Wer wird neue Bundesrätin, neuer Bundesrat, fragt sich in diesen Tagen jeder – auch der Schweizer Bauernverband. Martin Rufer, SBV-Direktor, erklärte an der Anicom-Regionaltagung, dass für den Bauernverband auch die Departementsverteilung von Interesse sei. «Wer das Erbe von Simonetta Sommaruga im Departement für Umwelt, Verkehr und Energie (UVEK) übernimmt, bestimmt den Kurs für Raumplanung, Umweltschutz, Jagdgesetz und Biodiversität», sagte Rufer.
Am Montag hatte sich der Klub der landwirtschaftlichen Parlamentarier getroffen und hörte sich die Bundesratskandidaten an. «Es sind alles valable Kandidatinnen und Kandidaten. Eine Empfehlung geben wir nicht ab», sagte Martin Rufer an der Anicom-Tagung. Man darf also gespannt sein, wie sich das Parlament und die bäuerlichen Parlamentarier am 7. Dezember entscheiden werden.
Landwirtschaft im Parlament
Zu kurz kommt in Bundesbern die Landwirtschaft aktuell aber nicht. Im Parlament wird über das Bundesbudget, die AP 22+ und das Jagdgesetz verhandelt.
Wichtig sei der Termin am 14. Dezember, sagte Martin Rufer. Dann stimme der Nationalrat über die Motion «Nahrungsmittelproduktion hat Vorrang» des Walliser Ständerats Beat Rieder ab zur Streichung der 3,5%-Biodiversitätsförderfläche auf Ackerland. «Im Ständerat gab es dafür eine Zweidrittelmehrheit, im Nationalrat dürfte die Motion umstrittener sein», prognostiziert Martin Rufer.
An der Regionaltagung der Anicom ging es aber in erster Linie um Nutztiere und den Fleischmarkt. Cyrill Schildknecht, Präsident des Regionalausschusses Ostschweiz, begrüsste rund 200 Bäuerinnen und Bauern und erinnerte an die Abstimmung zur Massentierhaltungs-Initiative, die abgelehnt worden war. Dennoch mahnte er: «Wir haben den Bezug zum Städter etwas verloren. Es ist an uns, diesen Kontakt wieder enger werden zu lassen.»
Städter erobern
Das Thema nahm auch Martin Rufer auf. Er erwähnte die Gräben, die sich auftaten zwischen Stadt und Land, sowie das unterschiedliche Abstimmungsverhalten von Frauen und Männern. Die Massentierhaltungs-Initiative fand denn auch mehr Anklang in den Städten und bei den Frauen. «Statt unsere Hoftüren zu öffnen, werden wir mit der Landwirtschaft vermehrt in die Stadt gehen», kündigte Rufer eine Kehrtwende in der Basiskommunikation an. Auch gelte es, Statements und politische Botschaften vermehrt an die weibliche Zielgruppe zu richten.
Erwartungsgemäss wurde auch über die derzeit angespannte Situation auf dem Schweinemarkt diskutiert. «Der Schweinezyklus ist um zwei Jahre übersteuert», erklärte Julius Jordi, Anicom-Leiter Ostschweiz, den Preiszerfall. Er versprach aber bessere Zeiten: «2023 wird kein Bombenjahr, aber die Marktlage wird entspannter.» Auch zu den Marktentlastungsmassnahmen via Export nahm er Stellung. Dabei handle es sich um eine «Feuerwehrübung», aber Export sei kein Zukunftsmodell. Er vertraut diesbezüglich auf die Instrumente, welche die Anicom weiterverfolgt.
So führe die Anicom ein saisonales Bonus-Malus-Preissystem für Mastjager ein. Ab Mitte November bis Ende Januar gebe es einen Bonus pro gelieferten Mastjager und ab Ende April bis Anfang Juli werde ein Malus abgezogen. Zudem werde das Jungsauen-Abonnement auf die Saisonalität angepasst. Mit diesem Anicom-Abo erhalten die Produktionsbetriebe bei Erfüllen bestimmter Anforderungen Rabatt pro zugekaufte Jungsau. Aber es schleckt keine Geiss weg, viele Schweinehalter sind frustriert. Einige werfen das Handtuch und geben die Produktion auf.
Aufgeben und umnutzen
Zu Recht fragte ein Teilnehmer, was mit den leer stehenden Schweineställen geschehen solle und ob eine Umnutzung möglich sei. Martin Rufer verwies auf das Raumplanungsgesetz und plädierte dafür, in der Landwirtschaft primär Urproduktion zu betreiben. Umnutzungen zu Wohnraum, zu Gewerbe- oder Lagerhallen seien nicht zonenkonform. Der Bauernverband favorisiere einen Rückbau – und zwar finanziert durch Bund und Kanton.

