Wohnen
Publiziert: 19.01.2017 / 08:36
Unerfüllte Wünsche bleiben geheim

Bäuerin Line Adam stammt aus Kambodscha. Heute führt sie zusammen mit ihrem französischen Mann im Elsass einen Laden mit Hofprodukten.

«Als ich am 21. Februar 2012 von Kambodscha in Coussey eintraf, zeigte das Thermometer minus 20 Grad», erinnert sich Line Adam. «Ich trug ein Sommerkleid, war barfuss und die Leute schlotterten bei meinem Anblick», erzählt sie weiter. Aber sie habe noch die ganze Wärme ihres Landes in ihrem Körper gehabt und die Kälte nicht gespürt. Diese Geschichte hält sich wie eine Anekdote im Ort mit rund 750 Einwohnern. Alle kennen Line Adam, alle fröstelt es heute noch, wenn sie an ihre Ankunft denken, und alle amüsieren sich jetzt, weil sie seit dem zweiten Winter, den sie in ihrer neuen Heimat erlebte, wohl die am besten eingepackte Person ist.


Französisch lernen


Die 28-Jährige wuchs auf mit zwei älteren Brüdern und zwei jüngeren Schwestern in Kompong Thom (nicht zu verwechseln mit der bekannten Stadt Kampong Thom), einer malerischen Kleinstadt. Sie war 18 Jahre alt, als sie zu einer Tante übersiedelte, die in der Nähe der bekannten Tempelanlage von Angkor ein Café betreibt.

Dort wollte sie Geld verdienen und Französischkurse besuchen. Anders als in anderen ehemaligen französischen Kolonien ist Französisch dort heute kaum noch verbreitet. Es sei ihr Traum gewesen, die französische Sprache zu erlernen, aber sie wisse nicht, weshalb sie diesen Traum hatte. Heute dürfe sie darüber reden, doch über unerfüllte oder unerwiderte Träume soll nicht geredet werden, sagt sie lächelnd.

Mails und Skype

Eine Freundin aus ihrer Heimat, die im von Coussey rund 36 Kilometer entfernten Contrexéville lebt, hatte sie 2010 auf den jungen Bauern Thibaud Adam aufmerksam gemacht. Die beiden schrieben sich Mails und tauschten sich später aus über Skype. Sie sprachen über den Bauernhof von Thibaud Adams Eltern, den diese anlässlich ihrer Pensionierung bis auf vier Hektaren verkauft hatten. Dort wollte Thibaud im grossen Stil Geflügel aufziehen, eine Idee, die der jungen Frau gefiel.


2011 reiste der Franzose für drei Wochen nach Kambodscha. Schon bald wurde über Heirat gesprochen. Thibaud Adam kehrte zurück nach Frankreich, besorgte die Papiere und begab sich wieder ins Land seiner Braut. Als die Heirat organisiert war, reisten seine Eltern, eine Schwester, ein Freund und eine Tante des Bräutigams an und das Vermählungsfest konnte stattfinden, in einem buddhistischen Tempel.

Buddhistisch und christlich


Am 18. Dezember 2012 wurde Timothé geboren. Auf die Frage, in welcher Religion sie den Knaben aufziehen würden, antwortet die Mutter: «Ich spreche mit ihm über den Buddhismus, mein Mann und seine Eltern, die bei uns im Haus wohnen, klären meinen Sohn auf über das Christentum.» Es sei wichtig, dass ihr Kind eines Tages sich selbst für die eine oder die andere Religion entscheide.


Der Traum von der Eier- und Geflügelproduktion wurde zügig in die Tat umgesetzt, mitten im Dorf Coussey der Laden «La Coussoyote» eröffnet, so dass Adams zu den Festtagen 2012 /13 die ersten Kunden beliefern konnten.

Auf der Angebotsliste von 2016/17 figurierten Kapaun, Graue Gans aus Toulouse, Poularde, Perlhuhn, Truthahn, Ente, Kaninchen und Milchhühnchen. Die Stammkundschaft wächst weiter über Coussey hinaus, vor allem auch, weil Line Adam jeden Samstag auf dem Markt in der zehn Kilometer entfernten Stadt Neufchâteau einen Stand betreibt.


Täglich dazulernen


Vor gut drei Jahren fing das Paar an, Knoblauch, Schalotten, Zwiebeln, Lauch, Runkelrüben, Kartoffeln und Karotten zu pflanzen. «Die Konsumenten achten vermehrt auf die Gesundheit und kaufen gerne Gemüse direkt vom Produzenten», hält Line Adam fest.  Von Gemüse hätten sie beide keine Ahnung gehabt, aber sie würden täglich dazulernen und das Angebot erweitern. Thibaud Adam ist voll des Lobes: «Wenn ich meine Frau nicht hätte, gäbe es wohl den Hof meiner Eltern nicht mehr und vor allem keinen Laden.»

Nächsten Monat fliegt die dreiköpfige Familie zum ersten Mal seit Line Adams Weggang für 13 Tage nach Kambodscha. Für einen längeren Aufenthalt reiche momentan weder das Geld noch die Zeit, sagt sie.


Benildis Bentolila

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