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Publiziert: 15.04.2018 / 06:11
Porträt: «Meine Stärke liegt bei den Zahlen»

Die Bäuerin Bea Derrer ist Finanzvorsteherin in ihrer Gemeinde. Zurzeit beschäftigt sie der rasante Anstieg der Dorfbevölkerung.

Bea Derrer bewirtschaftet zusammen mit ihrem Mann und dessen Bruder einen grossen Milchwirtschafts- und Mastbetrieb in Hüttikon ZH im Furttal, an der Grenze zum Kanton Aargau. Ihre Eltern siedelten vor gut zwanzig Jahren hinaus aus dem kleinen Dorf. «Mein 
Vater hat immer viel gearbeitet und den Betrieb weiterentwickelt. Hier im flachen Furttal hat der Gemüsebau eine grosse Bedeutung.

Bedauerlicherweise ist es für Acker- oder Milchbauern kaum mehr möglich, an bezahlbares Pachtland zu kommen», meint sie kritisch. Ihr Mann, Stefan Derrer, ist ein paar Dörfer weiter nördlich aufgewachsen.


Eigenen Verein gegründet


Heute werden die Betriebe beider Familien mit einer Gesamtfläche von 40 Hektaren als Gemeinschaft geführt. Für die sechzig Milchkühe wurde ein Laufstall gebaut. Kälber, Rinder und Mastmunis sind im alten Stall untergebracht.

Für die Fütterung am Morgen und am Abend ist die Bäuerin zuständig. Eine Arbeit, die sie gern erledigt. Auch bei der Heuernte und beim Silieren kommt sie zum Einsatz, sei es als Traktorfahrerin oder als Kranführerin im Heulager. «Die Arbeit draussen hat mir schon als Kind sehr gefallen. Backen und Haushalten waren und sind nicht mein Ding», lacht sie.


Die eher fleischbetonten Kühe lassen Derrers mit einem Limousinstier decken. Die Jungtiere kommen dann in die betriebseigene Fleischproduktion. Die weiblichen Tiere werden im Alter von 12 Monaten geschlachtet. Ein Onkel, der Metzger ist, zerlegt das Fleisch und unterstützt Bea Derrer beim Verpacken. In den Genuss der Mischpakete kommen Bekannte und Freunde der Familie. «Eine Website, Flyer oder Inserate brauchen wir dazu nicht. Die Kunden kommen von alleine über Mund-zu-Mund-Werbung. Die Qualität des Fleisches machts aus», ist sie überzeugt
.

Die eigenen Ansprüche sowie jene  von anderen an die Qualität von Lebensmitteln haben vor einigen Jahren zur Gründung eines Vereins geführt: «Culinarium Hüttikon.» Zusammen mit Verwandten und Freunden hat die initiative Frau ein regionales Catering auf die Beine gestellt. «Wir legen viel Wert auf eigene Produkte. Unser Hauptangebot ist grilliertes Fleisch mit Beilagen, meist mit selber gemachtem Kartoffelsalat. Der schmeckt einfach besser als jener vom Lebensmittel-Verarbeiter! Unsere Kunden schätzen das.»

Bewirtet werden Geburtstags- und andere Feste bis etwa 100 Personen. Einmal im Jahr auch das Traktorenfest auf einem Hof im Nachbardorf. Wenn in Hüttikon und Umgebung ein Fest ist, sind die fleissigen Caterer vor Ort. Schliesslich ist die Idee für ihren Verein an einem solchen Dorffest entwickelt worden.


Schlaflose Nächte vor Wahl


Bea Derrer, 45, hat nach der Volksschule eine KV-Ausbildung absolviert. «Es war harte Arbeit, da ich in der Oberstufe lediglich die Realschule besucht hatte», meint sie. «Meine Stärke liegt bei den Zahlen, und hier habe ich mich nach der Erstausbildung auch weitergebildet.» Heute arbeitet sie in einem Teilpensum in einem Treuhandbüro. Daneben erledigt sie als Selbstständigerwerbende die Buchhaltungen und Steuererklärungen von Privatpersonen und /  oder verwaltet Liegenschaften von verschiedenen Mandanten, zum Teil auch aus der Verwandtschaft.


Mit diesem fachlichen Rucksack hat sie vor zwölf Jahren zum ersten Mal erfolgreich als Mitglied des Gemeinderates kandidiert. Von Anfang an waren die Finanzen ihr Ressort. «Vor den Wahlen hatte ich schon ein paar schlaflose Nächte, ob ich diesem Amt gewachsen bin – aber ich habe meinen Entscheid nie bereut», gibt sie selbstbewusst zu. Schon bald stehen wieder Kommunalwahlen an. Sie sei gespannt, wie diese herauskommen, sinniert sie.

Viele Herausforderungen

In der vergangenen Legislatur hat sich die Zusammensetzung der Bevölkerung stark geändert. «In unserem kleinen Dorf ist ein neues Quartier entstanden mit etwa 60 Reiheneinfamilienhäusern. Die Einwohnerzahl ist in kurzer Zeit um 200 auf etwa 900 gestiegen, und Sozialhilfebezüger haben wir nun auch», meint die Finanzvorsteherin nachdenklich. Die Anspruchshaltung einiger Zuzüger stehe im klaren Gegensatz zu dem, was diese zu leisten bereit seien, hinsichtlich der Dorfgemeinschaft oder als Steuerzahler. Aber das sei ja andernorts nicht besser, gibt sie zu bedenken.

«Herausforderungen gibt es im Bildungsbereich. Die Planung des benötigten Schulraumes ist sehr schwierig, wenn innert kurzer Zeit so viele Zuzüger zu verzeichnen sind. Nach wie vor ist es mein Ziel, den Steuerfuss auf attraktivem Niveau zu halten», ergänzt sie, ganz im Sinne einer Finanzvorsteherin.


Margreth Rinderknecht

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