Nebenerwerb
Publiziert: 11.12.2016 / 06:21
Vielseitige Vermittlerin

Die Bäuerin Regula Gysel-Stoll empfindet es als Glück, dass sie ausleben kann, was ihr wichtig ist.

Entlang dem Radweg, zu Fusse des Wilchinger Rebberges, liegt der Klettgauerhof. Sonnenkollektoren decken das breit ausladende Dach. Zwei Pferde grasen ruhig auf der

Weide. Vor der Christbaumanlage bei der Hofeinfahrt steht auf einer Holztafel:  «Minna vo 
Radegg».

Wenn Regula Gysel-Stoll  eine ihrer symbolischen Genussführungen durch ihren Kräutergarten macht, wird sie zur Minna, einer Frau aus dem Mittelalter. Im zeitgemässen Gewand erzählt sie ergreifend die traurige Sage vom Burgfräulein Kätterli von Radegg. Bei den tiefroten Duftrosen schneidet ‹Minna› eine Blüte, riecht tief daran und spricht von der innigen Liebe zwischen dem Edelmann und dem Kätterli. Da gebe es manchmal Tränen, sagt Regula Gysel.


Die Kräuterfrau vermittelt die Symbolik der Pflanzen.  Zum Beispiel bedeute Rosmarin in der Blumensprache Treue und Liebe. Früher gab die Braut dem Bräutigam einen Kranz davon. Mit einem Strauss Dahlien werde der Dank der Mutter gegenüber ausgedrückt.


Den Hof beleben


All dies zu vermitteln ist für Regula Gysel eine Freude. Überhaupt hat die 56-jährige Bäuerin gerne Menschen. Schon deshalb hat sie darauf bestanden, die Christbaumanlage mit etwa 3500 Bäumen zu pflanzen. «Ich wollte den Hof beleben.» Am dritten Adventswochenende dürfen Christbäume selbst geschnitten werden. In der

gemütlichen Kaffeestube gibt es hofgemachten Punsch und Weihnachtsgebäck. Regionale Künstler stellen aus. «Wir verkaufen nicht einen Christbaum, wir verkaufen ein Erlebnis.»

Der Christbaumverkauf und die Kräuterführungen sollen aber mehr als Erlebnisse sein. Damit will Regula Gysel-Stoll den Menschen mitteilen, was die Bauern auf einem Hof machen. Es soll eine Brücke zwischen Konsumenten und Produzenten, zwischen Stadt und Land, entstehen. «Wenn jemand bei uns einen schönen Christbaum ersteht und in der Besenbeiz selbstgebackene Weihnachtsguetzli geniesst, ist das saisonal und regional – sie müssen nicht nach Deutschland rennen.»


Organisatorin

Viele kennen Regula Gysel-Stoll aus der Fernsehsendung «SRF bi de Lüt – Landfrauenküche», wo sie 2015 mit ihrem Sohn Dario kochte. Ihre Kinder meldeten sie an, sie selbst war zuerst dagegen. Als ihre Anmeldung dann angenommen wurde, sagte sie sich «Es wäre eigentlich schlecht, wenn ich jetzt absage. Ich kann etwas machen für unsere Region, ich kann etwas vermitteln.» Das Fernsehteam nahm ihr dann die Hemmungen.


Andere kennen sie als Anlaufstelle bei Gruppenanlässen für die «Genuss Region» Tourismus Wilchingen Osterfingen Trasadingen. Letztes Jahr organisierte sie zusammen mit ihrer Arbeitskollegin 70 Gruppenanlässe. «Das hat eben auch mit Menschen zu tun.» Diese Arbeit macht sie von zu Hause aus. 
Obwohl sie Menschen liebt, ist sie zwischendurch auch gerne alleine.


Berührende Begegnungen


Ein imponierendes Erlebnis war für Regula Gysel-Stoll letztes Jahr die Betreuung von Flüchtlingen. Der Kanton hatte in Wilchingen eine Durchgangsstation eingerichtet. Der Landfrauenverein übernahm die Verantwortung, den Flüchtlingen ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Zweimal pro Woche fuhr Regula 
Gysel-Stoll hin. «Es ist eindrücklich, wie wir einander verstanden ohne Worte.» Überwältigt von den vielen schweren Schicksalen, besonders von Frauen und Kindern, ging sie manchmal schwer bedrückt heim.


Einmal nahm sie eine Frau mit ihrem Kind zu sich nach Hause, um gemeinsam Zöpfe zu backen. Erstaunt sah sie zu, wie diese Frau ihr einen viersträngigen Zopf flocht. Zuerst lachten sie zusammen, dann weinten sie.  Kraft und Ausgleich schöpft Regula Gysel-Stoll aus dem ganz bewussten Geniessen. «Ich versuche, mit offenen Augen durch das Leben zu gehen.» Sie freut sich an einem Film, an schönen Begegnungen, an ihren drei Kindern und an ihrem Kräutergarten. Bei alldem was diese Frau unternimmt, könnte man dazu neigen, sie als Powerfrau zu sehen. Sie, die sich selbst als einen eher ungeduldigen Menschen beschreibt, sieht das anders. «Ich empfinde es als Glück, dass ich ausleben kann, was mir wichtig ist.»

Marianne Stamm

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