«Warum sind die Bauern so?», fragte mich dieser Tage ein Mann aus der landwirtschaftlichen Kommunikation, der vorher lange in anderen Branchen tätig gewesen war. Es ging in unserem Gespräch um Digitalisierung, und er zeigte sich erstaunt, dass bei den Landwirt(innen) nicht mehr Euphorie herrscht in Sachen digitaler Ohrmarke.
Die Nase gestrichen voll
Ich erläuterte ihm dann wortreich meine Diagnose: Bauern und Bäuerinnen haben von staatlichen Interventionen aller Art die Nase oft gestrichen voll. Vermeintlichen technischen Fortschritt nehmen sie als zusätzliche Kontrolle wahr. Der «gläserne Bauer» ist ihnen ein Gräuel. Die mögliche und geplante digitale Überwachung des Weidejournals mittels elektronischer Ohrmarken empfinden sie als Einmischung in die Privatsphäre.
Ob sie denn etwas zu verbergen hätten, fragte mich der etwas ratlose Kommunikator postwendend. Darum gehe es aus meiner Sicht nicht, antwortete ich, sicher gebe es einzelne schwarze Schafe, die das Weidejournal kreativ ausfüllten, vielmehr gehe es aber bei der Unzufriedenheit um den langen Arm des Gesetzes, der die Bauernfamilien störe.
Geschätzte Distanz zur Obrigkeit
Nicht umsonst lebten sie seit Generationen auf dem Land, oft abgelegen. Eine gewisse Distanz zur Obrigkeit sei ihnen wichtig. Das heisse aber nicht, dass sie sich dem Fortschritt verschlössen. Im Gegenteil, kaum jemand sei derart digitalisiert wie unsere Urproduzenten. Sie steuerten Laufställe mit dem Handy und liessen sich auf demselben Weg den Gesundheitszustand der Kühe diagnostizieren und mit ihren Maschinen GPS-gesteuert übers Feld führen.
So redete ich auf den Mann ein. Unser Gespräch setzte sich noch eine Weile fort, wir nahmen zum Mittagessen ein Glas Roten und kamen dann auf andere Themen zu sprechen. Die Einstiegsfrage hat mich aber auch am Nachmittag noch weiter beschäftigt. Dieselbe Ungläubigkeit wie auf dem Gesicht des Gesprächspartners erkennt man zuweilen auch auf dem Antlitz von BLW-Angestellten und anderen Vertreter(innen) aus dem grossen administrativen Überbau der Landwirtschaft.
Gewisse Undankbarkeit diagnostiziert
Sie können nicht verstehen, warum die Landwirt(innen) nicht positiver reagieren auf neue Produktionssystembeiträge und weitere Aus- und Umbauschritte im agrarpolitischen System. Oft wird hier auch eine gewisse Undankbarkeit diagnostiziert («Wer so viel Geld vom Staat erhält, muss halt spuren») und ein Widerwille, den ökologischen Ausbau voranzutreiben.
Dass dem nicht so ist, zeigt die ausgesprochen hohe Teilnahme an den meisten dieser Programme oder die weitere Zunahme von Bio- und IP-Betrieben. Ein anderes Beispiel sind die Anteile von Biodiversitätsförderflächen an der LN oder die erreichten Punktzahlen bei freiwilligen Programmen, wie sie etwa IP-Suisse anbietet. Die geforderten Minima werden hier wie dort bei weitem überboten, obwohl daraus nur wenig monetärer Mehrwert resultiert.
Denken in Generationen
Dass also der gute Wille durchaus vorhanden sei, hätte ich meinem Gesprächspartner gerne noch gesagt. Die ablehnende Haltung, die zuweilen zum Ausdruck kommt, hat andere Gründe. Gewisse Programme werden abgeschafft, umgebaut oder in einen anderen Rahmen verlegt, bevor sie sich überhaupt richtig im System eines Betriebs etabliert haben. Hier wird zwar entlang der Jahreszeiten produziert, aber das Denken verläuft in Generationen und nicht im erratischen Rhythmus des Politzirkus, in dem alle zwei Monate eine neue Sau durch die Manege getrieben wird.
Dass dann auch noch die Abnehmer anfangen, politisch mitzumischen und privatrechtlich Verschärfungen vornehmen, schlägt dem voluminösen Geduldsfass der Landwirt(innen) endgültig den Boden aus. Angesprochen sind damit die Verkürzung von Wirkstofflisten durch den Detailhandel oder unrealistische CO2-Reduktionsziele von grossen Lebensmittelverarbeitern.
Man fühlt sich übergangen
Dass sich die Anforderungen an die Produktqualität nicht verändern und gleichzeitig der Preisdruck mindestens identisch bleibt, verstärkt das bäuerliche Unverständnis bei den Bauernfamilien noch. Man fühlt sich übergangen und für nicht ganz voll genommen. Zumal erstens die Importe diesen Ansprüchen in den seltensten Fällen genügen und zweitens die Produkte häufig nur zum Teil entsprechend den Labelvorschriften abgegolten werden. Schweine- und Gemüseproduzenten wissen darüber ein paar Liedchen zu singen. All das hätte ich auch noch sagen müssen, aber vielleicht liest er ja diesen Artikel.

