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Redaktionsblog,Viehzucht
Publiziert: 31.03.2018 / 06:05
Analyse: Wenn in wenigen Stunden 
das Lebenswerk verkauft wird

Nun ist es 20 Jahre her, seit unser Pachtbetrieb versteigert wurde. Nach 27 Jahren als Pächter bekamen meine Eltern den Kündigungsbrief. Ich kann mich noch gut daran erinnern.

Mutter war an diesem Tag auf Reisen, als mein Vater den Umschlag öffnete. Er hielt den Brief zurück, so dass Mutter noch eine Nacht ruhig schlafen konnte. Für die ganze Familie war die Kündigung ein Schock. Sie kam unvorhergesehen, etwas, mit dem man absolut nicht gerechnet hatte. So wie uns, dürfte es vielen Bauernfamilien ergangen sein, wenn sie plötzlich ihren lieb gewonnen Betrieb verloren.


Gut ein Jahr hatten wir Zeit zu überlegen, was mit den Tieren, dem Inventar, ja mit uns geschehen sollte. Eine Versteigerung schien unabdingbar; es war die einzige Möglichkeit, die in Frage kam. 1971 waren die Eltern auf diesen Pachtbetrieb gezogen und ich verbrachte meine ganze Kindheit auf dem Hof, doch jetzt war es tatsächlich soweit:

Wir mussten Abschied nehmen von der «Sperri», dem Betrieb, der für meinen Vater sein Lebenswerk war. Viele Bäume hatte er während den 27 Jahren gepflanzt und manchen Nagel eingeschlagen. Er hatte den Hof bewirtschaftet, als ob es sein Eigen gewesen wäre. Schönreden hilft wenig, wenn man als Bauer von einem Tag auf den andern den Boden unter den Füssen verliert.


Der Versteigerungstag war nicht aufzuhalten und rückte näher und näher. Die letzte Nacht davor war kurz. Viel ging uns damals durch den Kopf: Wird die Versteigerung gut über die Bühne gehen?


Haben wir wirklich genug Werbung gemacht und an alles gedacht? So eine Gant ist aber schon eine seltsame Sache. Ein trauriger Tag für die Bauernfamilie, die verkaufen muss – auf der anderen Seite ein Volksfest für die Besucher. So, als würde auf einer Beerdigung getanzt. Chilbi am Totenbett sozusagen. Nun wurden die Kühe, die einem so ans Herz gewachsen waren, frühmorgens das letzte Mal gemolken. Am Abend würden es schon andere tun. Bei jeder Kuh hielt man inne, täschelte sie noch einmal und verabschiedet sich innerlich.


Es war kalt an diesem 21. März 1998. Alles war parat. Viele Freunde, Bekannte, ja, dass ganze Dorf unterstützte uns bei unserem Vorhaben. Man hatte extra ein Festzelt aufgestellt, aus Angst, dass es regnen würde. In der Mitte thronte ein grosses Podest, darauf wurden die Kühe, Rinder und Kälber versteigert. Man wollte dem Publikum eine ideale Plattform bieten. Die Festwirtschaft war gestossen voll und lief auf Hochtouren, so dass auch noch der Strom ausfiel. Nicht nur die Bratwürste, auch der Kafi Schnaps war gefragt. Hie und da wurde ein Schnupf in die Nase hochgezogen.

Auch der Gantrufer Alois Wyss gab sein Bestes. Der Viehbestand kam zuerst dran. Wir durften dabei auf die Unterstützung von vielen Jungzüchterinnen und Jungzüchtern aus dem Seeland zählen. Jeweils nach einer Kuh kamen ihre Nachkommen dran. Die Preise stimmten. Eine Coeur-Tochter erzielte mit 7200 Franken den Höchstpreis. Für ein sieben Tage altes Trimbo-Kuhkalb wurden über 2000 Franken bezahlt.


Trotz des guten Steigerungsverlaufs gab es an diesem Tag viele Umarmungen – und noch mehr Tränen. Das Schlimmste war, mit ansehen zu müssen, wie die Kühe versteigert wurden, um die man sich jahrelang gekümmert hatte.

Für einen «Kuhfan» fühlte es sich an, als würde ihm das Herz aus dem Leibe gerissen. Man hatte mit diesen Tieren viel erlebt, nicht nur Schönes, sondern auch Enttäuschungen, sei es an der Viehschau oder an Ausstellungen. Die Ungewissheit, was jetzt mit ihnen passiert und ob sie es am neuen Platz auch gut haben würden, machte uns fast krank.


Am Abend waren die Maschinen verkauft und der Stall fast leer. Innerhalb weniger Stunden wurde das Lebenswerk meiner Eltern verkauft. Nur noch einzelne Besucher verweilten in der Festwirtschaft. Eine gewisse Leere hatte meinen Kopf erreicht. Der Tag war vorüber, die Anspannung vorbei. Man konnte seinen Gefühlen endlich freien Lauf und  das Geschehene noch einmal Revue passieren lassen. Viel Zeit zum Nachdenken blieb uns damals nicht, denn wir hatten für das Zügeln nur drei Tage Zeit, um auf dem Betrieb alles zu reinigen und aufzuräumen.


Am 24. März 1998 war es dann soweit: Nach 27 Jahren schlossen wir endgültig die Türen hinter uns und nahmen für immer Abschied von unserem Pachtbetrieb. Zurück blieben nur noch Erinnerungen und Kindheitsträume. Nun hiess es für jeden von uns, den eigenen Weg zu finden und zu gehen.

Peter Fankhauser

Artikel aus der Printausgabe

Dieser Artikel stammt aus der Printausgabe der BauernZeitung vom 29. März 2018. Lernen Sie die BauernZeitung jetzt 4 Wochen kostenlos kennen und gewinnen Sie einen Reisegutschein im Wert von 3000 Franken

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