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Wann ist es bei uns so weit, dass wir auf die Strassen gehen?

Muss unsere Wohlstandsgesellschaft zuerst wieder mal «auf die Schnauze» fallen, um die Arbeit der Landwirtinnen und Landwirte wieder mehr schätzen zu lernen, fragt sich unser Autor.

Unsere Berufskolleg(innen) in Deutschland sind seit Dezember im ganzen Land auf Strassen und Plätzen am Demonstrieren und haben «die Schnauze voll». Dies, weil die Bundesregierung die Treibstoffzulagen und die reduzierte Fahrzeugsteuer streichen will. Eine Milliarde Euro sollen so gespart werden, auf dem Buckel der Betriebe. Dazu kommen, wie bei uns, immer neue Vorschriften im Pflanzenbau und in der Tierhaltung, welche nur Kosten bringen, aber keine höheren Preise im Verkauf. Das Ganze brachte nun das Fass zum Überlaufen und die Bauern wehren sich zu Recht mit landesweiten Blockaden dagegen. Dies erzeugt viel Goodwill, kann aber auch ins Gegenteil verfallen bei Übergriffen und Provokationen. Hier können die Medien mit einseitigen Berichten schnell eine feindliche Stimmung erzeugen. Das richtige Mass zu finden, ist eine hohe Kunst, ich hoffe, sie haben eine gute Führung.

Jährlich neue praxisfremde Regelungen

Unsere Treibstoffzulagen wurden dank geschlossener bäuerlicher Vertretung mit Hilfe des Bauernverbands im Parlament klar unterstützt und beibehalten. Dies ist nur durch gute und sachliche Überzeugungsarbeit aller Beteiligten möglich. Das ist nicht selbstverständlich und sollten wir in der Schweiz zu schätzen wissen, gerade mit Blick auf das Ausland. Dies habe ich kürzlich in einem Interview mit einer deutschen Bäuerin gehört.

Durch die jährlich neuen, praxisfremden Regelungen schwindet leider auch bei uns die Motivation auf den Betrieben. Es werden von Theoretikern bis ins Detail geregelte Vorschriften erfunden und eine riesige Kontroll- und Verwaltungsbürokratie beschäftigt. Dazu wird seit Jahren von Abbau geredet, aber das Gegenteil ist der Fall. Gerade habe ich wieder von neuen Pilotversuchen in der Schweinehaltung erfahren, welche bei mir die Haare zu Berge stehen lassen. Der Begriff «Weiterentwicklung» erzeugt bei mir mittlerweile erhöhten Blutdruck, da ich weiss, dass es wieder Mehraufwendungen bedeutet – dies notabene ohne höhere Entschädigung.

Der gläserne Bauer lässt grüssen

Die vielen Einschränkungen verhindern immer mehr die belebende, persönliche Individualität auf unseren Höfen, egal, welcher Produktionsrichtung, ob klein oder gross. Vieles wird standardisiert über irgendeine der unzähligen Zertifizierungen. Es muss alles kontrollierbar sein und in ein vorgegebenes Schema passen. Die eigentlich sinnvollen, modernen elektronischen Hilfsmittel wie Drohnen und GPS-Sender werden in ein paar Jahren die Tiere und Maschinen überwachen und als Kontrollinstrumente verwendet werden. Dies alles vordergründig nur zum Zweck der Kontrolle des Tierwohls und des Umweltschutzes. Der gläserne Bauer lässt grüssen.

Im Moment habe ich Mühe, die Betriebsplanung für das kommende Jahr motiviert anzugehen. Aus Erfahrung weiss ich jedoch, dass solche Phasen vorbeigehen mit den schönen Seiten unseres Berufes. Die gibt es zum Glück trotz allem auch noch, gerade in der täglichen Arbeit oder im Umfeld mit Familie und Freundeskreis.

Wohlstandsgesellschaft muss zuerst lernen

Manchmal verspüre ich aber auch Lust, es den deutschen Kollegen gleich zu tun mit lautstarkem Protest. So den Verantwortlichen klarzumachen, dass wir in erster Linie Nahrungsmittel erzeugen und davon anständig leben möchten. Im Moment sehe ich noch den Weg ohne Demo, über den persönlichen Einsatz auf verschiedenen Ebenen, mit Mehrheiten die Entwicklung wieder auf den realen Boden zu bringen. Und die jetzige Wohlstandsgesellschaft muss wahrscheinlich zuerst wieder mal «auf die Schnauze» fallen, um unsere Arbeit wieder mehr schätzen zu lernen …

Zur Person

Sepp Sennhauser ist Co-Präsident von Bio Ostschweiz und St. Galler Mitte-Kantonsrat. Er schreibt für die Rubrik «Arena» im Regionalteil Ostschweiz/Zürich der BauernZeitung.