Schweiz-International
Publiziert: 14.01.2018 / 07:00
Das Ziegen-Land im Nahen Osten

Gerade in den Wintermonaten ist Wasser im Sultanat Oman ein knappes Gut. Trotz ausgeklügelten Bewässerungssystemen ist die Tierhaltung und die Landwirtschaft schwierig. Einzig die vielen Ziegen scheinen damit gut zurechtzukommen.

Wer im Sultanat Oman Ziegen, Schafe und Kühe sehen möchte, hat kein leichtes Spiel. Denn Weiden oder Ställe wie in der Schweiz sucht man im Land des Weihrauchs vergeblich. Die Ziegen und Schafe bewegen sich frei. Und zwar überall.

So schaut sogar im hintersten Winkel des eindrücklichen und teilweise über 3'000 Meter über Meer gelegenen Jebel-Shams-Gebirges immer mal wieder irgendwo der Kopf einer Ziege neugierig hinter einem Stein hervor.

Der karge und schroffe Canyon bietet vielen Ziegen und einigen Schafen eine Lebensgrundlage. Die wenigen Sträucher und Bäume reichen aus, damit sich die Tiere ernähren können. Auf den Hinterbeinen stehend, kommen sie sogar an die oberen Blätter des Buschwerks.

Wasserversorgung wie im Wallis

Die Versorgung mit Wasser war in dieser scheinbar unwirtlichen Umgebung schon immer anspruchsvoll. Doch ermöglichten die sogenannten Aflaj, teils unterirdisch verlaufende und bereits über 2000 Jahre existierende Bewässerungssysteme, lange Zeit eine relativ sichere Wasser-Versorgung.

Die grossen Wassermengen während des Monsuns wurden gesammelt und die Tiere konnten ausreichend trinken. Auf den Anhöhen wurden sogar Terrassenfelder unterhalten, doch mussten diese aufgrund der abnehmenden Regenfälle schon vor einiger Zeit aufgegeben werden. Viele Menschen zogen schliesslich weg aus den Bergen in die Städte.

Trotzdem sind "Wakire" auch heute noch wichtige Personen in den Dörfern. Diese Wassermeister sorgen dafür, dass alle Dorfbewohner gleich viel Wasser für ihre Tiere und Felder erhalten. Durch Holzbretter kann das Wasser in verschiedene Kanäle umgeleitet werden. Das System erinnert an die Suonen im Kanton Wallis.

Dank diesen ausgeklügelten Bewässerungs-Systemen kann ohne jegliche hydraulischen Mittel bewässert werden, einzig das Gefälle bringt das Wasser dorthin, wo es gebraucht wird.

Das uralte Wissen um den Bau und den Unterhalt dieser Falaj (so heissen die Aflaj im Singular) wird mündlich von Generation zu Generation weitergegeben.

Das raffinierte Wassersystem des Omans wurde von der Unesco gar in den Stand des Weltkulturerbes erhoben. Doch aufgrund der steigenden Trockenheit können viele Falaj nicht mehr genutzt werden. Waren einst 12'000 Aflaj in Betrieb, so sind es heute noch knapp 4'000.

Die Batinah-Ebene als fruchtbare Zone

Die Tiere auf dem Jebel Shams werden - genau wie die Hotels in den windigen Höhen - über LKW mit Wasser aus Entsalzungsanlagen versorgt.

Der von den Omani verehrte Sultan Qabus ibn Sa'id Al Sa'id betreibt einen immensen Aufwand, um auch die Menschen im letzten Winkel des Landes mit Trinkwasser zu versorgen.

Vier grosse Desalinationsanlagen gibt es bereits im Land, weitere sind im Bau oder in Planung, da sie laufend an Bedeutung gewinnen.

Grundwasserspiegel stark gesunken

Durch den hohen Wasserverbrauch ist in den letzten Jahren der Grundwasserspiegel im ganzen Land erschreckend stark gesunken. Eine schwierige Voraussetzung für die Landwirtschaft des Sultanats, die mehr als 90 Prozent des Wassers verbraucht. Wenn man bedenkt, dass nur gerade 4,7 Prozent der gesamten Fläche des Landes landwirtschaftlich genutzt werden, ist diese Zahl umso eindrücklicher.

Die landwirtschaftliche Fläche entspricht etwa 80'000 Hektaren. Diese befinden sich vor allem in der Batinah, einer Ebene, die sich auf einer Länge von 270 Kilometern entlang der Küste des Golfs von Oman nordwestlich der Hauptstadt Muscat bis zur Grenze mit den Vereinigten Arabischen Emiraten erstreckt. Die langgezogene Ebene ist durchschnittlich 10 bis 30 Kilometer breit.

Fruchtbarer Küstenstreifen

Beim Entlangfahren fällt auf, dass aber nur ein maximal drei Kilometer breiter Küstenstreifen fruchtbar ist und ganzjährig landwirtschaftlich genutzt werden kann. Dort reiht sich Dattelpalme an Dattelpalme, es wachsen Bananen, Mangos und Papayas.

Neben diesem schmalen Streifen fährt man stundenlang durch eine Geröllebene mit spärlicher Vegetation. Zwar regnet es aufgrund der Nähe zum Hajdar-Gebirge dort auch im Winter ab und zu, aber das Wasser fliesst rasch ab und hinterlässt nur Sand und Geröll.

Doch auch dort, wo es mehr nach Mondlandschaft als nach fruchtbarem Land aussieht, lassen sich überall kleinere Ziegenherden beobachten. In den Dörfern sind sie häufig in der Nähe der Mülltonnen zu finden. Dort fressen sie in aller Ruhe verwertbare Resten, aber auch Müll und ruhen sich anschliessend im Schatten der Tonnen und Autos aus.

Ziegenhaarteppiche und Kameltrips

Insbesondere in den kühlen Monaten wird überall im Land ersichtlich wie dringend nötig Wasser ist. Dieses trifft - wenn auch in erheblich geringeren Mengen als noch vor einigen Jahrzehnten - in grossen Mengen im Sommer ein.

Dann sorgt der Monsun für eine Regenmenge von insgesamt etwa 400 bis 500 Millimetern. Die vielen Wadis, die über die Wintermonate ausgetrockneten Flussläufe, führen dann endlich wieder Wasser. Die Oasen sind die einzigen Orte, in denen es rund ums Jahr Wasser gibt.

Die Ziegen, Schafe und Kühe versorgen die Menschen mit Fleisch und Milch. Die Ziegenhaare werden auch zum Weben von Teppichen genutzt. Diese werden entlang der Strassen zum Kauf angeboten.

Ebenfalls eine wichtige Einnahmequelle für viele Omanis sind Kamele. Diese werden eher selten für die Fleischproduktion genutzt, häufiger tragen sie Touristen auf ihren Rücken durch die Wüste.

Omanische Kamele sind berühmt für ihre hervorragenden Reit-Qualitäten und werden auch gerne für Kamelrennen eingesetzt. Sie halten sich häufig an den Strassenrändern auf und sind damit eine der häufigsten Ursache für Verkehrsunfälle im Oman. Strassenschilder warnen vor den Tieren und Einheimische machen sich gegenseitig mit Lichthupen auf die Präsenz der Tiere aufmerksam.

Den Kamelen werden in der Regel die beiden Vorderbeine mit einem gut 50 Zentimeter langen Strick zusammengebunden, damit sie nicht wegrennen können. Dies ermöglicht ihnen ein Leben in begrenzter Freiheit.

Schafe in Kartonschachteln

Auch am freitäglichen Tiermarkt in der früheren Hauptstadt des Omans, Nizwa, werden Kamele zum Kauf angeboten. Dort herrscht bereits morgens um8 Uhr buntes Treiben. Geländewagen mit Ziegen, Schafen, Kühen und Kamelen auf der Ladefläche treffen ein und die Tiere werden entladen.

Männer in den typischen langen weissen Gewändern, Dishdasha genannt, laufen mit ihren Tieren, die sie an Stricken führen, um einen Betonsockel herum und feilschen heftig mit den Kaufwilligen. Auch viele Frauen, meist mit Vollverschleierung, bieten ihre Tiere an und verhandeln lautstark. Die erklärte Gleichstellung mit den Männern findet im Oman nicht nur auf dem Papier statt.

Wer die lauten Rufe und die Aufregung der traditionell gekleideten Männer und Frauen im Licht der aufgehenden Sonne auf sich wirken lässt, fühlt sich schnell einige 100 Jahre in der Zeit zurückversetzt.

Überall Schafe, Ziegen und Kühe. Viele Tiere drücken lauthals aus, dass es ihnen gar nicht passt, mit einem Strick um den Hals auf ihre Vorführung warten zu müssen. Junge Ziegen und Schafe werden häufig in Kartonschachteln mitgebracht. Doch bei allem Geschrei fällt auch der respektvolle Umgang mit den Tieren auf. Viele tragen kleinere Zicklein oder Lämmer auf dem Arm.

An diesem Freitagmorgen in Nizwa scheint die Zeit stillgestanden zu sein und daran wird sich Insha'allah - so Gott will - vermutlich auch in den nächsten Jahrzehnten nicht viel ändern.

Ann Schärer, lid

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