Schweiz-International
Publiziert: 03.09.2016 / 09:00
Schafe sind die nachhaltigeren Rasenmäher

Rasenmähen ohne einen Rasenmäher? Markus Dieterle und seine Geschäftspartner Christian Fluri und Florian Neumann verwirklichten dies mit dem Unternehmen „Naturpflege”. Tiere, Nachhaltigkeit und ökologisches Denken steht dabei im Fokus.

Schafe und Ziegen anstatt Maschinen. Die Idee brauchte Mut, Investitionen, Leidenschaft sowie einige Jahre Zeit, um auszureifen. Heute sind in Agglomerationen und auf Bahnböschungen um Basel, Lenzburg und Münsingen bei Bern Schafe und Ziegen anstatt Rasenmäher im Einsatz.

Michael Dieterles grosser Traum war es, Landwirt zu werden. Verwirklicht hat er dies jedoch nicht, da er keine Möglichkeit hatte, aus familiären Kreisen an einen Hof zu kommen. Der gelernte Zimmermann konnte seiner Leidenschaft zu Tier und Natur trotzdem nicht widerstehen.

Vor sechs Jahren entschied er sich, der Natur auch beruflich nicht länger den Rücken zuzukehren. Die abnehmende Artenvielfalt macht ihm zu schaffen. „Vielfalt ist die tragende Säule unseres Ökosystems”, betont er.

„Vielfalt erbringt genetische Stabilität. Entzieht man sie, beispielsweise durch einseitige Zucht, wird es gefährlich.” Gegen die schwindende Vielfalt in der Natur wollte er etwas unternehmen, jedoch musste es auch ökonomisch gesehen einen Ertrag liefern. Nur dann könne in der heutigen Gesellschaft etwas langfristig funktionieren.

„Hilfsprojekte funktionieren deshalb nur begrenzt, da man ständig auf externe Geldquellen angewiesen ist”, betont Dieterle. Sein Geschäftsmodell? Mit dem Landschaftsarchitekten Christian Fluri und dem Biologen Florian Neumann entwickelte er ein Konzept zur Grünflächenpflege mit Tieren.

Anstatt Mähmaschinen sind bei „Naturpflege” zur Zeit vier ProSpecieRara-Rassen im Einsatz, die gemietet werden können – abgerechnet wird über einen Quadratmeter-Preis.

Mehr Tiere und Pflanzen kehren zurück

Diese Art von Naturpflege ist nicht nur umweltfreundlicher. Die vier Ziegen- bzw. Schafrassen sind vom Aussterben bedroht. Dieterle, Fluri und Neumann schaffen ihnen durch dieses Konzept einen neuen Lebensraum. Doch damit ist es nicht getan.

Da Wiederkäuer nicht systematisch die Grünflächen abgrasen, entstehen Nischen für botanische Vielfalt. In den Agglomerationen sei insbesondere die Schafrasse Skudde sehr beliebt, erzählt Dieterle.

Ab nächstem Frühling sollen jedoch die 5 bis 6 Gruppen, die parallel auf verschiedenen Grünflächen aktiv sind, durchmischt werden. Neben Skudde-Schafen sollen auch beispielsweise Spiegelschafe zu sehen sein.

Da jede Rasse unterschiedlich weidet, liefern sie gemischt ein effizienteres Resultat. Auch in den Agglomerationen würden die verschiedenen Arten zusammen gut ankommen, davon ist Dieterle überzeugt. Die Tiere sollten allerdings nicht zu lange an einem Standort verweilen. Sonst weiden sie die ganze Botanik ab.

Durchschnittlich bleiben die Schafe und Ziegen zwischen einer Woche bis 14 Tage auf einem Abschnitt. Dann wird der selbst hergestellte Zaun, der die Tiere sichert, abgebaut und sie werden zum nächsten Standort transportiert.

Auf die Frage, ob die Tiere mit Stress auf den ständigen Ortswechsel reagieren, antwortet Dieterle gelassen: „Sie fühlen sich in der Herde wohl und wissen, dass sie hinter dem Zaun sicher sind. Der Mensch stellt sich den Transport stressvoll vor, jedoch dauert dieser nie zu lange. Zudem würden die Tiere aufhören zu fressen und nähmen ab, ginge es ihnen schlecht. Das ist bei unseren Ziegen und Schafen nicht der Fall.” „Wir würden gerne expandieren, jedoch fehlen uns die Ressourcen dazu”, sagt Dieterle.

Schon jetzt ist die Arbeit für sie alleine nicht möglich. „Naturpflege” arbeitet mit dem Verein Sozialpsychiatrie Baselland (VSP) zusammen, der beim Zaunaufbau und -abbau hilft. Auch der Einsatzradius ist begrenzt: Für Dieterle ist es schlicht nicht möglich, weitere Strecken als die bisherigen zurückzulegen. Schon Münsingen sei zu weit. Glücklicherweise habe er dort jemanden, der zu seinen Schützlingen schaut.

Die Gesellschaft muss aufgeklärt sein

„Die heutige Gesellschaft handelt und denkt nicht nachhaltig genug. Wir können nicht ewig so weitermachen und auf Zins der Erde leben”, betont Dieterle. Die Natur solle so viel wie möglich selber machen. Nur dann funktioniere sie nachhaltig.

„Unser Unternehmen unterstützt die Natur. Wir verfolgen nicht das Ziel, die Natur ein bisschen weniger kaputt zu machen. Wir wollen sie bewusst fördern.” „Naturpflege” sieht sich als Aufklärer und Pionier.

Die Bevölkerung soll sehen, dass Tiere nachhaltiger seien als Maschinen und auf diese Weise der Planet unterstützt werde. Mit ihrem Weideangebot sind sie auch auf Schularealen unterwegs. Die Unternehmer hoffen, dass Kinder aufgeklärt und nachhaltiger denken würden.

Korinna Lindemann, lid

 

Biodiversität durch Wiederkäuer – Ein Beispiel

Schafe oder andere Wiederkäuer verbeissen Schwarzdorn. Diese Pflanze ist sehr hoch und verwildert, wird sie nicht regelmässig abgefressen.

Geschieht dies allerdings durch Wiederkäuer, dann wird das Schwarzdorn nur kniehohes Dickicht. Daraus entsteht die Krüppelschlehe. Diese ist das Wohngebiet der Gottesanbeterin, den Feldhasen oder dient als Rehkitzablage.

Nur Wiederkäuer können im Dornenbusch Äste abzwicken, wodurch eine Krüppelschlehe entsteht. Ein Mulchgerät kann von einem Dornenbusch nicht nur Äste abzwicken, sondern würde alles heruntermähen. Eine Strukturvielfalt ginge dadurch verloren.

lid

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