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Redaktionsblog
Publiziert: 12.09.2017 / 07:00
Analyse: Wie viel Kommerz erträgt es?

Redaktorin Esther Thalmann beschäftigt sich in ihrer Analyse mit der Frage, wie viel Kommerz Tradition noch gut tut.

Nächstes Jahr ist Europäisches Jahr des Kulturerbes. Die Kampagne soll das Potenzial des Kulturguts im täglichen Leben und für das Wohlbefinden der Menschen sichtbar machen. Kulturgut sind nicht nur alte, geschichtsträchtige Bauten, Städte und Landschaften, sondern auch Musik, Tanz, Brauchtum, Feste oder traditionelle Handwerkspraktiken. Diese Art von Kulturgut ist äusserst vielfältig und dem stetigen Wandel unterstellt. Doch stellt sich da nicht auch die Frage: Wie viel Kommerz erträgt es da?

Was in den 80er-Jahren mit einer Ethnowelle, mit Michel Jordi und seinen Edelweiss-Uhren, Foulards, Krawatten und anderen Accessoires begann, hat sich unterdessen zu einem richtigen Trend gemausert. Das Edelweiss-Sujet ist von der Landwirtschaft und verwandten Kreisen schon fast nicht mehr zu trennen. Man könnte meinen, es sei Tradition – und das seit Jahren. Dabei handelt es sich um einen geschickten Werbestreich. Nicht nur die Schweizer Bauern werben damit, sondern auch Käse- und Milchprodukte verkaufen sich über die Traditionsschiene: Alles «handmade» von der Heidi-Alp.

Vor ein paar Tagen ging das grosse Stelldichein der Schweizer Traditionen, das Unspunnenfest, zu Ende. Es war ein Mix aus Brauchtum und Kommerz. Längst wurde bemerkt, dass mit alleinigem Bewahren keine Tradition gerettet werden kann. Die ersten, die das so richtig bemerkten, waren die Schwinger. Schwingfeste sind längst keine Provinzanlässe mehr. Vielmehr pilgert alles was Rang und Namen hat gemeinsam mit den Jungen und den Hippen aus der Stadt zum Sägemehlring. Sie posten auf Facebook und Twitter womöglich noch ein paar Bilder, damit auch ja jede und jeder bemerkt, dass man dort war. 

Am Bildschirm wird die «Musigwelle» schon längst nicht mehr von älteren, grau melierten Männern moderiert, sondern von einem jungen, sympathischen Nicolas Senn, der weiss, wovon er spricht. Schwinger wie Remo Käser werden wie Rockstars vermarktet. Ohne Rücksicht auf Verluste, wie der jüngste Unfall von Matthias Glarner während eines Fotoshootings zeigte. Und Rockstars tun sich mit Ländlerkapellen zusammen und landen einen Hit nach dem andern. Da muss wohl oder übel der Punkt kommen, an dem alles kippt. Wenn nur noch der Umsatz und die Zuschauerquoten zählen. Das ist dann, wenn niemand mehr weiss, was kulturell dahintersteckt. Wenn Leute in Tracht und das Brauchtum vorgeführt werden, wie die Affen im Zoo. Darum braucht es wohl immer noch die bewahrenden Kräfte, die zeitweilig bremsen und den jungen Wilden im Verein den Marsch blasen. Es gibt nämlich auch die andere Seite von Tradition. Immaterielle Werte wie Freude, Stolz und Zugehörigkeit.

Dank Tradition kann zusammengerückt werden. Denn, auch wenn man nicht alle Mitglieder der eigenen Trachtengruppe mit Namen kennt, erkennt man sich doch am gleichen Gewand. Man kann getrost «Hallo» sagen und das erst noch auf Du und Du. Man duzt sich durchs Band. Im Zug wird man angesprochen: «Was bist du für eine Schöne?» Und schon ist man im Gespräch vertieft, über die Gegend, wo die Heimat ist oder über die Beweggründe, im Traditionsgewand unterwegs zu sein.

Die Stoffe der Trachten fühlen sich anders an, als jene der Fantasie-Dirndl. Es sind währschafte Materialien und Gewebe. Gewänder unserer Vorfahren. Verschiedentlich abgeändert und dem aktuellen Stand des Körperbaus angepasst. Der Gang wird aufrechter, es lässt sich nicht herumschlurfen in der Tracht. Vor allem dann, wenn noch eine Haube oder Hut getragen wird. An Festumzügen herrscht fröhliche Stimmung. Gewinkt wird wie bei der Königin von England oder bei anderen Berühmten. Man kann sich zur Schau stellen, und das ganz legitim.

Die Stimmung an Jodler-, Tanz- und Schwingfesten ist einzigartig. Auch Personen mit Migrationshintergrund fühlen sich hier daheim. In einem TV-Beitrag von «10 vor 10» vom letzten Freitag sagte die Kenianerin Yvonne Apiyo Braendle-Amolo beispielsweise: «An Schwingfesten ist man wie eine grosse Familie, jeder redet mit jedem. Das ist wie in Afrika. Das ist genau gleich wie in Afrika! Und ich gehe an die Schwingfeste, damit ich das jedes Mal erlebe.» 

Den Kommerz hat es sicher gebraucht. Er hat gut getan, um etwas abzustauben und attraktiv zu werden. Jetzt ist es an der Zeit, sich auf die immateriellen Werte zurückzubesinnen. Auf unser «kleines, persönliches Afrika» sozusagen. Das ist Unspunnengeist wie zu Gründerzeiten zu Ende des 18. Jahrhunderts. Man wollte Stadt und Land – verschiedene Welten also – zusammenbringen. 

Esther Thalmann

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