Es scheint ewig her, dass Fotograf Mattias und ich das Dorf Conters GR im Prättigau verlassen haben. Die Baumgrenze liegt längst hinter uns, die Aussicht ist grossartig. Aber jedes Mal wenn wir glauben, dass es jetzt definitiv nicht mehr weitergeht, gibt die Kehre den Blick auf den nächsten Anstieg frei. Und auf den nächsten Weidezaun: Runter vom Sitz des SsangYong Musso, Draht aushaken, Pick-up vorfahren, Draht einhaken, einsteigen. Wir zählen schon nicht mehr mit.
Endlich die letzte Linkskurve und vor uns viel Stall mit ein wenig Hütte davor: Die Alp Fideriser Duranna, gelegen auf 1869 bis 2054 Metern über Meereshöhe und seit Mitte Juni Heimat für 88 Kühe und das vierköpfige Sennen-Team. Mehrere Landwirte betreiben sie als Genossenschaft, geben ihre Kühe mit und erhalten dann anteilig Käse.
Zwischen 90 und 100 Tage verbringen Senn Martin Auer und seine Helferinnen Jennifer Graber, Melanie Hertner und Rahel Risch diesen Sommer auf der Alp. Einzige Verbindung zum Rest der Welt: das Smartphone.
«Man muss das Sennen-Leben mögen», sagt Martin Auer. Er mag es. So sehr, dass er nach einer Alp-Auszeit von acht Jahren mit gesicherter Vollzeit-Stelle dem Ruf der Alp doch nicht mehr widerstehen konnte. Dies ist Auers erster Sommer auf Duranna. Und auch das Sennen-Team hat so noch nicht zusammengearbeitet. «Das ist die grösste Herausforderung. Das Team muss sich einspielen; man muss sich gegenseitig tolerieren, sich aber auch im richtigen Moment mal aus dem Weg gehen.» Das Erfolgsrezept? «Es gibt kein Patentrezept, jeder Sommer ist anders.»
Auer hievt mit Melanie Hertner Käse auf die mit Kunststoff widerstandsfähig ausgekleidete Pritsche des SsangYong Musso. Die 5-Kilogramm-Laibe werden in Leinen gepackt und auf Stroh gebettet für den Transport. Etwa 80 000 Liter Milch geben die Kühe in drei Monaten auf der Alp. Zehn Liter Milch ergeben rund ein Kilogramm Käse. Macht acht bis neun Tonnen Käse. Genauso oft müsste man mit dem SsangYong Musso für den Abtransport von der Alp Fideriser Duranna ins Tal fahren. Zaun auf, Zaun zu …
Der koreanische Autobauer SsangYong hat harte Zeiten hinter sich: Er galt lange als Reste-Rampe für nicht mehr taufrische Mercedes-Technik und das Design war suboptimal. So wäre SsangYong fast in die Pleite gefahren. Doch inzwischen ist die Modellpalette rundum modernisiert – nur ein neuer Pick-up fehlte.
Der ist mit dem Musso seit diesem Sommer lieferbar. Technisch basiert er auf dem «städtischen» SsangYong-Topmodell, dem SUV Rexton. So geht sonst kein Hersteller im Segment vor, dabei spart die Parallelentwicklung Geld.
Der Weg auf die Duranna war für den Musso kein Problem: Sein 181-PS-Turbodiesel zieht ziemlich knurrig, aber souverän an. Mit 22 Zentimeter Bodenfreiheit durchfährt er fast jeden Bergbach. Und mit seinem zweistufig zuschaltbaren Allradantrieb käme der Musso auch querfeldein weiter, wenn es nötig wäre. Bloss in der Lenkung spürt man, wie der 4x4 in engen Kurven zwängt und knackt. Aber das ist typisch für zuschaltbare Systeme.
Das Aussendesign haben sie bei SsangYong längst im Griff. Von vorne schaut der Musso etwas verwechselbar aus. Aber die Sicken über den Rädern und die fadengerade Ladepritsche sind ungewöhnlich. Letztere schaut geräumiger aus, als sie ist: Ihr fehlt bei grosser Ladehöhe ein halber Quadratmeter Fläche zur Konkurrenz. Eine XL-Version des Musso mit mehr Bodenfläche ist in Vorbereitung.
Als Abdeckung ist bislang nur ein verglastes Hardtop lieferbar, das den Musso quasi zum SUV macht. Rollos, Deckel oder Planen? Derzeit nicht, aber vielleicht kommt da noch was. Das Material fürs Zäunesetzen kommt auf der Ladefläche aber auch ohne Dach aus.
Im Interieur vermisst man nichts. Vor allem bei der Verarbeitung hat SsangYong Riesenschritte gemacht – der Musso schaut nicht mehr nach Nutzfahrzeug aus. In der Top-Version «Sapphire» gehören Klima-Automatik sowie beheizte und belüftete Ledersitze dazu, zudem Digitalradio und Navi.
Für private Kunden dürfte die Basisversion «Crystal» trotz Budget-Preis nichts sein – selbst die Airbag-Ausrüstung ist dann nur minimal. Schade auch, dass die Längsverstellung der Lenksäule und die tempoabhängige, sehr präzise Servolenkung nur im «Sapphire» zu haben sind.
Schön, ist die Optionenliste so kurz. Aber seltsam, dass die aufpreispflichtigen, aber empfehlenswerten Assistenzsysteme nur mit 20-Zoll-Rädern geliefert werden. Der Musso wird auch «nur» mit grosser Kabine gebaut. Kurze Fahrerhäuser spart sich Ssang-Yong. Wohl auch, weil die Käufer statt 1 Tonne Käse eher Kanus oder Kinderzimmer aus dem Selbstbau-Möbelhaus transportieren und fünf Plätze wollen.
In die grosse Kabine würde dafür das ganze Sennen-Team passen, wenn sie mal den Berg-Koller hätten. «Das liegt aber nicht drin», sagt Auer. «Wir gehen um 22 Uhr ins Bett, um 3.15 Uhr klingelt der Wecker fürs erste Melken.»
Misten, Käsen, Putzen – schon ist der halbe Tag rum. Über Mittag eine kurze Pause, bevor abends die zweite Schicht ansteht. Insgesamt 10 Stunden jeden Tag. «Aber mir passt es genau so!» sagt Auer. Ausserdem müsste er auf dem Weg ins Tal ja ständig aus- und einsteigen. Zaun auf, Zaun zu …
Der Autor Andreas Faust ist Soziologe, Ex-Chefredaktor der «Auto-Illustrierten» und heute Managing Director der Bärtschi Media AG (Auto-Testberichte u.a. für «Blick», «SonntagsBlick» und das «Migros-Magazin»).
Ein Pick-up ist ein Sackmesser auf vier Rädern
Wer die Anschaffung eines Pick-ups plant, sollte sich auch Gedanken über die mögliche Nutzung machen – denn zahlreiches Zubehör ist lieferbar. Obligatorisch bei jeder Marke sind Abdeckungen für die Pritsche. Bei jedem – auch beim neuen SsangYong Musso – ist ein verglaster Dachaufbau lieferbar mit oben angeschlagener Heckklappe. Dieser verleiht dem Pick-up eine Kombi-Funktionalität. Alternativen sind Alu-Rollos, die per Federzug geöffnet werden, Klappdeckel mit Gasdruckfedern oder Kunstlederplanen. Manche Lösungen werden aber von Drittanbietern erst nach Lancierung des Modells entwickelt. Schliesslich sind einige Pick-ups auch für Anbauten wir Seilwinden oder Schneepflüge vorbereitet. Kauft man sie beim Hersteller, sind sie aufs Auto abgestimmt. Bei Drittanbietern muss man Eignung für den konkreten Pick-up und die Typengenehmigung für den Strassenverkehr abklären. Schliesslich lassen sich die meisten Pick-ups auch als nacktes Fahrgestell mit Fahrerhaus ordern und dann mit massgeschneiderten Aufbauten aufrüsten, vom Kühlkasten bis zum Feuerwehr-Aufbau.
SsangYong Musso «Sapphire»
Masse 5,10 m × 1,95 m × 1,84 m Ladefläche: 2,04 m2, Ladehöhe: 0,57 m Leergewicht: ab 2155 kg Antrieb R4-Turbodiesel, 2,2 Liter 133 kW/181 PS zuschaltbarer Allradantrieb mit Untersetzung, manuelles Sechsgang-Getriebe oder Achtstufen-Automat (Mehrpreis 3000 Franken) Ausstattung u.a. LED-Tagfahrlicht, Nebelschein- werfer, Infotainment-System mit DAB+-Digitalradio und USB-Eingang, Klima-Automatik, Bergan-/-abfahr- Assistent, Tempomat, Rückfahr- kamera, 6 Airbags, Ledersitze Kosten und Verbrauch Basismodell «Crystal» ab 29 900 Fr., Topversion «Sapphire» ab 37 700 Fr. (beide inkl. MwSt.),Verbrauch 7,9 bis 8,6 l/100 km, CO2-Emissionen ab 211 g/km. www.ssangyong.ch/de
Pick-up-Serie
Immer öfter ist auf dem Bauernhof ein Pick-up als «Zweit-Traktor» im Einsatz. «die grüne» testet in einer exklusiven Serie die besten Pick-ups. Heft 02/2018: Renault Alaskan Heft 03/2018: GMC Sierra 1500 SLE Heft 04/2018: Isuzu D-Max Heft 08/2018: Fiat Fullback Die nächsten Folgen: Heft 10/2018: Mercedes X Heft 11/2018: Nissan Navara Heft 12/2018: Ford Ranger Heft 01/2019: VW Amarok Heft 02/2019: Mitsubishi L200 Weitere Pick-ups folgen ...

