Wozu macht man in der regenerativen Landwirtschaft eine Flächenrotte?
Heinz Brauchli: Die Flächenrotte ist ein Fermentationsprozess, bei welchem Milchsäurebakterien das vorhandene Pflanzenmaterial verarbeiten und in Humus umsetzen. Mit einer Flächenrotte kann man einen um 0,1 bis 0,3 % höheren Humusgehalt erreichen, da viel Grünmasse in den Boden gelangt. Das erhöht die Bodenfruchtbarkeit.
Selbst wenn 20 Tonnen Grünmasse pro Hektare eingearbeitet wurden, sieht man bereits nach drei bis vier Wochen nicht mehr viel davon.
Wie setzen Sie die Flächenrotte technisch um?
Die stehende Gründüngung wird vor dem Blühen gemulcht. Direkt im Anschluss fräse ich den Boden mit einer Bodenfräse und spritze gleichzeitig den Rottelenker dazu. Danach schauen wir, ob bis in 40 cm Tiefe Verdichtungen bestehen. Falls ja, setzen wir noch den Tiefenlockerer ein.
Sonst kann man direkt mit einem Grubber oder einer Kreiselegge das Saatbeet vorbereiten. Nach der Flächenrotte zu pflügen ist nicht sinnvoll, denn so wird der belebte Oberboden nach unten gekehrt. Das Bodenleben findet vorwiegend in den obersten fünf Zentimetern statt.
Vor und nach welcher Kultur machen Sie eine Flächenrotte?
Wir haben Salat, Kartoffeln und Mais in der Fruchtfolge. Deshalb legen wir die Rotte meistens im Frühling vor diesen Sommerkulturen an. Vor Mais ist der Zeitpunkt optimal, vor Kartoffeln wird es zeitlich manchmal etwas eng.
Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Flächenrotte?
Am besten gelingt die Flächenrotte im Herbst, im September. Dann sind die Böden noch genügend warm, feucht und die Mikroorganismen aktiv. Im Frühling kann die Rotte auch gut gelingen, aber dann muss man abwarten, bis sich der Boden etwas erwärmen konnte. Eine Rotte sollte nicht vor dem 15. April angelegt werden.
Wenn die Rotte zu früh angelegt wird, ist der Boden zu kalt und die Mikroorganismen sind zu wenig aktiv. Im Sommer ist es zu trocken und heiss, was die Aktivität der Mikroorganismen ebenfalls einschränkt.
Wichtig ist, dass direkt nach der Flächenrotte kein Starkregenereignis kommt. Sonst trocknet der Boden schlecht ab und es gibt eine Schmierschicht.
Nach der Rotte darf nicht direkt gesät werden. Wieso?
Bei der Rotte passiert ein Fermentationsprozess, bei dem das Pflanzenmaterial vom Boden verdaut wird – ähnlich wie das Gras im Pansen einer Kuh. Würde man direkt in die Rotte säen, würden die Keimlinge ebenfalls fermentiert werden.
Deshalb sollte man je nach Temperatur 7 bis 14 Tage warten, vom Beginn der Rotte bis zur Saat. Während dem Rotteprozess muss man immer wieder ins Feld gehen und an der Erde riechen. Sobald diese wieder erdig wie ein Keller und leicht süsslich wie eine Karotte riecht, ist der Rotteprozess abgeschlossen und die Saat kann beginnen.
Braucht es einen Rottelenker?
Milchsäurebakterien kommen bereits im Boden vor. Wenn der Humusgehalt hoch ist, hat es eigentlich genügend Milchsäurebakterien und andere Bakterien für eine Rotte. Aber der Rottelenker bietet eine gewisse Geling-Garantie, wenn beispielsweise die Wetterbedingungen nicht ganz stimmen. Wir setzen EM ein, welches wir aber selbst vermehren.
Für eine erfolgreiche Flächenrotte braucht es Milchsäurebakterien. Sie regen den Fermentationsprozess an. Ohne sie kann es einen Fäulnisprozess geben, ähnlich wie beim Silieren.
Wie und wie viel Rottelenker bringt man aus?
Die Einsatzmenge des Rottelenkers muss man dem Gründüngungs-Bestand anpassen. Wenn die Gründüngung 20 cm hoch ist, setzen wir 70 Liter EM pro Hektare ein. Bei 40 cm Bestandeshöhe braucht es 100 Liter und bei noch höheren etwas mehr EM. Das ist wichtig, weil die Pflanzenmasse vom Boden verstoffwechselt werden muss.
Das EM wird mit Wasser verdünnt, damit es einfacher appliziert werden kann. Wir spritzen mit einer Brühmenge von etwa 150 Liter pro Hektare.
An der Fräse sind Düsen montiert, mit denen der Rottelenker direkt beim Fräsen auf den Boden gespritzt werden kann. Alternativ funktioniert auch ein Fronttank mit einem Balken vorne am Traktor. Wichtig ist, dass der Rottelenker unmittelbar mit Erde in Kontakt kommt und eingearbeitet wird, damit der Fermentierungsprozess beginnen kann und die Bakterien nicht absterben.
Welche Gründüngungen eignen sich für eine Flächenrotte?
Wichtig ist, eine Gründüngungsmischung mit 7 bis 15 Arten zu nutzen, um die Biodiversität im Boden zu fördern. Je artenreicher die Gründüngung, desto artenreicher ist die Zusammensetzung der Bodenlebewesen.
Falls die Flächenrotte im Frühling umgesetzt wird, sollte eine überwinternde Gründüngung gesät werden. Für die Flächenrotte braucht es ausreichend Pflanzenmaterial von lebenden Pflanzen. Mit einer kurzgewachsenen oder abgestorbenen Gründüngung kann keine Rotte betrieben werden.
Welche Maschinen eignen sich für die Flächenrotte und worauf muss geachtet werden?
Wir setzen eine «Celli»-Bodenfräse ein. Bei Bodenfräsen generell ist wichtig, dass die Messer schön eben auf den Boden kommen und die Pflanzen schneiden. Nur so ist ein präziser Schnitt in einer Tiefe von 3 bis 4 cm möglich, ohne eine Schmierschicht zu bilden. Wichtig ist, die Pflanzen nicht tiefer abzuschneiden, damit möglichst wenig Wurzelmasse an der Grün-masse bleibt.
Alternativ funktionieren auch Flachgrubber oder Geohobel gut. Der Geohobel schneidet etwas tiefer als die Bodenfräse. Der Flachgrubber vermischt Pflanzen und Boden etwas weniger gut, weshalb meist eine zweite Überfahrt nötig ist.
Wichtig ist, dass man genug schnell fährt. Etwa 5 bis 7 km/h, damit die Grünmasse gut mit Erde vermischt wird und die Messer nur einmal dieselbe Stelle im Boden bearbeiten.
Was kann man machen, wenn die Rotte fault anstatt fermentiert?
Das kann passieren und es gibt leider keine pfannenfertige Lösung. Wenn die Rotte fault, trocknet der Boden kaum mehr ab und es gibt eine Schmierschicht. Das erschwert das Reinfahren und Bearbeiten des Bodens. Wenn man in dieser Situation pflügt, dreht man die faulige Masse einfach nach unten, wo sie weiterfault.
Man kann versuchen, nochmals Rottelenker zu spritzen und diesen mit Erde zu mischen. So kann eventuell der Fäulnisprozess wieder in einen Fermentationsprozess umgelenkt werden.
Zur Person
Heinz Brauchli hat seinen Landwirtschaftsbetrieb in Diessenhofen TG bereits übergeben, arbeitet aber weiterhin mit. 2010 stellte er den Betrieb auf Bio um und seit 2015 praktiziert er regenerative Landwirtschaft. Nebst der Flächenrotte setzt Brauchli weitere Bodenverbesserungs-Massnahmen ein wie das Ausbringen von Komposttee, Untersaaten und das Einmischen von Pflanzenkohle in die Gülle.

