Neue Möglichkeiten: Pflanzenkohle nicht mehr nur aus Holz

Es darf in der Schweiz nicht mehr nur naturbelassenes Holz zu Pflanzenkohle pyrolysiert werden. Das kann ein Risiko sein. Der Fachmann rät, beim Kauf kritisch zu sein.

Die revidierte Düngerverordnung (DüngerV) erlaubt neue Ausgangsmaterialien für die Herstellung von Pflanzenkohle. Bisher durfte zu diesem Zweck in der Schweiz nur naturbelassenes Holz pyrolysiert werden, neu orientiert sich das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) weitestgehend am EU-Recht. Dieses erlaubt sehr viel, mit Ausnahme von (u. a.) Siedlungsabfällen, Klärschlamm und tierischen Nebenprodukten. In der Schweiz ebenfalls verboten ist die Produktion von Pflanzenkohle aus Hofdünger, hält das BLW auf Anfrage fest.

Erfahrung mit Holz

Die Branche hätte also mehr Möglichkeiten. Ob diese in naher Zukunft genutzt werden, ist aber sehr fraglich. «Am meisten Erfahrung in Technik und Anwendung haben wir bei Pflanzenkohle aus naturbelassenem Holz», erklärt Adrian Würsch. Er ist Geschäftsleitungsmitglied der Verora AG, die selbst im Kanton Zug Pflanzenkohle (PK) herstellt, und ausserdem im Vorstand des Fachverbands Charnet. Rund um PK gibt es immer wieder Diskussionen über positive oder auch negative Effekte. «Aus unserer Sicht und mit unserer Technik sowie Holz als Rohstoff gibt es keine Probleme für die Umwelt und wir sehen Effekte im Stall, im Dünger und im Boden», fasst Würsch zusammen.

Die Pyrolyse ist kein einfacher Prozess, der für ein anderes Ausgangsmaterial wohl angepasst werden müsste. «Mit einem fehlerhaften Prozessparameter ist schnell ein zu hoher PAK-Wert passiert», gibt Adrian Würsch zu bedenken. Insofern begrüsst er, dass in der Schweiz bei Schadstoffen wie PAK und Schwermetallen in der PK weiterhin höhere Grenzwerte gelten als in der EU.

Gleiche Wirkung?

Das Vermeiden von Schäden ist allerdings das eine, die erhoffte Wirkung das andere. Adrian Würsch zweifelt daran, dass sich aus jedem zugelassenen Rohstoff wirksame PK herstellen lässt. «In Deutschland wird diskutiert, festes Gärgut aus Biogasanlagen zu verkohlen, und das schwarze Pulver daraus wird mit Argumenten angepriesen, die auf der beobachteten Wirkung von PK aus pyrolysiertem Holz stammen», kritisiert er. Das Endprodukt sei aber ein anders und mit neuen Ausgangsmaterialien mache man gleichsam ein Fass auf, das ein gewisses Risiko mit sich bringt: «Der Markt ist noch klein und wir können uns keinen Skandal leisten. Sonst könnte der Bund der Anwendung gesamthaft einen Riegel schieben.»

Indes hält es Adrian Würsch nicht für unmöglich, dass es dereinst auch aus anderen Rohstoffen gute PK geben wird. Versuche würden dazu laufen, auch für Nebenprodukte der Lebensmittelindustrie. Da gelte es aber noch technische und wirtschaftliche Fragen zu klären. «Für die Verora AG ist das kein Thema», sagt der Fachmann, «wir haben jetzt ein stabiles Produkt und sind für Holz eingerichtet.»

«Das Label EBC allein reicht nicht.»

Adrian Würsch, Charnet, ruft beim Kauf zur Vorsicht auf.

Kritisch sein beim Kauf

Die DüngerV sieht mit Vorgaben zum Pyrolyse-Prozess und Analysen des Endprodukts verschiedene Massnahmen vor, mit denen die Qualität vermarkteter Dünger sichergestellt werden soll. Deren Wirkung und Umsetzung in der Praxis kann Adrian Würsch derzeit nicht beurteilen, zumal sie sich ebenfalls auf das komplizierte Regelwerk der EU abstützen. Landwirt(innen) empfiehlt der Fachmann aber, beim Kauf von Pflanzenkohle in jedem Fall kritisch zu sein. «Das Label European Biochar Certificate (EBC) allein reicht nicht», führt er aus. Mit dem Schweizer Recht kompatibel seien lediglich die beiden EBC-Kategorien «Futter plus» und «Agro Bio». Mit der revidierten DüngerV zeigt sich Charnet im Grossen und Ganzen zufrieden. Man werde damit arbeiten und wo nötig auf Anpassungen pochen.

«Es dauert noch eine Weile, bis wir mit Pflanzenkohle die Welt retten können», meint Adrian Würsch scherzhaft. Vonseiten Klimaschutz und Abfallindustrie nimmt er aber ein Interesse wahr, PK aus verschiedenen Rohstoffen an Landwirte zu verkaufen, um damit CO2 im Boden zu binden und die eigene Klimabilanz zu verbessern. Würsch sieht das kritisch und betont statt der gebundenen Klimagase lieber die positiven Effekte der PK für die Landwirtschaft. «Das Potenzial ist gross, wenn die richtige Kohle richtig angewandt wird», ist er überzeugt und sieht für PK eine gute Zukunft mit verbreiteterem Einsatz. «Aber eher in 30 als in drei Jahren.»