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Zu den Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie …

Unserer Autorin fehlt das Verständnis dafür, dass ein Forschungsteam Massnahmen zum Schweizer Ernährungssystem erarbeitet hat, ohne dabei die praktizierende Landwirtschaft miteinzubeziehen.

Wer kennt den Satz nicht, der nach jeder Heilmittelwerbung im Fernsehen eingeblendet wird. Auch wenn es nur Schlafpillen aus Lavendelöl sind und man nicht mit Risiken und Nebenwirkungen rechnet, ist dieser Hinweis ein Muss.

Seit dem 2. Februar 2023, vermutlich als Sportferienlektüre gedacht, ist ein neues «Heilmittel» in Form eines 75-seitigen Leitfadens auf dem Markt. Der Titel «Wege in die Ernährungszukunft der Schweiz» tönt ver­heis­sungsvoll. Fast wie beim Lavendelöl denkt man nicht an Risiken und Nebenwirkungen, wenn es da auf Seite 1 und 2 heisst: nachhaltiges Ernährungssystem, Neuausrichtung über die gesamte Wertschöpfungskette, Chance rechtzeitig anpacken und unkontrollierbare Kostenfolgen vermeiden. Doch weit gefehlt, das von einem Wissenschaftsgremium erarbeitete Papier, welches bereits Bundesrat Guy Parmelin überreicht wurde, müsste den Hinweis aufgedruckt haben: «Darf nicht von Land­wirt(innen) konsumiert werden, kann zu schweren Depressionen, Bluthochdruck und Mittellosigkeit führen.»

Vier Massnahmenpakete bis 2030

Doch zurück zu diesem wissenschaftlichen Wunderwerk, das die dringende Umsetzung mit vier Massnahmenpaketen bis 2030 fordert. Bis 2025 soll ein Transformationsfonds aufgebaut werden. Einfach erklärt: Man äufnet ein Kässeli mit Bundesgeldern und neuen Lenkungsabgaben aus der Landwirtschaft und wirbt damit gegen Food Waste und zu viel Fleisch. Fördert die Entwicklung von tierischen Ersatzprodukten, die Zucht von standortangepassten Pflanzen und Nutztierrassen usw.

Ab 2025 kommen regulatorische Massnahmen und Lenkungsabgaben zum Tragen. Vorgeschlagen werden: eine Lenkungsabgabe in Höhe von Fr. 1.–/kg überschüssigem Stickstoff bzw. Phosphor (Abzug bei den Direktzahlungen). Bei Dünger und PSM wird der Mehrwertsteuersatz von 2,5 auf 7,7 Prozent erhöht. Streichung der Rückerstattung der Mineralölsteuer und Förderung von Bio-Kraftstoffen. Erhöhung der Zölle auf importierte Futtermittel und Mineraldünger. Umfassende Datenlieferung aller Anwendungen in der Landwirtschaft. Die gesetzliche Senkung der Dünger-GVE von 3 auf 2,5. Keine neuen Bauten, die über die innere Aufstockung hinausgehen usw.

Papier von Schreibtischtätern

Ab ca. 2026 sind dann agrarpolitische Massnahmen in Form von Direktzahlungsanpassungen geplant. Kurz und bündig soll alles gekürzt oder abgeschafft werden, was die Fleisch- und Milchproduktion fördert. Vom GMF- über den Kulturlandbeitrag bis hin zur Milchpreisstützung (ist dann abhängig vom Kraftfuttereinsatz). Herrlich finde ich hier noch den Hinweis, dass der Kraftfuttereinsatz zur Vermeidung von Fehl- und Mangelernährung bei Kühen in schwierigen Jahren mit nationalem Mangel an Raufutter möglich sein soll.

Ich stelle fest: Einmal mehr ist die Landwirtschaft der Prügelknabe der Nation. Es werden knallharte konkrete und verpflichtenden Massnahmen gefordert. Bei allen anderen Beteiligten sind es lediglich Empfehlungen und Sensibilisierungsaktionen.

Doch was ärgere ich mich auch über dieses ohne Einbezug der praktizierenden Landwirtschaft erarbeitete Papier, denn die Schreibtischtäter haben sich immerhin auch Gedanken gemacht, wie wir die Prügel gut verkraften. Man führe sich dazu die Seiten 32 und 56 zu Gemüte, wo auf die psychosozialen und körperlichen Gesundheitsrisiken der Beschäftigten in der Landwirtschaft eingegangen wird und man beabsichtigt, das psychosoziale Angebot auf dem Land zu stärken.

Ja, gescheit sind sie, die Wissenschaftler, denn fällt der Bauer aus, ists fertig mit dem Schweizer Schmaus.

Zur Person

Virginia Stoll ist Sekretärin des Schaffhauser Bauernverbands. Sie schreibt regelmässig für die Rubrik «Arena» im Regionalteil Ostschweiz/Zürich der BauernZeitung.