Nordwestschweiz
Publiziert: 23.08.2016 / 09:08
«Wer ganz an die Spitze will, kann nur diesen einen Weg gehen»

Die BauernZeitung besucht in ihrer Sommerserie Schwinger, die einen engen Bezug zur Landwirtschaft haben. Der böse Emmentaler Thomas Zaugg wirkt stets zufrieden. Aber an Ehrgeiz hat es ihm nie gefehlt. Mit viel Disziplin und guter Gesundheit holte er 109 Kränze. Nun tritt er von der Bühne ab.

Er ist beliebt. Sehr sogar. «Everybodys Darling» nennt ihn einer seiner Schwingerkollegen spontan. Oder anders 
gesagt, Thomas Zaugg mögen einfach alle. Er wirkt gesellig, irgendwie bescheiden, nicht abgehoben, am Boden geblieben, geerdet und stets zufrieden. Während seine jüngeren Kollegen nicht selten mit einem Röhrenblick, vom Mentaltrainer geradezu auf Unnahbarkeit getrimmt, die Arena verlassen, kommt Zaugg eher beschwingt daher. So beschwingt es mit 107 kg auf der Waage überhaupt möglich ist.

Der 36-Jährige ist einer der «Oldies» im aktiven Schwingsport. Einer von der alten Sorte eben. Lange bleibt der zweifache Vater der Szene aber nicht mehr erhalten. Er hat nach dem beliebten Fest auf heimischem Boden, dem Kemmeribodenschwinget, am 4. September, seinen Rücktritt bekannt gegeben. Und das nach einer Karriere, die ihresgleichen sucht.


109 Kränze auf dem Haupt


Auf dem Brünig, vor knapp drei Wochen, hat Thomas Zaugg seinen 109. Kranz ergattert. Still, irgendwie sogar unscheinbar. Meist ab vom grossen Medienrummel. Und dabei ist der Emmentaler einer der ganz Grossen seiner Zeit. Nicht nur der hohen Anzahl Kränze wegen. Seine Art zu Schwingen gefällt. Sie hat einiges an Spektakulärem, enthält viel Kampfbereitschaft. Er greift an. Das seit vielen Jahren, auf gewohnt hohem Niveau. 

«Vielleicht hätte mich ein Mentaltrainer noch weiter gebracht», meint Zaugg beim Besuch der BauernZeitung, seinen einjährigen Sohn Marco auf dem Schoss. Weiter? Wohin denn? Die Liste von Zauggs Erfolgen ist lang. Sehr lang. «Ich hätte noch mehr Feste gewinnen können», meint der gebürtige

Eggiwiler, der heute in Schangnau lebt. «Ich bedaure es nicht, dass ich meinen Weg ohne Coach 
ging», ist der bodenständige Mann überzeugt.


Zusammen mit seiner Frau Priska bewirtschaftet Zaugg den Betrieb ihrer Gosseltern. Sie setzen auf die Mutterkuhhaltung und vermarkten einen Teil der Jungtiere direkt. Der Hof, am Fusse des Hohgant, umfasst 20 ha. Neben der landwirtschaftlichen Tätigkeit arbeitet Zaugg auf seinem zweiten erlernten Beruf als Zimmermann. Die flexiblen Arbeitszeiten bei Reto Gerber Holzbau in Wichtrach erachtet der Sportler als immens wichtig für die Arbeit auf dem Hof, aber auch für sein grosses Engagement in der Schwingerei.


Thomas Zaugg kam durch Freunde zum Schwingsport. «Bürkis haben mich einfach mitgenommen», erzählt er von früher. Zuerst hätten die Gebrüder Ruedi, Christian und Walter auf der Heubühne im Schreibersloch mit ihm geübt, auf Matratzen, dann ging es in den Schwing-

keller Eggiwil. Heute hängen  dort Bilder aus der Zeit, als «Thömu und Chrigu» im Training noch zusammengriffen.  «Was macht ihr nur, wenn ich nicht mehr ins Training komme», sagt Zaugg lächelnd zu seinen Schwingerkollegen im Keller.


Das Training ist intensiv. Der 36-Jährige nimmt es ernst. Immer noch. Das Ziel ist hoch angesetzt, aber klar. Er will nach 2004, 2010 und 2013 auch am bevorstehenden Fest in Estavayer wiederum den Eidgenössischen Kranz erlangen. Die Konkurrenz ist hart, aber Zaugg nach wie vor an der Spitze dabei. Wieso plant er auf einem Höhepunkt das Karriereende?  «Ich will selber entscheiden können und nicht quasi gezwungen werden oder das Gefühl bekommen, dass die anderen von mir denken, der hätte doch schon längst aufhören sollen.»


Der Emmentaler hatte grosses Glück. Nie war er so verletzt, dass er sich einer Operation habe unterziehen müssen oder auch etwa länger ausfiel. Das intensive Training, teils fünfmal pro Woche, hat ihn fit gehalten. Was jetzt auf ihn zukommt, wenn er von der Bühne abtritt, weiss der Mann, der seine Stirn auch in Falten legt, wenn er lächelt, nicht. «Ich glaube, er unterschätzt es», meint seine Frau Priska. Beide sind sich bewusst, dass viel ändern wird im Alltag.

«Ich bin nicht mehr 18»

Thomas Zaugg war immer der Gleiche. Alles hat er dem Schwingsport untergeordnet. Früher sei er sicher mehr in den Ausgang gegangen, auch mal vor einem Fest. Heute tritt er kürzer. Die Erholungsphasen nach einem Fest seien länger geworden. «Es ist einfach anders heute. Ich bin nicht mehr 18», erklärt der Emmentaler.


Dass es ohne eisernen Willen und entsprechende Disziplin nie für 109 Kränzen gereicht hätte, weiss der Landwirt und Zimmermann nur zu gut. «Wer ganz an die Spitze will, kann nur diesen einen Weg gehen», ist er sicher. Dieser Weg hatte seinen Preis. Insbesondere für sein Umfeld. Zaugg kann dem nahenden Karriereschluss auch viel Gutes abgewinnen. Die Familie werde befreit vom Stress ums Schwingen.

«Nicht mehr jeden Sonntag an irgendeinem Schwingfest sein», stellt er sich 
vor und lacht. Natürlich werde er einige besuchen und sicher sei auch, dass er etwas brauchen 
werde, um fit zu bleiben, nicht nur körperlich. So plant Zaugg, sich vermehrt auch für die Jungschwinger einzusetzen. «Das war mir in den letzten Jahren zu 
wenig möglich», erklärt er. Die eigene Schwingerei habe derart viel Zeit in Anspruch genommen.


Der Bauer hat Lebensqualität


Thomas Zaugg wirkt zufrieden. Er hat die Gabe, die Dinge relativ schnell und anscheinend oft auch richtig einzuschätzen.  Vielleicht ist das einer seiner Erfolgsfaktoren im Schwingsport. Er ist keiner, der jammert, weder über Verletzungen noch über die Lage in der Landwirtschaft. «Als Bauer hat man Lebensqualität, die man als Büezer nicht hat», ist er sicher. Die Präsenzzeit sei gross, nicht kleiner aber die Freiheiten. Jeder, der diese nicht zu schätzen wisse, sollte einmal ein paar Jahre als Handwerker angestellt sein, ist er überzeugt. Zaugg hat beides. Kennt die Vor- und Nachteile der beruflichen Situationen. Aber für ihn ist das Glas stets halb voll. Mindestens. Mit dem Eggiwiler tritt einer der unscheinbaren Schwinger von der Berner Bühne. Einer, um den der Rummel in all den Jahren ausblieb. So unauffällig er ist, so erfolgreich ist er.


Mit ihm geht einer der Letzten der «alten Garde». Aus einer Zeit, da der Schwingsport für die Nation noch nicht diesen Stellenwert hatte, den er heute hat. Aus einer Zeit, wo Bauernbuben alleine auf der Bühne zusammengriffen, weit ab von jeglichem Interesse der Öffentlichkeit.

Simone Barth

Zur Person


Vorname/Name: Thomas Zaugg

Jahrgang: 
1980

Wohnort: 
Schangnau

Familie: Ehefrau Priska, Aline 3 Jahre, Marco 1 ahr

Beruf: 
Zimmermann und Landwirt

Bevorzugter Schwung: 
Kurz Lätz

Bevorzugte Feriendestination: zu Hause ist es am schönsten

Lieblingsessen: Rahmschnitzel

Ähnliche Artikel

«Das Ziel ist, dass Stucki nicht auf mich kracht, sondern ich auf ihn»

Der Berner Oberländer Schwinger Simon Anderegg erholt sich in Magglingen von seiner Verletzung und gibt zu, ginge es um den Muni, würde wohl sein Vater entscheiden, ob er passt.

17.08.2016

«Ich muss nicht böser sein – sondern einfach nur gut»

Der ehrgeizige Schwinger Roger Erb mit harter Schale und weichem Kern lebt für seinen Sport und will vorne mitmischen. 


11.08.2016
Keine Kommentare

Ihr Beitrag wird überprüft. Beleidigende, rassistische, nicht in Schriftsprache verfasste oder nicht sachbezogene Beiträge werden gelöscht.