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Redaktionsblog
Publiziert: 11.03.2019 / 06:17
Analyse: Eine gute Ausbildung wird immer wichtiger

Mit der Agrarpolitik ab 2022 will der Bundesrat die Anforderungen für den Erhalt von Direktzahlungen erhöhen. Unterstützung erhalten soll nur noch, wer mindestens die Berufsprüfung im Berufsfeld Landwirtschaft bestanden hat. Dies führt bei vielen Landwirten zu Kopfschütteln. Eine Analyse.

Bisher reicht es, eine «landwirtschaftliche Ausbildung» zu haben. Dazu zählen die reguläre dreijährige Lehre mit dem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ), der Eidgenössische Bildungsausweis (EBA, genannt Attest) oder auch nur der Direktzahlungskurs – die sogenannte «Schnellbleiche». Neu soll ein Landwirt, der Direktzahlungen erhalten möchte, mindestens die Berufsprüfung im Berufsfeld Landwirtschaft, also den Fachausweis bestanden haben müssen.

Praktiker nicht nur Theoretiker

Dies stösst bei vielen Landwirten auf harte Kritik. Soll etwa nur einer, der die Betriebsleiterschule gemacht hat, fähig sein, einen Landwirtschaftsbetrieb zu führen? Die Praxis beweist das Gegenteil. Es gibt viele Fälle von Landwirten, die keine höhere Ausbildung gemacht haben oder überhaupt keine, die ihren Betrieb hervorragend führen.

Eine Garantie ist die Ausbildung nämlich nicht. Denn Landwirt zu sein, heisst ein Praktiker zu sein und nicht nur ein Theoretiker. Der Bundesrat begründet seine neuen Forderungen folgendermassen: «Weil die Herausforderungen in der Betriebsführung komplexer werden, sollen alle neuen Direktzahlungsbezügerinnen und -bezüger in Zukunft über eine höhere Berufsbildung verfügen.»

Nachhaltiges Wirtschaften gefragt

Jemand der eine Grundbildung abschliesst, also eine Lehre, ist in der Regel fähig, den erlernten Beruf auszuüben. Die Ausbildung befähigt aber noch nicht, einen Betrieb zu führen. Dazu sind mehr Kenntnisse nötig.

In der Betriebsleiterschule lernen die Landwirte betriebswirtschaftliche Themen wie die Wirtschaftlichkeit des Betriebs oder die Personalführung. Die Gesellschaft erwartet von den Landwirten, die Direktzahlungen, also Steuergelder, erhalten, dass diese nachhaltig wirtschaften. In der dreijährigen Lehre zum Landwirt mit EFZ ist die Betriebsführung nicht Teil vom Ausbildungsstoff.

Landwirt muss auch Unternehmer sein

Das wirtschaftliche und politische Umfeld der Landwirtschaft wird immer komplexer. Zum Beispiel die Antibiotika-Problematik oder der Pflanzenschutz beschäftigen die Gesellschaft. Sie erwarten von den Landwirten einen verantwortungsvollen Umgang. Ein Landwirt muss Argumentieren können und den Konsumenten erklären, warum er etwas so macht und nicht anders.

Ein heutiger Landwirt muss Unternehmer sein. Er muss wissen, welche Produkte am Markt gefragt sind und wie er diese Produkte optimal vermarktet. Heute weist, gemäss der Erklärung des Bundesrates zur Vernehmlassung, nur rund ein Drittel der Betriebsleitenden einen Abschluss in der höheren Berufsbildung aus. Dies sei weit weniger, als es bei Gewerbebetreibenden und übrigen Selbständigen der Fall sei.

Nachfolger sind rar

Bereits heute wird es für viele Bauern immer schwieriger, einen Nachfolger zu finden. Einen Nachfolger, der den Betrieb übernehmen kann und auch will. Dazu kommt, dass in den nächsten zehn Jahren rund 30 Prozent der Betriebsleiter pensioniert werden. Durch eine Verschärfung der Ausbildungsanforderungen würde auch der Strukturwandel gefördert. Vielleicht würden dadurch mehr Personen die Chance erhalten, einen Hof ausserhalb der Familie zu übernehmen.

Privilege für Bergbauern

Hinter die Landwirte stellt sich der Schweizer Bauernverband (SBV). Er will das Fähigkeitszeugnis als Grundlage für den Erhalt der Direktzahlungen nehmen. Ebenfalls akzeptiert werden soll das EBA – jedoch nur mit obligatorischem Abschluss von Weiterbildungskursen.

Für das Berggebiet verlangt der Bauernverband eine Ausnahme von den verschärften Regelungen. Dies wird bei den Talbauern sicherlich nicht gut ankommen. Als Begründung fügt der SBV an, eine Anhebung der Anforderungen auf Patentniveau würde zu viel Druck erzeugen und wäre unrealistisch. Trotzdem findet er eine gute Ausbildung wichtig.

Weiterbilden lohnt sich

Zudem stehen den Landwirten heute viele Fachkräfte für jegliche Themen zur Verfügung, sei es bei Fragen zu Unternehmensstrategie und Entwicklung, oder auch bei rechtlichen Fragen. Die Anzahl der landwirtschaftlichen Berater steigt ständig. Dass ein Landwirt alles ohne einen Berater machen kann, ist fast nicht mehr möglich.

Natürlich können diese Berater, die oftmals eine Ausbildung als Agronom oder Agrotechniker absolviert haben, ihre Arbeit aber auch nicht gratis erledigen. Solche Beratungen können für Landwirte ganz schön ins Geld gehen. Die Betriebsleiterschule für den Erhalt der Direktzahlungen vorauszusetzen wäre schwer durchzusetzen. Jedoch sollte sich ein verantwortungsbewusster Betriebsleiter selbstständig weiterbilden. So ist er gewappnet, seinen Betrieb auch bei komplizierteren Rahmenbedingungen erfolgreich in die Zukunft zu führen.

Jasmine Baumann

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