Redaktionsblog
Publiziert: 07.06.2017 / 09:24
Analyse: Der sinnlose Wunsch nach einem Leben ohne Schuld

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Und wenn er das auch würde, es gelänge ihm nicht, das zu tun, ohne dabei Schuld auf sich zu laden. Antworten auf diese Schuld, nennen wir sie Ausbeutung der Erde, gibt es unzählige. Das asketische Leben mit erhöhter Genügsamkeit ist in allen möglichen Formen und Facetten über den Erdball verteilt. Mitten in diesen teils lautstarken Bewegungen stehen immer die Ansprüche an die Landwirtschaft. Damit verbunden oft harsche Kritik und Schuldzuweisungen. Woher kommen sie und was fordern sie?

Ein ganz prominenter Ansatz ist beispielsweise ein Leben zu führen, ohne dafür Tiere zu opfern. Religiös, politisch oder gesellschaftlich motiviert wendet sich der Mensch ab vom Fleischkonsum (Vegetarismus) oder gar von allen tierischen Produkten (Veganismus). Während es bereits in der Antike Vegetarier gab, ist die vegane Bewegung jünger und wurde in ihrer heutigen Form erst im letzten Jahrhundert dokumentiert. Tiere in ihrer Würde dem Menschen gleichsetzen, ist ein entscheidender Aspekt darin. Jede geschichtliche Entwicklung im Urbarmachen des Landes für die menschliche Ernährung, wie auch die Haltung von Tieren zu Zwecken der Nahrungsaufnahme, werden dabei in Frage gestellt. Die Funde, die darauf hinweisen, dass der Mensch seit jeher Fleisch zu sich nahm, sind irrelevant. Die Veganer sind überzeugt, dass man heute das Wissen und auch die Möglichkeit hat, ohne tierische Produkte ein gutes Leben zu führen. Im Hauptfokus der Bewegung sind aber nicht die fleischfressenden Konsumenten, sondern die Bauern, die Fleisch produzieren. Sie kommen in den Genuss harter Anschuldigungen ihrer Produktionsweise gegenüber. 

Ebenso harsche Kritik erntet die Landwirtschaft, die notabene die Welt ernährt, für den Einsatz von Antibiotika und Pflanzenschutzmitteln. Ähnlich hören sich die teils unsachlichen Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Methangas aus der Rindviehhaltung und dem Dieselverbrauch durch die Bewirtschaftung und die Transporte an. Der Bauer ernährt. Und genau das wird ihm schliesslich vorgeworfen. Und dort, wo der Schuh den einzelnen am meisten drückt, dort wird er laut. Die Veganer beim Fleisch. Die Gegner der Chemie beim Pflanzenschutz und bei den Antibiotika und die Velofahrer, wenn sie die grossen Traktoren auf den Feldern sehen. 

Es ist der grosse Wunsch nach einem Leben ohne Schuld, der schliesslich den einzelnen motiviert, etwas gegen die zunehmende Ausbeutung des Planeten zu unternehmen. Die Hoffnung, dereinst eine gerechtere Verteilung auf dem Erdball zu erreichen ist ähnlich sinnlos, wie der Wunsch, die Schuld an der Zerstörung der Erde nicht mittragen zu müssen. Kein Fleisch essen, mit dem Velo in die Stadt fahren, keine Antibiotika verwenden und das Gemüse auf dem Balkon anpflanzen hört sich gut an. Noch besser mag es sich anhören, dass man auf alles und jedes verzichtet, das mit Hilfsmitteln produziert wird, das für die menschliche Ernährung sein Leben lässt und das sich in irgendeiner Form an der negativen Entwicklung des Klimawandels beteiligt. Aber das ist illusorisch. Denn kein Lebensmittel wird mit dem Fahrrad in die Schweiz transportiert. Auch kein veganes. 

Werte machen den Menschen aus. Er richtet sein eigenes Leben grundsätzlich nach seiner Wertehaltung aus. Und gehört zu ebendiesen Werten ein verantwortungsvoller Umgang mit den Ressourcen, verzichtet er auf das, was ihm am leichtesten fällt. Auf das, was ihm am meisten Verantwortung abnimmt und das, was ihn seiner Ansicht nach von Schuld befreit. Auf Fleisch zu verzichten ist nicht falsch. Antibiotika mit Prävention zu ersetzen auch nicht. Und vehement mit Protesten und Aktionen auf sich und den Verzicht aufmerksam zu machen ebenso wenig. Denn
die Vergangenheit zeigt, dass es diese «Extremisten», wie sie gerne genannt werden, braucht. Sonst wären die Hühner der Schweizer Produzenten heute noch in Batterien. Der Mensch verändert nicht freiwillig, sondern nur dann, wenn er Druck verspürt.

Die Landwirtschaft braucht für ihre Entwicklung kein reines weisses Hemd, denn der Wunsch nach einem Leben und damit einer Produktion ohne Schuld ist sinnlos.
Völlig unabhängig von der Lebensform jedes einzelnen, der Mensch und dessen Ernährung sind immer auch ein Eingriff in die natürlichen Abläufe. Ob nun ein Tier in einem Stall gehalten wird, oder ob pflanzliche Nahrungsmittel per Flugzeug herbeigeschafft werden, der Mensch trägt die Verantwortung.
Ihn trifft  die Schuld.

Simone Barth

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