Die Bauernaufstände in Europa beschäftigen viele Leute. Aus diesem Grund organisierte der Bonstetter Verein Rotenbirben einen Infoanlass. Hauptredner war Peter Moser, der Leiter des Archivs für Agrargeschichte. Ein Anlassbericht über die Situation der Landwirtschaft, aber auch der Gesellschaft. Und zwei Beispiele, welche die Landwirtschaft wieder näher mit dem Konsumenten verbindet.
Getreidemangel stand am Anfang der Schweizer Agrarpolitik
Ganz zu Beginn stellte er klar, dass Auslöser und Ursachen der Bauernaufstände nicht dasselbe sind. In seiner Rückschau erläuterte er drei entscheidende Wendepunkte in der Agrargeschichte der letzten hundert Jahre: Die erste Korrektur erfolgte durch die Politik wegen des Getreidemangels, welcher sich durch die schwindenden Importe während des Ersten Weltkrieges dramatisch verschärfte. Die Politik forderte und förderte von da an eine auf den Inlandkonsum ausgerichtete Landwirtschaft.
Für die Bauern und Bäuerinnen bedeutete dies Lieferverpflichtungen, aber auch Abnahmegarantien. Zum Beispiel wurde der Milchpreis schweizweit vereinheitlicht, und zwar sowohl derjenige für die Produzenten als auch derjenige für die Konsumenten. Ab den 1950er- und 1960er-Jahren erfolgte ein riesiger Ausbau der Produktion für die Märkte, weil die Motorisierung der Landwirtschaft Zehntausende von Arbeitstieren und mitarbeitende Familienmitglieder überflüssig machte. Auf den nicht mehr benötigten Futterflächen wurden der Ackerbau, aber auch die Viehhaltung, ausgedehnt.
Das Falsche möglichst gut machen
Gleichzeitig erhöhte sich der ökonomische Druck auf die Bauernhöfe. Die frei gewordenen Arbeitskräfte wanderten in die boomende Industrie ab, sie waren dort mehr als willkommen und trugen entscheidend zum Wirtschaftswachstum der Nachkriegsdekaden bei.
In den 1990er-Jahren wurden die Weichen erneut politisch umgestellt. Mit den eingeleiteten Agrarreformen wurden die Märkte liberalisiert, der ökonomische Druck auf die Höfe nahm erneut stark zu.
Auf der anderen Seite, nämlich bei den Bauernbetrieben, wurde nun mit einer Regulierung der Produktion versucht, die durch die Motorisierung und Chemisierung entstehenden bzw. entstandenen ökologischen Schäden zu reduzieren. Dies erfolgte ganz nach dem Motto: «Was wir machen, ist zwar falsch, aber wir versuchen, es möglichst gutzumachen.» Die Zahl der Betriebe verringerte sich aber trotz Direktzahlungen ungefähr im gleichen Ausmass wie vor den Agrarreformen.
Eine Klasse von Überlebenden
Diejenigen, die als Bauern überlebt haben, sind eigentliche Künstler. Bauern und Bäuerinnen sind eine Klasse von Überlebenden, die aber das eigene Ende stets vor Augen haben. Die aktuellen Proteste drücken genau dieses Unbehagen aus.
Dieses Unbehagen ist aber auch in der nicht-landwirtschaftlichen Bevölkerung verbreitet. Auch deshalb sollte jetzt ernsthaft über die Ursachen dieses Unbehagens nachgedacht und geredet werden. Das geschieht aber im Moment noch nicht. Wenn die Proteste etwas ausdrücken, dann ist es diese Sprachlosigkeit: Jeder sitzt in seinem Traktor für sich alleine – und niemand hört ihm zu. Laut Peter Moser bestehe aber auch Hoffnung: Dass die Bauern nämlich auf Brücken demonstrieren, sei eine bildliche Aufforderung, aufeinander zuzugehen und miteinander zu reden. Dies ist auch die einzige Lösung, um gesellschaftlich einen gemeinsamen Weg zu finden.
Die ganze Ernte kaufen
Zum Schluss habe ich selbst nochmals die Grundidee der Fairen Milch vorgestellt, bei der der Verkaufspreis der Milch von unten nach oben gerechnet wird. Dies ist ein zukunftsweisendes Projekt. Produzent(innen) und Konsument(innen) rücken darin wieder zusammen. Der Handel dazwischen ist eine reine Dienstleistung.
Ebenfalls in dieser Art schilderte Jeremy Notz sein Projekt der solidarischen Landwirtschaft auf dem Hof Rotenbirben. Der Hof wird im Kollektiv bewirtschaftet, sämtliche Produkte werden direkt via Hofladen oder via Gemüseabo an die Kundschaft verkauft. Diese zeigt sich mit dem Abo auch bereit, die natürlichen Prozesse anzuerkennen und die ganze Ernte zu kaufen, auch krumme Rüebli oder übergrosse Randen. Die Natur ist eben vielfältig und nicht einfältig.
Zur Person:
Werner Locher ist Präsident der Genossenschaft Faire Milch Säuliamt

