Es ist ein Albtraum für viele Landwirte: Plötzlich geben die Kühe keine Milch mehr und sie gehen nur noch zögerlich in den Melkstand. Sie bekommen eine erhöhte Zellzahl, ohne dabei Anzeichen von Euterentzündungen zu haben. Der Grund: Kriechstrom im Stall.
Meistens waren schon der Tierarzt, der Stromer oder ein Melktechniker vor Ort – niemand konnte sagen, was das Problem ist und warum es den Kühen so schlecht geht. Wenn es schon fast zu spät ist, kommt schlussendlich noch Franz Rubin aus Reichenbach BE ins Spiel: Seit 40 Jahren hat er mit Kriechströmen zu tun.
Der gelernte Elektroniker und Gründer der Firma Electrio AG bekommt jede Woche mindestens zwei Anrufe von verzweifelten Landwirtinnen und Landwirten, die nicht mehr weiterwissen. Dank seiner langjährigen Erfahrung ist Rubin zum Kriechstrom-Experten geworden.
Er, der gemütliche Berner Oberländer, braucht meistens nur einen geübten Blick in den Stall und ein paar Messungen im Melkraum, und schon weiss er, wo der Hund begraben ist. Oder besser gesagt, warum es zu Kriechströmen kommen kann. «Letzten Winter war es besonders schlimm. Ich darf aber sagen, dass ich bis jetzt jedes Problem lösen konnte», sagt der Fachmann. Dank seiner Erfahrung in der Kriechstrom-Problematik ist der Berner Oberländer in der ganzen Schweiz unterwegs – von der West- bis hin zur Ostschweiz werden seine Dienste in Anspruch genommen.

Durch Spannung entsteht Strom
Die BauernZeitung darf Franz Rubin bei seiner Arbeit einen Tag lang begleiten. Es geht zum Einsatz nach Lenk BE auf die Alp «Chäli» zur Familie Tritten. Bei Trittens gibt es ein Problem im Melkstand. Zum Teil werden die Euter der Kühe nicht mehr leer gemolken und schon vier Kühe mussten in kürzester Zeit wegen Euterentzündungen (Vierteln) behandelt werden. «So kann es nicht mehr weitergehen», sagt Ueli Tritten auf Anfrage.

Was sind eigentlich Kriechströme? «Sie werden oft auch Streuströme genannt. Sie entstehen durch ungewollte elektrische Potenzialunterschiede im Stall», erklärt Franz Rubin während der Fahrt nach Lenk. Es sind Spannungen auf einer Anlage. Durch Spannung entsteht Strom – das merke die Kuh schneller als der Mensch. «Wasser und Eisen sind besonders empfänglich für das Weiterleiten an Spannungen. Die Kuh als ‹Leiter› spürt den Strom in Form eines Kitzelns und zieht als Reaktion beim Melken die Milch auf, mit der Folge, dass die Zellzahlen steigen», erklärt Rubin den Sachverhalt.
Die Ursachen für Streuströme können vielfältig sein. Sie können von einer fehlerhaften Installation einer Anlage im eigenen Betrieb stammen oder über die natürliche Leitfähigkeit des Bodens von anderen Immobilien in den Betrieb hineingetragen werden. «Die meisten Gründe sind fehlerhafte Erdungen, rostige oder schmutzige Metallteile, welche die Erdung unterbrechen», sagt der Fachmann.
Die Problematik hat massiv zugenommen
Seit den 1980er-Jahren habe die Kriechstrom-Problematik massiv zugenommen, vorher kannte man das Problem nicht. «Die starke Zunahme von Eisen und Elektronik im Bauwesen – wie Rohrmelkanlagen, Melkstände, Melkroboter oder Photovoltaikanlagen – führte dazu, dass wir im Stall und auf dem Betrieb viel mehr mit Strom konfrontiert sind», erklärt Franz Rubin.

Früher wurden die meisten Kühe noch mit einem Standeimer und Vakuumleitung gemolken. Dafür brauchte es keine Elektronik, da gab es auch keinen Kriechstrom. «Heute haben die meisten Melkanlagen eine Milchmessung. Über die Steuerung können hier sogenannte Rippen-Spannungen entstehen, die über die Milch, da Milchfett leitet, aufs Euter zurückgehen. Diese Spannungen beeinträchtigen die Kuh massiv beim Melken», erklärt Rubin. Daher müssen die Zitzenbecher oder die Melkanlage immer «neutral» sein. «Mit Messungen an den Zitzenbechern kann ich kontrollieren, ob da wirklich eine Spannung darauf ist oder nicht», sagt er.
Streuströme, die die Kuh beim Melken spürt
Nun sind wir auf der Alp «Chäli» angekommen. Sie liegt an der Quelle der Simmenfälle oberhalb von Lenk. Das Älplerpaar Hedi und Ueli Tritten ist noch mit Käsen beschäftigt. Franz Rubin geht direkt in den Melkstand. Die neue Hütte mit Laufstall ist ein wahrer Blickfang. Alles ist blitzblank sauber. Sofort nimmt Rubin sein Messgerät hervor und arbeitet sich im Side-by-Side-Melkstand vor.
Sechs Kühe, je drei auf einer Seite, können auf einmal gemolken werden. Auf dem hintersten Platz legt Rubin das Messgerät immer wieder auf ein Metallteil. Und siehe da, die Messung ist viel zu hoch. «Hier gibt es auch keine direkte Verbindung zur Erdung, die ist hier unterbrochen», so seine Erklärung. An diesem Platz würden Streuströme entstehen, welche die Kuh beim Melken spürt. «Ich habe mir schon gedacht, warum die Kühe, die an diesen Platz zum Melken kommen, plötzlich viel weniger Milch geben, als wenn sie am anderen Morgen, an einem anderen Melkplatz gemolken werden», sagt Ueli Tritten über seine Beobachtung.

Schmutz und rostige Teile
«Vielfach ist durch Schmutz oder Rost die Verbindung zur Erdung unterbrochen», erklärt Franz Rubin. Das sei auch hier der Fall: «Diese rostige Schraube und dieses rostige Eisenteil müssen wir jetzt mit dem Schmirgelpapier sauber bekommen», so der Fachmann.
Zusätzlich zieht Rubin noch ein weiteres Kabel, das zur Erdung führt. Eine Stunde später kontrolliert er mit seinem Gerät, ob immer noch Spannung vorhanden ist. Und siehe da: Jetzt ist alles im grünen Bereich. An diesem Melkplatz gibt es keine Kriechströme mehr.
Nun steckt Franz Rubin das Kabel des Geräts Ueli Tritten entgegen. Er möchte die Energie des Betriebsleiter messen. Zwischen Zeigefinger und Daumen hält dieser das Kabelende zusammen. Die grossen Augen von Rubin lassen nichts Gutes erwarten.
«Du bist so stark geladen und unter Strom, das kommt nicht gut», war seine Antwort. Auf seine Frage, ob er mit Handschuhen melke, verneinte der Landwirt seine Frage. «Ab sofort sage ich dir, nur noch mit Gummihandschuhen zu melken. Denn jedes Mal wenn du so mit deinen nackten Händen an das Euter greifst, spürt die Kuh deine energiegeladenen Finger und zieht die Milch auf», erklärt Rubin die Folgen.

Der Melkroboter gehört auf Faserbeton
Aber nicht nur im Melkstand oder beim Melken kann es zu Kriechstromfällen kommen. Wenn die Kühe nicht gerne in das Fressgitter, in die Liegeboxen oder auch nicht gerne saufen würden, deutet das vielfach auf Kriechströme hin. «Auch in diesen Fällen handelt es sich oft um Kriechstrom oder Störungen, die durch ungenügende Erdung zum Vorschein kommen», sagt Rubin. In diesen Fällen gelte es auch, die Störspannungen zu beheben.
Auch bei den Melkrobotern hat Rubin schon viel erlebt. Früher wurden diese auf «einfachen» Beton gestellt und verschraubt. Vielfach kam es dazu, dass so Kontakt zu Armierungseisen entstand, das nicht geerdet war. «Der Melkroboter gehört auf Faserbeton», betont Rubin. Wer in Zukunft einen Stallneubau plane, müsse unbedingt ein Augenmerk auf die Erdungen haben. «Kontrolliert das unbedingt, lasst nur Profis an die Arbeit, sonst habt ihr nach dem Einzug ein riesiges Problem mit dem Kriechstrom», warnt Rubin vor den Folgen.

