Viehzucht
Publiziert: 27.04.2016 / 09:53
Übervolle Euter: Kassensturz sorgt für Emotionen

Die SRF-Sendung Kassensturz berichtete am Dienstag über Spitzenschauen und übervolle Euter. Auf der Webseite der Sendung hagelt es seither Onlinekommentare. Die Sendung im Überblick.

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«Quälerei an Viehschauen – Kühe leiden für absurde Schönheitsideale» heisst der Titel des Beitrags. Die St. Galler Tierärztin Julika Fitzi besuchte für den Schweizer Tierschutz drei Tierschauen in Bulle, Lausanne sowie St. Gallen. In Bulle war auch der Kassensturz mit der Kamera dabei. Viele Kühe hätten im Schauring Mühe zu gehen und staksten, um ihr übervolles Euter zu entlasten, erklärt die Stimme aus dem Off. Bei vielen Kühen tropfe das Euter bereits vor dem Wettbewerb. Unterlegt ist das mit den entsprechenden Bildern.

Lange Zwischenmelkzeiten seien schmerzhaft für die Tiere, das verneint Viehzüchter Patrick Rüttimann im Beitrag nicht: «Manchmal dauert es vielleicht eine Stunde zu lang, so dass man im kritischen Bereich ist. Dann muss man reagieren, damit man das Wohl der Kuh nicht gefährdet.» Er sei überzeugt, dass die Mehrheit der Bauern das mache.

Der Kassensturz zeigt die Aufnahmen aus Bulle Kaspar Jörger vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV.) Das BLV hat die Auswirkungen überlanger Zwischenmelkzeiten letztes Jahr untersucht: «Unsere Studie zeigt, dass übervolle Euter einen Einfluss auf das Verhalten von Kühen habe. Sie können nicht mehr richtig gehen, sie fühlen sich offensichtlich nicht wohl. Darum ist das tierschutzrelevant.» In der Tierschutzverordnung seien überlange Melkzeiten und übervolle Euter nicht erlaubt und sollten nicht akzeptiert werden, führt er weiter aus.

Kollodium gegen laufende Milch

Tierärztin Julia Fitzi ergänzt: «Es entsteht ein extremer Druck im Euter, das ist schmerzhaft für die Tiere und auch nicht ungewöhnlich. Daraus kann eine Mastitis entstehen». Falls das Euter zu voll sei, beginne die Milch zu laufen. Die Züchter würden alles tun, damit kein Milchfluss sichtbar sei und das Euter prall bleibe. Zugelassen für das so genannte Versiegeln der Euter ist Kollodium. Für Swissherdbook-Präsident Markus Gerber, selbst Züchter und Richter, ist das Verkleben mit Kollodium kein Problem, wenn es richtig gemacht wird. «Die korrekte Art ist, dass ganz wenig Kollodium unten beim Schliessmuskel draufmacht. Dass man ganz sicher kein Kollodium im Zitzenkanal anwendet.» Gleich nach der Ausstellung vor dem Melken müsse es sanft entfernt werden, damit keine Verletzung stattfinde.

Einzelfälle von Sekundenkleber

Laut Julia Fitzi wird aber auch zu illegalen Mitteln wie Sekundenkleber gegriffen. Dieser könne ganz bestimmt nicht ohne Gewebeverlust entfernt werden. Swissherdbook und das Tierspital Bern bestätigen gegenüber der Sendung, dass dies in Einzelfällen Sekundenkleber eingesetzt werde.

Hervorgehoben wird im Beitrag auch, dass die Viehschauen mit Subventionen unterstützt werden - letztes Jahr mit 170'000 Franken. Das BLV fordert, dass sich etwas ändere müsse. Laut Kaspar Jörger müssten Kriterien festgelegt werden, wann ein Euter übervoll sei. Richter, Aussteller und Organisatoren müssten einheitlich geschult werden.

Markus Gerber im Studio

Anschliessend an den Beitrag stellte sich Markus Gerber einem wie immer sehr angriffigen Moderator Ueli Schmezer. «Wir wollen das Tierwohl schützen, wir fügen unseren Tieren keine Schmerzen zu - auch an Ausstellungen nicht. Das sind Kühe, die auch sonst im Alltag viel Milch produzieren und innerhalb der Rasse auch das Zuchtziel repräsentieren», so Gerber. In Einzelfällen «gibt es gewisse Auswüchse, gegen die wir ganz klar vorgehen wollen».

Gerber hält fest, dass in Bulle vor, während und nach der Schau Kontrollen durch Tierärzte unter Aufsicht des Kantonstierarzts gegeben haben. Beanstandungen würden im Protokoll festgehalten, diese hätten Konsequenzen.

Verschiedene Studien seien sich nach wie vor nicht einig, wann ein Euter übervoll sei, so Gerber weiter. Milch könne auch von selbst zu laufen beginnen, wenn ein Tier aufgeregt sei oder durch den Hormonhaushalt.

Studie und schärfere Sanktionsmassnahmen

Gerber spricht von Einzelfällen von Züchtern im tiefen Prozentbereich, die zu weit ans Limit gehen. Eine Arbeitsgruppe mit dem Bundesamt für Landwirtschaft, den Rinderzüchterverbänden und Prof. Adrian Steiner vom Berner Tierspital sei an der Arbeit. An Ausstellungen soll eine Studie durchgeführt werden und die Saktionsmassnahmen verschärft werden.

jw

Die Sendung kann man sich hier ansehen

Mehr zum Thema in der BauernZeitung vom 29. April 2016

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