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Schweiz-International
Publiziert: 26.11.2017 / 08:00
Analyse: Vielseitig statt biovegan. Auf dem Weg zum «Helvetarier»

Ein neuer Begriff geistert durch den Blätterwald: Die biovegane Landwirtschaft. Dieser letzte Schrei in Sachen Agrikultur ist nicht zu verwechseln mit dem klassischen viehlosen Betrieb.

Biovegan steht für Betriebe, die nicht nur auf Tierhaltung verzichten, sondern auch die Finger lassen von jeglichen zugeführten tierischen Produkten wie Mist oder Gülle, Feder- oder Knochenmehl.

Was ist davon zu halten? Eine weitere kurzfristige Bieridee oder ein ernst zu nehmender Trend? Die Idee bioveganer Landwirtschaft widerspricht im Prinzip jeglichen Regeln einer prosperierenden Landwirtschaft mit geschlossenen Nährstoffkreisläufen, so wie sie die Menschheit seit Jahrtausenden betreibt. Hier amtet das Tier nicht nur als Fleisch- und Milchlieferant, sondern auch als Düngerproduzent. 

Das gilt ausgeprägt auch für den biologischen Landbau, der nicht auf Kunstdünger zurückgreifen kann (und im Fall von Demeter auf homöopathische Präparate tierischer Herkunft angewiesen ist). Zwar sind viehlose Biobetriebe keine Rarität, aber die Zahl der bioveganen Betriebsleiter dürfte hierzulande noch nahe bei Null liegen. 

Ob sich das so schnell ändern wird, ist eher zweifelhaft. Aber die Haltung – eine radikale Ablehnung jeglicher Nutzung von Tieren – ist auch in der Schweiz weit verbreitet. Oder zumindest gut vernetzt. Manchmal braucht es nur ein paar Exponenten, die überdurchschnittlich Wind erzeugen. Man nehme zum Beispiel die Radikaltierschützer von Tier im Fokus, welche es letzthin zustande brachten, im «Blick» eine schlecht untermauerte Breitseite gegen die heimische Hühnerhaltung zu platzieren. 

Diese Organisation macht von sich reden mit Wortschöpfungen wie «Speziesismus», abgeleitet von Rassismus. Damit will man dem Publikum weismachen, dass sich der Mensch unrechtmässig alleine aufgrund seiner Artzugehörigkeit vom Tier abheben wolle. Dieses Gedankengut stösst in unserer notorisch essgestörten Gesellschaft auf dankbare Abnehmer und bildet den ideologischen Unterbau für den Veganismus.

Nun leben wir in einer demokratischen Gesellschaft und zum Glück dürfen alle essen, was sie wollen. Trends wie Veganismus zu bekämpfen wie eine Epidemie, ist also komplett aussichtslos und Zeitverschwendung. Natürlich wäre flächendeckender Veganismus für eine nachhaltige Landwirtschaft keine gute Option, vor allem nicht in der Schweiz mit ihrem Flächenanteil von rund einem Drittel Dauergründland. Aber von allgemeiner Fleischabstinenz sind wir mit einem Pro-Kopf-Konsum von über 50 Kilo pro Jahr noch weit entfernt und das dürfte auch so bleiben.

Trotzdem wäre es falsch, Trends wie vegane Ernährung oder biovegane Landwirtschaft zu ignorieren. Denn sie sagen einiges aus über die Wahrnehmung der Landwirtschaft in wachsenden Teilen der Gesellschaft. Die Aussensicht ist längst so globalisiert wie der Lebensmittelhandel. Dass das gequälte Schwein im deutschen Privatsender in Niedersachsen oder China und nicht in der Ostschweiz lebt, ist für die Wahrnehmung vieler (TV-)Konsumenten einerlei: Landwirtschaft ist einfach bös, wo auch immer. Dasselbe gilt auch für die kandalisierung von Pflanzenschutzmitteln wie Glyphosat, dessen schlechter Ruf vorallem auf dem Missbrauch in Südamerika, Indien und anderen Weltgegenden basiert. Verfolgt man die Debatte in unseren Kanälen, könnte man meinen, es stürben aktuell mehr Leute an Pestizidvergiftung als an Tabak und Alkohol zusammen.

Die Schweizer Kundschaftzeigt sich bisher relativ resistent gegen die Pauschalisierung der Vorwürfe. Ein Grossteil kauft bevorzugt im und aus dem Inland und hat dies neulich auch an der Urne bekräftigt. Die Toleranz heimischem Schaffen gegenüber hat aber auch finanzielle Grenzen, namentlich was die staatliche Stützung angeht; daraufhin deutet der gehässiger werdende Ton in Internetforen, Parlamentssälen und Regierungsberichten.

Umso wichtiger wird es, die effektive Differenz zur ausländischen Konkurrenz zu betonen und dort wo sie fehlt, zu schaffen. Wir müssen die «Landwirtschafts-Streber» Europas sein: Vielseitige statt biovegane Betriebe, geschlossene Kreisläufe statt «Werbefahrten» mit Gülletransporten, weitere Verbesserungen bei Nachhaltigkeit und Tierwohl. Das ist zwar mühselig, aber nur so werden wir es schaffen, den neuen Foodtrend «Helvetarismus» populär zu machen: Landwirtschaftsprodukte nur noch aus der Schweiz.

Adrian Krebs

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