Schweiz-International,Lebenshilfe
Publiziert: 14.04.2018 / 12:19
Loslassen, bevor es Scherben gibt

Die enge Beziehung zwischen Eltern und Kindern auf Bauernhöfen ist ein zentrales  Thema. Ein offenes Gespräch kann helfen.

Der Vorteil, dass sich die Familie und der Beruf am gleichen Ort befinden, ist ein Geschenk, wofür viele Bäuerinnen und Bauern dankbar sind. Die Nähe und die enge Beziehung machen aber das «Loslassen» oftmals schwieriger – für Eltern und Kinder. Im Gespräch mit Betroffen wird deutlich, dass es für den Prozess der Ablösung

diverse Wege, aber kein «Patentrezept» gibt.


Mitreden nicht mehr gefragt


Hanna* ist auf dem Bauernhof aufgewachsen. Gemeinsam mit ihrem Mann führte sie während vieler Jahre den Landwirtschaftsbetrieb. Zusammen

zogen sie die Kinder gross, und der jüngste Sohn übernahm vor vier Jahren den Betrieb. Seine Partnerin arbeitet auswärts, deshalb ist die Mithilfe der Eltern willkommen.


«Es ist eine enge Beziehung, die man über die Jahre hat und vieles läuft tagtäglich wie selbstverständlich. Die grosse Herausforderung und der Prozess, sich langsam abzulösen, muss darum bewusst im Alltag gelebt werden», erkennt Hanna. Sie hilft immer noch gerne bei den Arbeiten auf dem Hof, weil sie mit einem kleinen Haushalt nicht ausgelastet wäre. Bereits hat sie aber gelernt, dass Mitdenken – was ja meist von selbst geschieht und guttut  – erlaubt ist,  aber in entscheidenden Momenten das Mitreden oftmals nicht mehr gefragt ist.


Betreffend dem viel  gepriesenen Rat «Man muss zusammen reden», hat Hanna bereits die Erfahrung gemacht, dass dies eine Knacknuss sein kann. «Man kann ein Problem oder ein spezielles Anliegen auch zerreden. Wichtig ist, die Botschaften bei den Aussagen zu verstehen und dabei zu erkennen, was dahintersteckt. Als Mutter fungiert man dabei oft auch als Puffer zwischen Vater und Sohn», meint die Bäuerin. Sie sieht in der zunehmenden Lebenserfahrung klar einen Vorteil. Für sie fällt keine Welt zusammen, wenn von der jüngeren Generation etwas anders gemacht wird, als es vorher über Jahre Tradition hatte.


Alternativen suchen


«Die Hofübergabe ist kein Gespenst, aber eine grosse Arbeit. Es ist befreiend, wenn man weniger Verantwortung hat. Es braucht die Bereitschaft und die Grundhaltung, der kommenden Generation das Vertrauen zu schenken und  loszulassen mit der Gewissheit – sie werden es gut machen», hält Hanna fest. Auch der Auszug der anderen Kinder  vom Bauernhof in ihr eigenes Leben sei ein Prozess der Loslösung für beide Seiten. Dies er könne aber gewinnbringend für die familiären Beziehungen sein.

Eine weitere Überlegung muss ebenfalls frühzeitig gemacht werden. Was passiert, wenn die elterliche Hilfe auf dem Hof nicht mehr gebraucht wird? Oder was ist, wenn die Kräfte noch mehr schwinden? Man kann es wahrhaben oder nicht, die ältere

Generation hat weniger Power, ist nur noch halb so schnell bei der Arbeit und der technische Fortschritt bereitet zuweilen etwas Mühe. Da gilt es, rechtzeitig Alternativen zu suchen, damit das Leben trotz allem ein täglicher Genuss und eine Freude ist.

«Ich habe festgestellt, wie wichtig es ist, sich mit anderen Frauen auszutauschen und die Kontakte zu pflegen. Dabei kann ein Arbeitskreis helfen, wo auch kritische Fragen thematisiert werden», weiss Hanna. Ganz sicher helfen beim Loslassen in vielen Situationen die Gelassenheit, der Humor, und dass man über etwas Lachen kann, ist die Bäuerin überzeugt.


Das Heimweh spüren


Loslassen ist in Bauernfamilien nicht nur bei der älteren Generation ein Thema. Amelie* wuchs als Einzelkind auf, hatte aber stets viele Spielkameraden auf dem Hof. Nach der Schule machte sie ein Zwischenjahr, um sich über die Berufswahl klar zu werden. Dabei merkte sie eine innere Zerrissenheit. Eigentlich hatte sie Freude an der Landwirtschaft, sie konnte sich aber immer wie weniger vorstellen, einmal den Betrieb zu übernehmen.

Um sich über ihre Situation klarer zu werden, entschied sich Amelie, für ein Jahr nach England zu gehen. Dabei lebte sie in einer Familie und besuchte eine Schule. Die Idee, ein Jahr lang nicht heim zu gehen, setzte die junge Frau um. Dabei lernte sie, was Heimweh bedeutet. Dank der heutigen Kommunikationsmittel war jedoch erträglich.


Die Distanz klärte viel. Nun ist Amelie als Pflegefachfrau tätig und liebt ihren Beruf sehr. Sie wohnt in der Nähe des Arbeitsortes und hat regen Kontakt zu ihren Eltern. Diese suchen mit dem Verpachten des Betriebs eine Lösung für ihre Zukunft, wenn sie das Pensionsalter erreichen.

Für Jung und Alt wurde mit der Klärung der Situation viel Druck weggenommen. Beide Teile haben gelernt, loszulassen und doch glücklich mit der Situation zu sein. Offen ist noch, ob Amelie einmal auf den Betrieb zurückkommt. Es gibt nämlich einen jungen Landwirt, der das Herz der Pflegefachfrau

erobert hat, und das will er nicht mehr loslassen.


Barbara Heiniger


*Namen geändert

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