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Tierhaltung,Pflanzenbau
Publiziert: 10.03.2019 / 13:33
Agroforst: Die Fachexpertin im Interview über Vor- und Nachteile

Agroforst wird in der Schweiz bereits seit Jahrhunderten durchgeführt. Allerdings ging das Wissen um diese Art Landnutzung mit den radikalen Fällaktionen ab den 1950er-Jahren verloren. Heute erlebt Agroforst eine Renaissance.

Das Anbausystem kombiniert Obst-, Wildobst-, Nuss- oder Wertholzbäume mit Unterkulturen wie Getreide, Gemüse oder Grünland auf derselben Fläche und kann auch kombiniert mit der Nutztierhaltung eingesetzt werden. Beide Nutzungspartner profitieren im Idealfall von den vielfältigen Wechselbeziehungen dieser Gemeinschaft.

Frau Jäger, warum sollten sich Landwirte für Agroforstsysteme entscheiden?

Mareike Jäger: Es ist eine Möglichkeit eine Fläche zu diversifizieren. Das heisst, anstatt einfach eine Einfruchtkultur anzubauen, kann man eine neue Komponente hineinbringen, die eine positive Umweltwirkung hat und auch einen zusätzlichen Nutzen z. B. in Form von Früchten und Holz bringen kann.

Können Sie Beispiele für eine positive Umweltwirkung nennen?

Agroforst-Systeme bieten für diverse Vogel-, Insekten- und Reptilienarten neue Habitate. Sie helfen damit den Schädlingsdruck gering zu halten. Bäume liefern zudem einen Schutz vor Bodenerosion sowie Nährstoffauswaschung und beeinflussen positiv das Mikroklima und somit das Wachstum der Ackerfrüchte. Sie stellen ausserdem Kohlenstoffsenken auf dem Feld dar und leisten einen Beitrag zum Klimaschutz. 

Kann Agroforst überall angelegt werden?

Gebiete, wo bodenbrütende Vögel (z. B. Kiebitz, Feldlerche) gefördert oder geschützt werden sollen, sind nicht geeignet für Agroforst. Denn diese Vögel bevorzugen offene Landschaften ohne hohe Strukturen. Wer Agroforstsysteme auf drainierten Flächen anlegt, riskiert, dass die Baumwurzeln in die Drainage einwachsen. Topografisch würden sich sonst alle Flächen eignen, die sich auch für die landwirtschaftliche Nutzung eignen. Vor allem die, die häufig von Nitratauswaschungen und Erosion betroffen sind.

Eignen sich in dem Fall alle Acker- und Gemüsekulturen zum Anbau?

Mais eignet sich evtl. etwas weniger, weil diese Kultur als C4-Pflanze sehr lichtbedürftig ist. Aber das Problem kommt erst auf, wenn die Bäume grösser sind. Davor kann man noch jahrelang Mais anbauen. Sonst eignen sich alle Kulturpflanzen für die Unternutzung.

Was muss bei der Bearbeitung der Flächen beachtet werden?

Die Ackerkulturen werden ganz normal bewirtschaftet wie auch auf einer Ackerfläche ohne Bäume. Man orientiert sich beim Anlegen der Bäume an der Breite der Sämaschine und nimmt ein Vielfaches dieser Arbeitsbreite. Ansonsten bleibt die ackerbauliche Bewirtschaftung gleich. Der Baumstreifen wird dann einfach wie im Obstgarten behandelt. 

Das Agroforstsystem bringt sicher auch gewisse Nachteile mit sich. Welche wären das?

Agroforst ist ganz klar ein zusätzliches Hindernis auf der Fläche. Es erfordert Anpassungen bei den Lohnunternehmern, denn das Rangieren auf dem Feld wird schwieriger. Es gibt eine höhere Arbeitsbelastung, da die Baumkomponente gepflegt und geschnitten werden muss. Das verursacht alles zusätzliche Kosten. Auch legt man sich mit Agroforst über Jahrzehnte fest. Das benötigt eine sorgfältige Überlegung und Planung. 

Sie sprechen von zusätzlichen Kosten. Wie hoch können diese werden?

Im Ackerbau reden wir von 50 Bäumen pro Hektar, damit die Unterkultur ausreichend Licht erhält. Kosten und Arbeitsaufwand pro Hektar könnten +/− 5000 Franken einmalig betragen. Jährlich sprechen wir von einem etwa doppelt so hohem AKh-Aufwand bei eher extensiven Baumarten wie Wildobstbäumen, als wenn die Fläche nur mit einer Ackerkultur bepflanzt wäre.

Sind Agroforstsysteme direktzahlungsberechtigt?

In einigen Kantonen werden die Pflanzkosten und die Arbeit mit Pflanzbeiträgen vergütet. Es gibt Projekte, die Agroforst unterstützen, wie zum Beispiel das «myclimate»-Klimaprojekt von Coop (s. Kasten). Wenn man Agroforstsysteme gemäss der Direktzahlungsverordnung anmeldet, erhält man im besten Fall 50 Franken pro Baum und Jahr. Man muss nur die gleichen Auflagen wie für einen traditionellen Obstgarten im Rahmen der BFF Q2 erfüllen (s. Kasten).

Wie viele Landwirte betreiben aktuell Agroforstsysteme?

Das ist noch schwierig zu sagen. Aber wir schätzen, dass insgesamt zirka 130 Hektaren auf Acker- und Gemüseland so bewirtschaftet werden. Traditionell agroforstlich genutzt, also mit Obstgärten, Waldweiden und Kastanienselven und nur mit Wiesland und Weide als Unternutzung, werden ungefähr neun Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Schweiz.

Interview Katrin Erfurt

Wie Agroforst funktioniert, erklärt dieses Video.

Unterstützung von Agroforst

Für Hochstamm-Obstbäume sowie für Wildobstarten können Direktzahlungen für Biodiversitätsförderflächen der Qualitätsstufe 1 und 2 bezogen werden. Für Q1 sind das je Fr. 15.- pro Baum und Jahr, für Q2 je Fr. 30.- pro Baum und Jahr. Plus Vernetzungsbeitrag von Fr. 5.- erhalten 50 Bäume 2250 Franken pro ha und Jahr. Das erfordert aber zusätzlich z. B. Nisthilfen und Zurechnungsflächen. Zu den Direktzahlungsbeiträgen Q1 und Q2 zahlen einige Kantone Pflanzkosten und Pflanzbeiträge für die Arbeit. Coop fördert zudem mit seinem Projekt «myclimate» Bio- Suisse- oder Miini-Region-Betriebe bei der Pflanzung von Bäumen auf landwirtschaftlich genutzten Flächen. Der Fokus liegt dabei auf Wildobstbäumen und Bäumen, die zur heimischen Wertholzproduktion genutzt werden können.

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