste, dass ich irgendwo noch ein Fünfzigernötli versteckt hatte!» Bevor sie dieses dem Schalterbeamten überreicht, hält sie es hoch in die Luft und zeigt es nach allen Seiten. Man könnte glauben, sie habe einen ersten Preis im Wert von mehreren Tausend Franken gewonnen. Die junge Frau bedankt sich überschwänglich bei ihrer Mutter, nehme ich an.
Technische Probleme bereiten vielen Probleme
Auch die zweite Frau in der Wartereihe ist in Begleitung einer älteren Person, die den Geldbeutel geöffnet hat. Der Diskussion entnehme ich, dass am Billettautomaten mit der Postfinance-Karte keine Käufe getätigt werden können. «Hahaha!», ruft der Mann vor mir, «die kämpfen seit zwei Tagen mit technischen Problemen. In der ganzen Schweiz kann weder Geld am Postomaten bezogen noch mit der App Twint oder mit Postfinance-Kreditkarte bezahlt werden.»
Die Reihe ist nun an mir. Der junge SBB-Angestellte meint freundlich zu mir: «Wie wunderbar, dass Sie Bargeld dabei haben. Die letzten zwei Tage waren mühsam, weil besonders junge Leute höchstens noch etwas Münz mit sich herumtragen.» So, so, sage ich mir. Seit Jahren bereits lese ich, Bargeld sei out. Und jene, die noch daran hangen würden, genauso. Digitale Währungen seien im Vormarsch. Die 500-Franken-Note wurde per 1. Mai 2020 zurückgerufen.
Bargeld gehört neuerdings offiziell zum Notvorrat
Doch halt! In letzter Zeit, bei Diskussionen über den grossen Energiemangel, auf den wir «schints» zuschreiten, höre ich plötzlich andere Töne. Da wird schlagartig der uralte, in moderner Zeit verpönte Slogan «Kluger Rat – Notvorrat» wieder hochaktuell. Die obersten (!) Behörden schreiben nicht nur von Lebensmitteln und anderen Verbrauchsgütern, sondern auch von Bargeld. Ich zitiere: «Da bei einem Stromunterbruch auch Bancomaten betroffen sind und elektronische Zahlungsmittel wie Debit- und Kreditkarten oder die Bezahlung via Smartphone ausfallen können, empfiehlt das BWL (Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung) eine minimale Bargeldreserve in kleinen Scheinen.»
Fragen über Fragen tauchen auf
Ich schmunzle. Was habe ich mir Predigten angehört von aufgeschlossenen und jungen Leuten, die mir alten Frau weismachen wollten: «Du wirst es noch erleben, dass wir bargeldlos unterwegs sind.» Aufgezählt haben sie Nachteile wie unhygienisch, Verlustrisiko, Schwarz- und Falschgeld. Sie glauben, ohne Barvermögen würde es weniger Kriminalität geben, die Geldpolitik wäre einfacher.
Die Gegner der Abschaffung des Bargeldes fürchten die totale Überwachung. Ausserdem frage ich mich, ob es dann keine Bettler mehr geben würde. Wie würden Kollekten in Kirchen gehandhabt? Und wie freiwillige Spenden nach einem Anlass, einem Fest, wo man keinen Eintritt bezahlen muss, aber ein unaufgeforderter Austritt in die Milchkanne erwartet wird?

