Redaktionsblog
Publiziert: 04.07.2016 / 10:57
Freihandel: Das Versuchskaninchen Käse lebt

In der Analyse schreiben Redaktionsmitglieder über Themen, die sie beschäftigen. Diesmal Chefredaktor Adrian Krebs über Schweizer Käse.

Knapp ein Jahrzehnt ist es her, seit die Schweiz und die EU im Juni 2007 gegenseitig die Grenzen für Käse geöffnet haben.  Der Käsehandel ist für den Schweizer Agrarsektor das Versuchskaninchen im Freihandelslabor. Und eines lässt sich vorneweg sagen: Im Unterschied zu den meisten Artgenossen in der Forschung hat das Käsekaninchen überlebt, und das gar nicht so schlecht.


Zwar ist sein Wachstum im Vergleich zur internationalen Konkurrenz bescheiden, aber die Marktanteile konnte man unter dem Strich halten, sowohl im Export, wie auch im Inland. Das ist unter Berücksichtigung der Versuchsanlage kein schlechtes Resultat. Die hiesige Käsebranche hat nicht nur höhere Produktionskosten, sie startete auch stark Protektions-geschädigt in die freie Markt-Wildbahn. Mehrere Jahrzehnte lang waren die so genannten Unionskäse Emmentaler, Gruyère und Sbrinz als Überschussverwerter im Dienste des staatlich garantierten, alljährlich steigenden Milchpreises missbraucht worden.

Emmentaler hat sich noch nicht erholt


Das gilt in besonderem Ausmass für das ehemalige Flaggschiff, den Emmentaler. Bis heute hat sich der Grosslochkäse nicht von diesem Missbrauch erholt. Obwohl seine inneren Werte grossartig sind (pittoreske Heimat und gewerbliche Herstellung aus Rohmilch), wird er bis heute oft verschleudert wie ein x-beliebiger Fabrikkäse, im In- und Ausland konkurrenziert von geschickt vermarkteten Industrieprodukten aus Pastmilch, die oft ungestraft seinen Namen tragen dürfen, weil dessen Schutz in Zeiten des Protektionismus sträflich vernachlässigt wurde.


Dass sich der Emmentaler bis heute nicht gefangen hat, ist aber nicht nur auf käsehistorische Fehler und die Billigkonkurrenz zurückzuführen. Mitverantwortung tragen auch Händler, die noch immer nicht begriffen haben, dass es sinnlos ist, sich auf den gleichen Märkten mit dem identischen Produkt über den Preis zu bekämpfen. Die fehlende Solidarität hat mit dazu geführt, dass sich Marktleader Emmi entnervt abgewendet hat und stattdessen ungerührt seine Marke pflegt, die zwar Zuwachsraten verzeichnet, aber auf bescheidenem Niveau.

Gruyère hat im Export schon fast gleichgezogen


Doch glücklicherweise gibt es Käse, welche den darbenden Emmentaler und seinen anscheinend unaufhaltsamen Niedergang zumindest teilweise zu kompensieren vermögen. Rückgrat unseres Versuchskaninchens ist ziemlich unbestritten der Gruyère, der den Emmentaler bezüglich Gesamtproduktion überholt hat und im Export schon fast gleichgezogen ist. Zuletzt ist der Motor leicht ins Stottern geraten und man darf gespannt sein, ob und wie die erfolgsverwöhnte Interprofession die Kurve schafft.

Der Erfolg des Gruyère ist konsequentem Mengenmanagement und umsichtiger Markenpflege geschuldet . Dass das Produkt Milchpreise von über 80 Rappen generiert, ist in der heutigen Zeit für die Lieferanten ein paradiesischer Zustand. Glück hat, wer Gruyère-Milch produzieren darf. Für die Ausgeschlossenen ist das kein einfacher Anblick. Hoffentlich spornt sie der Erfolg dazu an, mit anderen Käsen ähnliche Erfolgsgeschichten anzustreben.

Dafür gibt es durchaus Beispiele. Namentlich im Bereich Halbhart- und Frischkäse hat die Schweizer Branche im Fitnesstest Beachtliches erreicht, so ist Appenzeller seit Langem dank Top-Markenschutz und -pflege vor allem auf dem deutschen Markt eine anhaltende Erfolgsgeschichte. Innovationen wie der Scharfe Maxx und der Chällerhocker, feiern volumenmässig überblickbare aber schöne Exporterfolge, und  selbst ein Massenprodukt wie Mozzarella hat klar zugelegt.

Konsumenten sind relativ treu

Auch im Inland halten sich die Schweizer Käse trotz starker Zunahme ausländischer Billigware (die Detailhandel und Verarbeitern satte Margen verschafft) gut gehalten. Die  Konsumenten halten sich trotz grosser Verlockungen immer noch gerne und relativ treu an heimisches Schaffen. Schön wäre es, wenn sich dieses Verhalten auch bei den Einkäufern in der Ausserhaus-Verpflegung noch breiter durchsetzen würde.


Ermutigend ist trotz aller Baustellen, dass Schweizer Qualitätsprodukte im In- und Ausland konkurrenzfähig sein können, wobei es mit Verkäsungs- und Siloverzichtszulage dafür noch zwei kräftige Stützen braucht. Dies sollte auch andere Branchen dazu ermutigen, etwas mehr Mut und mindestens ein Trainingslager als Versuchskaninchen ins Auge zu fassen. Damit sei nicht einer übereilten Marktöffnung das Wort geredet, aber sie wird kommen, und vorsorgen war noch immer besser als heilen.

Adrian Krebs

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1 Kommentar
Robert - 04.07.2016 22:05:58
Man sollte schon den Milchpreis als Mischpreis nennen, Gruyere und Appenzeller habens ebenfalls nicht einfach und sind eingeschränkt in der Produktion

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