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Ausländische Mitarbeitende bringen andere Sitten und Gewohnheiten an den Tisch

Die Ess-Sitten sind je nach Land unterschiedlich. Da braucht es bei allen manchmal etwas Fingerspitzengefühl. Zwei Bäuerinnen erzählen von ihren Erfahrungen.

Reden oder schweigen? Schmatzen oder möglichst lautlos essen? Kalt oder warm? Wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen zum Essen an einem Tisch sitzen, sind die Gewohnheiten oft unterschiedlich.

Manchmal sind es in der Schweiz übliche Zutaten, die bei ausländischen Mitarbeitenden Magenverstimmungen oder gar Ekel auslösen können, zum Beispiel flüssiger Käse. Manchmal sind es religiöse Vorschriften, die den Menschen gewisse Speisen verbieten, etwa Schweinefleisch.

Kaltes Essen kam nicht an

Manchmal sind es kulturelle Unterschiede wie Gespräche beim Essen oder der Stellenwert einer Mahlzeit. So erzählt eine Westschweizer Bäuerin, die anonym bleiben möchte: «Ich erinnere mich an einen Sommer, in dem Arbeiter aus osteuropäischen Ländern verärgert den Tisch verliessen, weil ich in dem Bestreben, alles richtig zu machen, nur kalte Speisen zum Abendessen serviert hatte.»

Noch immer gibt es in der Landwirtschaft viele multikulturelle Tischrunden, obwohl ihre Zahl abnimmt. Was braucht es, damit die Mahlzeit für alle Seiten entspannt bleibt? «Mangelndes Verständnis ist die Ursache für viele Misserfolge», schreibt der kanadische Autor Joseph Aoun in seinem Buch «Managing Cultural Differences», zu Deutsch «kulturelle Unterschiede managen». Eine gute Organisation fördert das Vertrauen und reduziert Stress und Missverständnisse auf beiden Seiten. Dazu gehört, sich im Vorfeld über Besonderheiten von Kulturen oder Religionen zu informieren und mit den Mitarbeitenden darüber zu sprechen, wo ihre und die eigenen Grenzen sind.

Polenta oder Gipfeli

Wie unterschiedlich Essgewohnheiten sein können, zeigt sich nur schon in Europa: In vielen nördlichen Ländern hat etwa das Frühstück einen hohen Stellenwert, bevorzugt werden herzhafte Zutaten wie dunkles Brot, Wurst und Käse. In südlichen Ländern besteht das Frühstück nicht selten nur aus einem Kaffee, manchmal ergänzt mit einem Gipfeli oder Süssgebäck. In östlichen Ländern sind Sauerrahmprodukte wie Kefir beliebt oder auch mal ein Buchweizenbrei mit Würsten. In Rumänien gilt zum Beispiel eine Käsepolenta mit Sauerrahm und weichem Spiegelei als guter Einstieg in den Tag.

Bei Praktikanten oder Saison-Mitarbeitenden, die von ausserhalb des Kontinents kommen, sieht es wieder anders aus. So kann es sein, dass Menschen aus Indien und arabischen Ländern nur mit der rechten Hand essen. In China und Japan wiederum ist Rülpsen und Schmatzen am Tisch ein Zeichen dafür, dass es schmeckt. Ein offenes Gespräch über die hiesigen Gepflogenheiten, aber auch eine Portion Humor und Toleranz helfen, dass die gemeinsame Mahlzeit für alle entspannt bleibt.

«Der Kulturschock ist schmerzhaft», schreibt Joseph Aoun. «Am Anfang dachte ich, dass ich mit jedem kommunizieren kann. Ich sagte mir manchmal auch, dass es Sache des anderen ist, sich anzupassen. Doch wenn ich auf diese Jahre zurückblicke, stelle ich mit Bestürzung fest, wie oft es mir an Taktgefühl mangelte.»


Neinsagen erlaubt

Ausländische Mitarbeitende bringen andere Sitten und Gewohnheiten an den Tisch
Valérie Both hat zusammen mit ihrem Mann einen rumänischen Saisonarbeiter angestellt.

Auf dem Betrieb von Valérie und Jean Both in Lessoc FR arbeitet jedes Jahr ein Saisonarbeiter aus Rumänien, der auch mit der Familie isst. «Die osteuropäische Kultur, vor allem die orthodoxe, ist der unseren sehr ähnlich», sagt Valérie Both. Mit der Zeit lernte sie den Mitarbeiter besser kennen. «Er spricht laut, aber nicht wütend. Im Grossen und Ganzen kommuniziert er beim Essen wenig und verbringt viel Zeit mit seiner Familie am Telefon, da seine Frau auch in der Schweiz arbeitet.» Valérie Both kocht traditionell und das gab bisher kaum Probleme. Sie stellt aber auch klar: «Als Erwachsener hat er das Recht, Gerichte abzulehnen – im Gegensatz zu unseren Kindern.»


Tippen statt reden

Ausländische Mitarbeitende bringen andere Sitten und Gewohnheiten an den Tisch
Patricia Andres hatte bisher vor allem mit jungen Leuten aus dem Ausland zu tun.

Patricia Andres, Bäuerin in Trey VD, hat in den letzten 30 Jahren ganz unterschiedliche Kulturen an ihrem Tisch verpflegt. «Meine Erfahrung beruht eher auf Kontakten mit jungen Leuten, die bereits einige Jahre in der Schweiz verbracht haben», sagt sie. Ob kein Schweinefleisch, kein nicht geschächtetes Fleisch oder vegetarisch: Wenn es ihr rechtzeitig mitgeteilt wird, versucht sie, alles zu berücksichtigen. «Aber das macht meine Arbeit nicht einfacher, da ich 50 Prozent ausserhalb arbeite.» Ihr fallen weniger die kulturellen Besonderheiten auf, sondern der fehlende Austausch. «Während wir uns noch vor einigen Jahren am Tisch unterhielten, haben inzwischen Mobiltelefone den Raum erobert.»