«Das waren jeweils eindrückliche, hoch interessante Anlässe mit 100 und mehr Viehzüchtern (Frauen tauchten erst nach 2010 auf).» So schwärmen Christian Sutter, Braunviehzüchter aus Bretzwil BL und 22 Jahre Präsident Braunvieh Baselland, sowie Roland Baumgartner, 33 Jahre Tierzuchtlehrer an der Landwirtschaftlichen Schule Ebenrain, Sissach BL, über die Stierenversammlungen. Während Jahrzehnten organisierte die Zentralstelle Tierzucht des Amts für Landwirtschaft ab den 1960er-Jahren Anfang Dezember die «Orientierungsversammlungen zwecks Auswahl der Besamungsstiere» für alle drei Rassen, die sogenannten «Stierenversammlungen». Und immer fanden diese im Landgasthof Hirschen, Diegten BL, statt.
Das ist unsere Sommerserie
Die Sommerserie der Regionalredaktion Nordwestschweiz, Bern und Freiburg ist in diesem Jahr eine Reise in die Vergangenheit. Menschen erzählen von Ereignissen, welche ihr Leben veränderten, reisen gedanklich in diese Zeit zurück. Dies ist der letzte Teil der Sommerserie 2020.
Der Versand der getroffenen Stierenauswahl erfolgt rasch
Die Stierenversammlungen seien im Hinblick auf den Einsatz der KB-Stiere, besonders der für die Nachzucht positiv geprüften, damals die wichtigste Grundlage gewesen für den Zuchtfortschritt. Anfänglich wünschten die Tierärzte, angesichts des grossen Angebotes, bei den drei Hauptrassen eine Beschränkung auf die wirklich gefragten Stiere. Als dann alle Züchter offiziell die Möglichkeit hatten, an diesen Orientierungsversammlungen teilzunehmen und in den von den KB-Stationen herausgegeben Besamungskatalogen zu blättern, habe die Viehzucht enorme Fortschritte gemacht in Bezug auf Milchleistung, Gesundheit und Funktionalität. Bereits am Tag nach der Versammlung versandte die Zentralstelle Tierzucht die «für die Herdebuchzüchter repräsentative und verbindliche getroffene Auswahl» an die Besamungstierärzte und die Zuchtbuchführer der beiden Basel. Die Wunschliste wurde ergänzt mit persönlichen Empfehlungen, Ratschlägen und Erfahrungen.
Die Anlässe im Landgasthof waren legendär
Eigentlich erstaunlich, dass sie schon am nächsten Tag verschickt werden konnte. Denn Anlässe im Landgasthof Hirschen, waren es Jahresversammlungen oder andere bäuerliche Zusammenkünfte, begannen am Stammtisch in der gemütlichen Gaststube, setzten sich fort im Saal im ersten Stock, und endeten wieder in der Gaststube. «Es wurde regelmässig ‹überhocket›», sagt Christian Sutter und lacht, «es wurde politisiert, gestritten, geschlichtet; es war nie langweilig.» Und das zu Zeiten, als es noch kein Rauchverbot gab in öffentlichen Lokalen. «Diese Zusammenkünfte waren oft reinste Cabarets», erinnert sich Roland Baumgartner. «Ausserdem erfuhr man alle regionalen Neuigkeiten, die letzten und die nicht aktuellen, die wichtigen und die anderen.»
Die Viehzucht wird professioneller
Die Männer schwärmen von langjährigen beliebten Stieren wie Mort Jade Starbuck, erzählen von Reisen in die USA mit Besuchen bei bekannten Brown-Swiss-Züchtern und von der Zeit, als die Viehzucht noch staatlich organisiert war. Professionell sei die Viehzucht geworden, als sie privatisiert wurde. «Das war wichtig», sagt Roland Baumgartner, «denn wir wurden gezwungen, wirtschaftlichere Tiere zu züchten, wobei die verbesserte Tierhaltung und Fütterung sowie die Genetik geholfen haben.» Sutter pflichtet bei: «Die Viehzucht unter rechnerischen Aspekten muss sich noch weiter entwickeln.»
Eine Million Budget für die viertägige Schau
Dem Kontakt zu den Konsumenten messen Roland Baumgartner und Christian Sutter grosse Bedeutung bei und bringen ein eindrückliches Beispiel aus dem Jahr 2000: Die viertägige Tierschau in Pratteln mit über 36 000 bezahlten Eintritten; für Kinder bis 16 Jahre war der Eintritt frei. «Wir hatten ein Budget von knapp einer Million Franken zur Verfügung», erinnert sich der OK-Präsident Roland Baumgartner, «und wurden von grosszügigen Sponsoren unterstützt.» Christian Sutter war Vizepräsident und Chef Ehrengaben. Der personelle Aufwand allein für Auf- und Abbau betrug 600 Arbeitstage. «Es ist nicht übertrieben, wenn wir heute nach 20 Jahren noch sagen», meinen beide, «dass diese Schau wohl das eindrücklichste landwirtschaftliche Ereignis war, das wir in den beiden Basel erleben konnten.» Und wo wurden die Sitzungen für die Planung dieses Anlasses meist abgehalten? Natürlich im «Hirschen» in Diegten, anders könnte es nicht sein.
Das geschah noch im Jahr 2000
- 2000 ist das letzte Jahr des 20. Jahrhunderts sowie das erste der 2000er-Jahre; also ein Säkularjahr.
- Adolf Ogi wird zum zweiten Mal Bundespräsident (zum ersten Mal 1993).
- Angela Merkel wird mit 897 von 935 gültigen Stimmen zur neuen CDU-Vorsitzenden gewählt, nachdem Wolfgang Schäuble wegen der Spendenaffäre zurückgetreten war.
- Wladimir Putin folgt als neuer Präsident auf Boris Jelzin.
- Das Computervirus «Iloveyou» infizierte weltweit 45 Millionen Rechner und richtete einen Milliardenschaden an.
- Die offizielle Bundesfeier auf dem Rütli wird von hunderten Rechtsextremisten mit Pfiffen und Zwischenrufen gestört.
- Ein Drittel des Dorfes Gondo wird von Erdrutschen in die Tiefe gerissen.
- Das menschliche Genom (Erbgut) wird vollständig entschlüsselt – das weckt grosse Befürchtungen wie Hoffnungen.

