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Plötzlicher Todesfall: Wenn es plötzlich ohne Chef klappen muss

Ueli Gerber war Landwirt mit Leib und Seele. Bis er am 2. September 2019 durch das Dach seiner Halle stürzte und bei diesem tragischen Unfall ums Leben gekommen ist. Eine menschliche Tragödie, die aber auch viele praktische Herausforderungen zur Folge hatte.

Kurz & bündig

  • Landwirt Ueli Gerber ist bei einem Unfall verstorben.
  • Der Unfall ereignete sich drei Tage vor der Kartoffelernte.
  • Die Hinterbliebenen organisierten die Ernte von 21 ha Kartoffeln.
  • Im Zentrum stand der Wunsch, die Arbeit im Sinne des Verstorbenen zu erledigen.
  • Geld spielte bei allen Beteiligten eine untergeordnete Rolle.
  • Hilfreich für Hinterbliebene:
  • Genaue Aufzeichnungen über alle Betriebszweige.
  • Erbrechtliche Fragen bereits vorgängig geklärt.
  • Präzise Aufzeichnungen und geordnete Ablage.
  • Mitarbeiter in Betrieb einbeziehen und Wissen teilen.
  • Jährlich wiederkehrende Arbeiten möglichst nach fixen Abläufen erledigen.

Ueli Gerber bewirtschaftete in Therwil BL einen Ackerbaubetrieb mit 52 Hektaren – davon 21 ha Kartoffeln. Diese hat er die ganze Saison hindurch intensiv gepflegt. Die Kartoffeln waren der Hauptbetriebszweig von Ueli Gerber und seine grosse Passion als Produzent.

Moritz Gall ist Rechtsanwalt und der Bruder der Lebenspartnerin von Ueli Gerber. Er pflegte einen guten Kontakt zum Landwirt und hat bereits früher immer wieder auf dem Betrieb ausgeholfen: Auf dem Vollernter, beim Führen der Kartoffeln oder wo sonst gerade Not am Mann war. Für Gall war nach dem tödlichen Unfall klar: «Wir müssen uns um die Kartoffelernte kümmern.»

Die Kartoffeln waren die Passion von Ueli Gerber

Der finanzielle Aspekt stand dabei nicht im Vordergrund. Allen Beteiligten war klar: Es wäre nicht im Sinne des Verstorbenen, wenn die Kartoffeln im Boden verfaulen würden. Zu viel Engagement und Herzblut hat er in deren Wachstum investiert.

Moritz Gall erinnert sich: «Die Ernte war bereits geplant und sollte drei Tage nach dem Unfall, beginnen.» Zum Glück war alles bestens vorbereitet: Die Sortier- und Kalibriermaschine auf dem Hof war betriebsbereit, der Roder war bestellt.

Aufgrund dieser Umstände konnten die Hinterbliebenen gemeinsam mit dem ebenfalls als Landwirt tätigen langjährigsten Freund von Ueli Gerber sowie der benachbarten Bauernfamilie den Entscheid fällen, die Ernte trotz der tragischen Umstände in Angriff zu nehmen.

Wertvolle Hilfe von Hinterbliebenen und Angestellten

«Alleine wäre das alles natürlich unmöglich gewesen», gesteht Moritz Gall. Die Hinterbliebenen konnten auf wertvolle Hilfe zählen: Die beiden polnischen Angestellten von Gerber, darunter ein langjähriger Mitarbeiter, legten sich kräftig ins Zeug.

«Sie wussten, wie die Ernte und Einlagerung genau abläuft und wie die Maschinen zu bedienen sind», erzählt Gall. Auch seine Schwester wusste Bescheid darüber, wie ihr verstorbener Partner die Ernte jeweils organisiert hat.

«Diese Hilfsbereitschaft von allen Seiten zu spüren war sehr schön, weil sie auch ein Zeichen dafür war, wie sehr Ueli von seinem ganzen Umfeld geschätzt wurde, seien es Berufskollegen oder Angestellte», erinnert sich Moritz Gall. Auch, dass bei der ganzen Übung nie das Geld im Vordergrund gestanden sei. «Uns allen, die mitgeholfen haben, war irgendwie klar, dass wir das für Ueli machen.»

In der Ausnahmesituation haben alle am gleichen Strick gezogen

Natürlich musste dennoch über Geld gesprochen werden, doch auch das lief im Guten ab. «Der Kontakt mit Uelis Geschwistern war auch sehr gut. In dieser Ausnahmesituation haben alle am gleichen Strick gezogen, und die Geschwister haben uns das Vertrauen geschenkt, dass wir das Richtige tun.» Die Motivation und Einsatzbereitschaft ist das eine, doch für die Ernte und Einlagerung von 21 Hektaren Kartoffeln braucht es auch Fachwissen.

«Hier waren wir in der glücklichen Situation, dass Ueli über den Kartoffelanbau fast schon akribisch genau Buch geführt hat», so Gall. Alle wichtigen Aufzeichnungen seien in einem Ordner vorhanden gewesen. «Es war auch bereits festgehalten, wann und in welcher Reihenfolge die Parzellen geerntet werden sollen.»

Die Umsetzung klappte dann erstaunlich gut. Die beiden mit Ueli Gerber befreundeten Landwirte wussten jeweils gut Bescheid, welche Böden nach einem Regen nicht befahrbar waren und wo man bereits mit der Ernte fortfahren konnte. Mit ihrem Fachwissen schaffte man es, innert gut zwanzig Tagen die ganze Ernte einzufahren.

Die Abläufe so beibehalten, wie Ueli Gerber sie pflegte

Da Ueli Gerber seine Kartoffeln aber jeweils selber gewaschen, gepackt und vermarktet hat, war die Arbeit damit nicht abgeschlossen. «Eine grosse Frage, die wir uns stellen mussten, war folgende: Sollen wir die Ernte vor dem Einlagern kalibrieren oder nicht?», erinnert sich Anwalt Moritz Gall.

Man hat sich dazu entschieden, die gewohnten Abläufe beizubehalten und zu kalibrieren, was nicht zuletzt aufgrund des Know-hows der beiden Angestellten möglich war. So konnte man am Schluss stolz darauf sein, rund 850 Tonnen Kartoffeln genau so eingelagert zu haben, wie auch Ueli Gerber das getan hätte.

Situation dank Unterstützung gemeistert

Moritz Gall möchte sich aber nicht als Stellvertreter von Ueli Gerber verstanden wissen. «Dieser Rolle hätte ich nie gerecht werden können. Alle haben enormen Einsatz geleistet und einen wichtigen Beitrag geleistet. Meine Rolle war vernachlässigbar.»

«Viel wichtiger war es, auf das Fachwissen der beiden Landwirte zurückgreifen zu können, auf die langjährige Erfahrung der polnischen Angestellten sowie die Unterstützung von Freunden von Ueli Gerber.»

Zu diesen gehörte namentlich auch der in Bättwil SO ansässige Landmaschinen-Mechaniker Martin Doppler. «Martin ist ein langjähriger Freund, und er war für mich in dieser Situation deshalb sehr wichtig, weil ich wusste, dass auch Ueli immer grosse Stücke auf ihn hielt und ihn, wie ich auch, als Vertrauensperson schätzte. So konnte ich mich bei Problemen oder Unklarheiten jederzeit an ihn wenden und ihn fragen wie Ueli in seinen Augen in dieser oder jener Situation gehandelt hätte.»

Nach der Ernte begann die Frage nach der Vermarktung. Ueli Gerber hat nebst der Direktvermarktung auch mit der Terralog zusammengearbeitet. Moritz Gall: «Pascal Moret und Simon Werthmüller von der Terralog haben uns bald auf dem Betrieb besucht und ihre Hilfe angeboten. Die Terralog war ein sehr guter Partner und hat uns bei der Vermarktung unterstützt.»

Handschriftliches Testament mit Wunsch für den Betrieb

Nach der unmittelbaren Aufgabe der Kartoffelernte trat mit der Zeit eine andere, grössere Frage in den Vordergrund: Was passiert nun mit dem Landwirtschaftsbetrieb? Zu dieser Frage hat Ueli Gerber in einem handschriftlichen Testament Stellung bezogen: Sein Wunsch war es, dass der Betrieb an die Nachbarsfamilie – ebenfalls Landwirte – verkauft wird.

Betrieb Gerber

Ueli Gerber (verstorben am 2. September 2019), Therwil BL

LN: 52 ha (inkl. Ökofläche)

Kulturen: 21 ha Kartoffeln (Gesamtmenge Kartoffeln inkl. Futterkartoffeln: rund 850 Tonnen), 1,3 ha Süsskartoffeln

Zusätzliche Kulturen: Zuckerrüben, Winterweizen

Arbeitskräfte: Ueli Gerber plus 2 Angestellte sowie saisonale Aushilfen

Spezialfall Landwirtschaft

Kleine Betriebe, egal ob Landwirtschaft oder sonstiges Gewerbe, haben oft gemeinsam, dass die Verantwortung auf dem Schultern des Betriebsleiters lastet. Die meisten Betriebe sind zu klein, als dass sie sich Strukturen mit einem Stellvertreter leisten können.

Verunglückt der Betriebsleiter und fällt aus, ist es eine enorme Herausforderung, den Betrieb einigermassen nahtlos weiterzuführen. In der Landwirtschaft kommen als besondere Umstände noch die Saisonalität (im Ackerbau) und die tägliche Verpflichtung gegenüber den Tieren hinzu.

Was im Todesfall von Ueli Gerber den Hinterbliebenen geholfen hat, waren seine detaillierten Aufzeichnungen. Aber auch, dass einige Personen in den Betrieb involviert und gut informiert waren, hat die Kartoffelernte erleichtert.

Auch die Tatsache, dass sich der Ablauf der Ernte auf dem Betrieb von Ueli Gerber über die Jahre eingespielt hat und vieles immer gleich ablief, war hilfreich.

Letztendlich steht und fällt aber alles damit, dass Menschen bereit sind, nach einem Todesfall in die Lücke zu springen, sich einzusetzen und zu helfen. Und der Grundstein hierfür wird vermutlich zu Lebzeiten im täglichen Umgang mit den Menschen aus dem beruflichen und privaten Umfeld gelegt.