An meine Haut lasse ich nur Kohlenstoff, Wasser und Luft» – so oder so ähnlich hätte im Jahr 1935 der Werbeslogan für eine epochale Erfindung lauten können.
Damals meldete der US-Amerikaner Wallace Carothers ein Patent auf eine synthetische Faser an: Polyamid, besser bekannt als Nylon. Am 15. Mai 1940 kam die erste Nylon-Strumpfhose in amerikanische Läden.
Synthetische Faser schützen den Landwirt vor Wind und Wetter
Was das mit dem Arbeitsalltag des Landwirtes Albert Steger aus Altstätten im St. Galler Rheintal zu tun hat? So einiges! Jahrhundertelang kleidete sich der Mensch in natürliche Garne aus Baum- oder Schafwolle. Mit Nylon brach ein neues Zeitalter an. Das Zeitalter der synthetischen Fasern.
Schnell bewies die Kunstfaser Polyamid, dass «ihre» Garne Alleskönner sind: gleichmässig, leicht schmelz- und formbar sowie äusserst reissfest.
Kurz darauf folgte die Entwicklung von Polyester, einer synthetischen Faser aus Polyethylen-Terephthalat (bekannt als PET). Dieser thermoplastische Kunststoff veränderte die Textilherstellung nachhaltig. Vor allem Funktions- und Arbeitskleidung profitieren von seinen zweckgerechten Eigenschaften.
Denn für bewegungsintensive Arbeiten im Regen, im Stall oder an der Werkbank stellt Albert Steger hohe Anforderungen an seine Kleidung:
Die innerste Schicht sorgt durch Schweisstransport und dampfdurchlässiges Material dafür, dass der Körper weder auskühlt noch überhitzt («die grüne» Heft 01/2018).
Die Zwischenschicht isoliert (siehe «die grüne» Heft 02/2018).
Die äussere Schicht muss robust und scheuerfest sein, ohne dabei die Bewegungsfreiheit einzuschränken («die grüne» Heft 04/2018).
Materialkunde: Die Mischung macht den Unterschied
Auf den Etiketten moderner Arbeitskleidung wird viel versprochen. Laut den Herstellern sind sie meist funktionelle Alleskönner: atmungsaktiv, wasserdicht, abriebfest und elastisch. Um zu verstehen, welches Kleidungsstück für welchen Einsatz am meisten Sinn macht, lohnt sich ein genauer Blick auf die Zusammensetzung des Materials.
Die am häufigsten verwendete Kunstfaser in der Textilindustrie ist aus Polyester. Sie ist leicht, weich und reissfest. Auch in Sachen Regenschutz punktet diese Mikrofaser: Die extrem kleinen Poren machen den Stoff sehr dicht und dadurch abweisend gegenüber Schmutz oder Wasser.
Gleichzeitig wird dadurch aber die Atmungsaktivität eingeschränkt. Damit Albert Steger bei anstrengenden Arbeiten nicht ins Schwitzen gerät, werden in vielen Jacken und Hosen atmungsaktive Mischgewebe verbaut. Das heisst: die Verknüpfung von unterschiedlichen Garnen auf der Gewebestufe samt ihrer jeweils positiven Eigenschaften.
Durch die Kombination von Polyester und Baumwolle entsteht zum Beispiel ein Stoff, der strapazierfähig und scheuerfest ist. Durch den Anteil an Baumwolle ist er auch atmungsaktiver und hautfreundlicher als reines Polyester.
Ein «heisser» Tipp: Bei der Arbeit mit Flammen und Funkenflug ist der Landwirt mit Kleidung komplett aus Baumwolle am besten beraten. Denn diese ist unempfindlich gegen elektrostatische Aufladung und schmilzt im Gegensatz zu reinem Polyester auch bei hoher Hitzeeinwirkung nicht.
Während Polyester oft das gesamte Kleidungsstück ausmacht, kommen belastbare Polyamide wie Nylon in Arbeitskleidung meist nur an stark belasteten Stellen zum Einsatz. Sie sind reissfest, scheuerfest und widerstandsfähig gegen Säure.
Gute Arbeitskleidung schützt auch vor Verletzungen
Unter dem Namen Ripstop (Reiss-Stop) werden Körperpartien wie Ellenbogen oder Knie mit speziellen Nylon-Verstärkungen ausgestattet. Um eine herausragende Stabilität zu erreichen, integrieren die Hersteller im Abstand von 5 bis 8 Millimetern dickere Fäden in das ansonsten dünnere Gewebe.
Ein häufig eingesetztes Ripstop-Material ist Cordura. Sieben Mal so abriebfest wie Baumwolle, eignet es sich ideal zur Verstärkung von Be-
lastungszonen. Selbst das häufige Rutschen auf Knien kann dem Stoff nichts anhaben.
Auch Kevlar basiert auf Nylon. Bei gleichem Gewicht besitzt diese Faser eine fünf Mal höhere Festigkeit als Stahl und eignet sich damit hervorragend für Schutzkleidung und Schutzzubehör.
Auch robuste Kleidung macht den Landwirt nicht unbeweglich
Wer diesen Katalog an «Robust-Machern» liest, könnte den Eindruck bekommen, dass sich Albert Steger in einer Art stabiler Ritter-Rüstung bewegt. Trotz Schutz und Verstärkungen ist der Landwirt aber beweglich, wenn er vor einer Maschine kniet, wenn er mit der Motorsäge hantiert – und sogar beim Eier sammeln im Hühnerstall.
Das liegt an bewegungstauglichen Schnitten und einem hohen Anteil dehnfähiger Materialien wie Elastan. Diese extrem dehnbare und elastische Kunstfaser wird unter anderem Baumwoll- oder Polyester-Gewebe beigemischt. Stretch-Materialien mit Elastan sind dünn und fallen daher in der Gesamtkonstruktion kaum auf. Sie sind aber reissfest und formbeständig. So kehrt das Kleidungsstück nach dem Ausdehnen immer wieder in seine Ursprungsform zurück und schränkt die Funktionen des restlichen Materials nicht ein.
Sorgfalt am Waschtagerhält die Schutzfunktion
Um funktionelle Eigenschaften wie wasserabweisend, atmungsaktiv oder scheuerfest lange zu erhalten, braucht es regelmässige Pflege. Denn extreme und ständige Beanspruchung bringt auch das beste Textil nach einer gewissen Zeit an seine Grenzen.
Bevor ein Kleidungsstück in die Maschine wandert, lohnt der Blick auf die Waschanleitung. Denn Jacke ist nicht gleich Hose – und jedes Material verlangt nach individueller und behutsamer Pflege.
Regelmässiges Waschen verhindert effektiv, dass die mikroskopisch kleinen Löcher der atmungsaktiven Membran oder robusten Beschichtung durch Schmutz, Hautfette und Hautreste verstopfen.
Vorsicht ist bei der Wahl des Waschmittels geboten, denn ein Weichspüler kann der Imprägnierung schaden. Saugt sich nach längerem Einsatz die Arbeitsjacke von Albert Steger im Regen mit Wasser voll, dann ist diese weder «kaputt» noch bereit für die Altkleidersammlung.
Bei einer funktionierenden Imprägnierung zieht das Wasser nicht in den Oberstoff der Jacke ein, sondern bildet kleine Tropfen, die abperlen. Mit einer Nachbehandlung durch Spray-Imprägnierung ist das Feuchtproblem schnell behoben.
Bei wieviel Grad das Kleidungsstück zu waschen ist, hängt von der Zusammensetzung des Materials und der Verarbeitung ab. Vorsicht vor allem bei Stretch-Material: Regelmässige 60-Grad-Wäsche und Weichspülern machen Kunstfasern wie Elastan rissig und reduzieren ihre Dehnfähigkeit.
Cordura oder Kevlar können dagegen bei 30 bis 60 Grad in die Waschmaschine. Durch die wasserabweisende Funktion des verstärkenden Gewebes reicht aber bei groben Verschmutzungen oft auch das Abwischen mit einem feuchten Tuch. Das müsste man (oder eher Frau) mal bei einer Nylon-Strumpfhose probieren.