Schweiz-International
Publiziert: 12.08.2016 / 16:30
Fliegende Helfer für die Landwirtschaft

Gehören Drohen schon bald ganz selbstverständlich zum Maschinenpark vieler Landwirte? Mit dem passenden Zubehör inspizieren sie heute schon Bestände oder Schäden, spritzen Pflanzenschutzmittel, platzieren Nützlinge oder werden zur Rehkitz-Rettung eingesetzt.

Gamaya will die Landwirtschaft aus der Luft erobern. Mithilfe der Software des Schweizer Start-up-Unternehmens können Drohnen grosse Anbauflächen analysieren. «Neben der Software sind die Drohnen mit Hyperspektralkameras ausgerüstet», erklärt Igor Ivanov, Mitbegründer und kaufmännischer Direktor des ETH-Lausanne Spin-offs. «Derzeit laufen eine Reihe von kommerziellen Pilotprojekten mit industriellen Grossbetrieben in Brasilien, die jeweils auf mehr als 100000 Hektaren Zuckerrohr oder Soja anbauen.» Später sollen Landwirte auf anderen Kontinenten dazu kommen.

Der Vorteil der Analyse-Software: Schädlinge, Unkraut und andere Belastungen können mit Drohenflügen frühzeitig entdeckt werden. Dünger und Pflanzenschutzmittel kommen gezielter zum Einsatz, was Arbeitskräfte und Kosten spart sowie den Ertrag erhöht. Längerfristig soll die Gamaya- Entwicklung auch für Schweizer Bauern zugänglich sein. Ivanov: «Es gibt keine Mindestgrösse eines Betriebes für den Einsatz unserer Software. Wir können uns zum Beispiel vorstellen, dass spezialisierte Dienstleistungsunternehmen unsere Daten-Analyse-Plattform regional für einen Monitoring-Service zur Verfügung stellen.»

Pilotprojekt Rehkitzrettung

Bereits diese Saison testete der Solothurnische Bauernverband in Zusammenarbeit mit der Firma Feinmotion in Busswil BE den Einsatz von Drohnen, allerdings nur für die Rettung von Rehkitzen. In einer ersten Phase wurden bei neun Einsätzen sechs Tiere gerettet. Derzeit werden alle Einsatze des Projekts ausgewertet und dann entschieden, ob und wie es weitergeht.

Mehrere Jahre Erfahrung in der Rehkitz-Rettung per Drohne und Wärmebildkamera haben Nicole Berger und die Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikofen. Ebenfalls an der HAFL setzt Stéphane Burgos, Professor für Bodenkunde, Drohnen für Bodenkarten ein. «Unser Ziel ist, auf das Jahr 2017 eine eigene Organisationseinheit an der HAFL zu etablieren», erklärt Berger. Zudem sollen die Multikopter-Piloten für ihren Einsatz ein kleines Entgelt pro abgeflogene Hektare bekommen. «Multikopter und Wärmebildkameras sind teuer. So könnte ein Teil der Investitionen wieder zurückkommen.»

Unter dem Namen «Die Tüftelberger» bieten Nicole und ihr Mann Walter Berger zudem weitere Dienstleistungen und Einsatzmöglichkeiten für Drohnen an, zum Beispiel den «Kugelblitz», der von der Fenaco-Tochter Ufa-Samen Nützlinge vertrieben wird. Dabei werden per Multikopter Kugeln voller Schlupfwespen über Maisfeldern ausgebracht, die dann die Eier des Maiszünslers vernichten. «Die Nachfrage nach Kopter-Ausbringungen ist steigend», sagt Bereichsleiterin Regina Burger. «Wir fliegen in der Schweiz eine Fläche von rund 1600 Hektaren ab. In Deutschland sind es 8000 bis 10000 Hektaren.» Durch den Multikopter würde nicht nur Maiszünslerschäden eingedämmt, das System spare auch Zeit und schone den Boden.

Ein eigener Betriebszweig

Ein erfahrener Drohnenpilot ist auch der Berner Landwirt Simon Möri aus Spins BE, der Drohnenfotos- und Filme rund um die Landwirtschaft produziert, erst als Hobby, inzwischen auch als Betriebszweig. «Ich habe erst kürzlich in eine richtige Filmdrohne investiert, mit der auch bei schwierigen Lichtverhältnissen professionelle Aufnahmen möglich sind», sagt er. Die Nachfrage sei da, zum Beispiel mache er Luftaufnahmen von Hagelschäden, Landtechnik oder Betrieben.

Generell sind Drohnen am Schweizer Himmel längst alltäglich. Mindestens 200000 «zivile unbemannte Luftfahrzeug» bewegen sich laut Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) bei uns durch die Lüfte – Tendenz steigend. Das bringt Probleme mit sich. Denn nicht immer halten sich Drohnenpiloten an die Regeln. Daher hat das BAZL kürzlich eine elektronische Registrierung aller Drohnen angedacht: Jeder Multikopter soll einen Chip ähnlich einer SIM-Karte erhalten, und die Käufer müssen sich einschreiben. Bis solch eine Registrierung von Drohnen gesetzlich verankert ist, wird es allerdings noch Jahre dauern.

«Jeder kann eine Drohne fliegen», erklärt Ian Schäfer den Boom der Multikopter. «Und gut ausgerüstete Drohnen für den Hobby-Einsatz sind heute relativ günstig erhältlich.» Schäfer betreibt zusammen mit zwei Kollegen die Plattform drohnen- vergleich.ch und einen Drohnen-Online-Shop. Neuere Drohnen ab rund 1500 Franken verfügen zum Beispiel serienmässig über eine Kollisionswarnung, ein Tracking-System (die Drohne kann Personen folgen) sowie eine in alle Richtungen bewegbare Full-HD oder gar 4K Kamera. Drohnen für den professionellen Einsatz unterscheiden sich zum einen durch die Qualität der Kameras von den Hobby-Geräten, zum anderen durch die Anzahl der Propeller. Schäfer: «Ein Quadrokopter stürzt ab, wenn ein Propeller ausfällt. Daher haben professionelle Drohnen sechs bis acht Propeller.»

Sie kehren immer zurück

Viele der beliebten Drohnenmodelle fliegen bis zu 70 Stundenkilometer, dann aber nur gerade zehn Minuten, sonst können sie rund 20 Minuten durch die Lüfte sausen. Doch was, wenn der Akku langsam leer wird und die Drohne noch weit weg ist? Schäfer: «Kein Problem. Die Drohnen haben eine ‹Return to home› Funktion, wenn der Kontakt zur Fernbedienung ausfällt. Die Drohne findet dann den Weg zurück selbstständig. Fällt der Akkustand unter vierzig Prozent, fliegt die Drohne sowieso automatisch zurück.» Drohnen speziell für die Landwirtschaft sind bei den grossen Herstellern wie der chinesischen Firma DJI durchaus ein Zukunftsthema. So soll der DJI Oktokopter Agras MG-1 bis zu zehn Kilogramm flüssige Dünge- oder Pflanzenschutzmittel tragen können. Laut Hersteller kann so eine Fläche von 4000 bis 6000 m2 in zehn Minuten gezielt besprüht werden, das soll rund vierzig Mal effizienter sein als mit herkömmlichen Feldspritzen. Das Gerät, derzeit nur in Asien erhältlich, soll rund 15000 Franken kosten.

Cornelia von Däniken

Ähnliche Artikel

Schweizer kaufen viele Fair-Trade-Produkte

Schweizerinnen und Schweizer geben jährlich achtzig Franken pro Person für Produkte aus, die fair gehandelt wurden. Der Konsum von Waren mit einem entsprechenden Label steigt seit Jahren.
22.11.2017

Uneinigkeit über Wolfanzahl in Deutschland

In Deutschland halten sich aktuell zwischen 150 und 170 erwachsene Wölfe auf. Das geht aus Monitoringdaten hervor, die vom 1. Mai 2016 bis zum 30. April 2017 bundesweit erhoben wurden. Schätzungen lagen deutlich darüber.
22.11.2017
Keine Kommentare

Ihr Beitrag wird überprüft. Beleidigende, rassistische, nicht in Schriftsprache verfasste oder nicht sachbezogene Beiträge werden gelöscht.