Schweiz-International
Publiziert: 02.01.2017 / 17:48
«Die Preise sind überhaupt nicht befriedigend»

Was kaum jemand glaubte, wurde wahr: Seit Oktober bekommen die Bauern in der EU Geld, wenn sie weniger Milch produzieren. Das Konzept dazu stammt von den kämpferischen Bauern des European Milk Board, EMB.

Herr Schaber, die Milchpreise in der EU sind in den letzten Monaten deutlich gestiegen. Wird Ihre Arbeit damit überflüssig?

Romuald Schaber: (lacht) Nein, die Milchpreise sind zwar enorm gestiegen, aber sie sind zuvor auch enorm gefallen. Die Preise sind überhaupt nicht befriedigend. In Frankreich haben viele Bauern auf niedrigem Niveau Verträge abgeschlossen. Diese Bremswirkung strahlt auf die umliegenden Länder aus.

Wo liegen denn die Milchpreise aktuell?

Bei 31, 32, 33 Cent in Deutschland, etwas unter 30 Cent in Frankreich. In Irland bei etwa 28 Cent. In Randstaaten wie Finnland oder Italien sind es immer 4 bis 5 Cent mehr, die haben derzeit 36 bis 38 Cent.

Ist der Preisanstieg eine Folge des Milchlieferverzichts? Die Reduktionsmenge macht doch nicht einmal ein Prozent der Produktion aus?

Markt ist ja zu weiten Teilen Psychologie. Der Spotmilchpreis ist schon im April gestiegen, gleich nachdem feststand, dass sich Deutschland für eine Mengenreduktion einsetzen wird. Kurz nachdem das Reduktionsprogramm am 18. Juli in Brüssel beschlossen wurde sind die Butterpreise explodiert. Die industriellen Einkäufer haben gewusst, jetzt wirds nur noch teurer. Sie haben massiv Butter gekauft und bereits zwei, drei Monate später war Butter knapp. Parallel dazu sank die Milchmenge, weil die Bauern nicht mehr konnten. Sie hatten kein Geld mehr, um Futtermittel zu kaufen und haben vermehrt Kühe geschlachtet. Erst als klar war, dass die EU das Programm wirklich umsetzt sind die Schlachtzahlen nicht mehr gesunken. Die Bauern hatten wieder Hoffnung. Im Moment greift die Mengenreduktion. Das wird die nächsten Monate eine gewisse Entlastung bringen. Aber man muss aufpassen was danach passiert.

Langfristig sind die Aussichten für den Milchmarkt positiv. Die weltweite Nachfrage wächst.

Nach Einschätzung der EU-Kommission werden die Milchpreise in den nächsten 2 bis 3  Jahren bei 32 bis 33 Cent liegen. Das ist zu wenig. Die EU hat Unmengen Magermilchpulver an Lager, die sie nun wieder los werden muss. Das hängt wie ein Damoklesschwert über der ganzen Markterholung. Deshalb fordern wir, dass dieses Pulver nicht zur Gänze in den Milchmarkt zurückdarf.

Das kann ich mir nicht vorstellen.

Die politisch Verantwortlichen haben das Problem entstehen lassen, nun müssen sie es wieder lösen. Das Pulver ist ja für 21,5 Cent eingekauft worden, wenn die das jetzt für 30 Cent oder mehr wieder verkaufen macht der Staat sogar noch Gewinn. Gleichzeitig verschleppt er die Markterholung für die Bauern. Das kanns nicht sein.

Von welchen Mengen reden wir da überhaupt?

Etwa 350'000 Tonnen staatlich und 72'000 Tonnen privat. Offiziell. Es wird aber gemunkelt, dass die Molkereien noch mehr an Lager haben.

Es gibt doch eine Abrechnungspflicht in der EU. Wie kann es da "schwarze"  Lager geben?

Die Molkereien müssen Brüssel zwar melden wie viel Milch sie erfasst haben, aber nicht, wie viel sie an Lager haben. Der EDA, der europäische Milchindustrieverband, hat die Inputs und Outputs verglichen und vor einem halben Jahr die Differenz auf rund 200'000 Tonnen geschätzt. Selbst wenn es am Ende nur 100'000 Tonnen wären ist klar, auf welch dünnem Eis die ganze Markterholung steht. Deshalb ist es wichtig Anreize zu schaffen damit die Produktion nicht wieder explodiert.

Sie meinen Ihr Marktverantwortungsprogramm? Das enthält aber auch eine Lagerhaltung.

Lager mit Mass macht Sinn, um Spitzen zu brechen. Solange es nicht zur Last wird. Unser Marktverantwortungsprogramm basiert auf drei Stufen. Die Frühwarnung gibt ein Signal an die Bauern: Wenn ihr jetzt noch steigert müsst ihr später mehr reduzieren als die anderen.

Dann wird es sicher ein paar Schlaumeier geben, die ihre Mengen kurz vor dem Aussprechen der Frühwarnstufen ausdehnen.

Bevor die Frühwarnung ausgerufen wird kann jeder machen was er will. Danach macht eine Ausdehnung keinen Sinn mehr. Das ist eine wichtige Botschaft. Und in der zweiten Stufe, wenn man sagt, jetzt ist Krise, müssen die Mengen gedeckelt werden. Damit nicht das, was die einen reduzieren, durch die anderen zunichte gemacht wird. Da muss eine Abgabe für jedes Kilo Mehr-Milch bezahlt werden und diese Abgabe muss hoch sein.

Sozusagen auf Milchpreisniveau?

Genau. Sobald eine Mischkalkulation Sinn macht, wird eine Mischkalkulation gemacht. Das ist ein ganz normales Verhalten.

Und Sie glauben tatsächlich, dass dieses Marktverantwortungsprogramm umgesetzt wird?

Wir sind sogar der Meinung, dass wir sehr gute Chancen haben, das Programm in den nächsten Monaten in unserem Sinne weiterzuentwickeln. Wenn die 28 Landwirtschaftsminister, die den Milchlieferverzicht beschlossen haben, ein besseres Instrument gehabt hätten, hätten sie es genommen. Offensichtlich gab es nichts besseres. Das macht uns sehr selbstbewusst. Zudem ist klar: Bei 350'000 Tonnen Magermilchpulver an Lager kann es sich die Kommission nicht leisten, noch mehr einzulagern. Wenn im Sommer die Milchproduktion erneut steigen sollte müssen sie ein anderes Instrument haben.

Nehmen wir mal an der EU-Milchpreis steigt, wird dann nicht einfach billigere Milch importiert?

Die EU ist ein starker Nettoexporteur. Wir haben den Weltmarktpreis in der Hand. In den letzten vier Jahren wurde die Produktion in Europa um etwa 10 Prozent ausgedehnt. Das musste alles auf den Weltmarkt, weil der Absatz in der EU konstant ist. Das hat uns die Probleme beschert. Die Mehrproduktion der EU hat die Weltmarktpreise gedrückt.

Aber ohne Export gibt es kein Wachstum.

Ich halte die starke Ausrichtung auf den Export für viel zu riskant. Es kann immer wieder mal Phasen geben, wo es gut läuft, aber der weltweite Markt hat unwägbare Risiken und diesen kann man nicht ohne Regelinstrumente entgegentreten. Man muss handlungsfähig sein, damit, wenn der Markt nicht gut läuft, die eigene Produktion angepasst werden kann. Man kann eine Zeitlang den Deckel aufmachen und wenn es schlecht läuft fährt man halt einige Prozent wieder zurück. Das bringt niemanden um.

In welchen Ländern ist die Situation der Milchproduzenten am schlimmsten?

In den baltischen Staaten. Dort ist es am schwierigsten.

Davon hört man gar nichts.

Ja mein Gott, wer fragt schon die kleinen Staaten! Aber da hat die Krise voll zugeschlagen. Die waren sehr stark mit Russland im Geschäft. Denen ist der ganze Absatz weggebrochen. Der Käse, den sie nach Russland verkauft haben, ist in der EU nicht gefragt. Den kauft bei uns niemand. Das hat zu Riesenproblemen geführt. Neben den baltischen Staaten ist es mit Sicherheit Dänemark. Das angebliche Vorzeigeland hat voll auf Betriebsvergrösserung gesetzt und nun den höchsten Verschuldungsgrad. Eine ausweglose Situation. In Holland ist die Lage kaum weniger dramatisch. Dort redet man seit drei Jahren über eine Phosphatquote, die bis heute nicht beschlossen wurde. Deshalb versuchen die Bauern sich eine gute Ausgangsbasis zu schaffen und produzieren bis zum umfallen.

So wie vor der Einführung der Milchkontingentierung, als man sich noch rasch eine hohe Referenzmenge sichern wollte?

Ja. Wenn man zu lange mit einer Entscheidung wartet wird es immer schlimmer. In Spanien ist es auch ganz dramatisch. 

Das liegt nun sicher nicht am Weltmarkt. Spanien ist kein Milch-Exportland.

Spanien hat eine Milchunterversorgung, aber auch hohe Kosten und sehr schlechte Preise. Die spüren die Wirtschaftskrise deutlich. Dort gab es den ganzen Sommer hindurch immer wieder Proteste. Man kriegt das hier ja nur am Rande mit. Die Lage in Irland ist schwer einzuschätzen. Die Iren hatten die höchste Beteiligung am Milchreduktionsprogramm, jeder vierte Betrieb hat mitgemacht. Rosig ist die Situation ohnehin nirgends. Auch in Grossbritannien nicht oder in Schweden. In Schweden ist die Landwirtschaft nichts mehr wert. Die hatten seit 200 Jahren keinen Krieg, nie Hunger. Das vermittelt denen wohl das Gefühl, dass man die Landwirtschaft nicht braucht.

Letzten Januar waren Sie mit dem EMB beim Papst in Rom. Glauben Sie mehr an Gott als an den freien Marktwirtschaft?

Das ist keine Kunst. (lacht laut) Wir hatten mal den Professor Binswanger aus St. Gallen bei uns zu Gast. Er hat gesagt, der freie Markt führt nicht zu freien Bauern, sondern zur Befreiung von den Bauern. Das habe ich mir gemerkt.

Irgendjemand profitiert vom freien Markt, sonst gäbe es ihn nicht.

Bei uns in Deutschland wird immer sehr stark der Lebensmitteleinzelhandel angegriffen. Dass Lidl, Aldi und Co die Bedingungen diktieren und den grossen Reibach machen. Aber die eigentlichen Gewinne macht die weiterverarbeitende Industrie die Kekse, Schokolade, Convenience oder Pizzas produziert. Die kaufen Rohstoffe zu billigsten Preisen ein und geben es nicht weiter. Im Laden ist nix billiger geworden. Darüber redet niemand. Ich versteh das nicht. Bei Trinkmilch und Butter wurden die Preise wenigstens gesenkt.

Vermutlich fallen die Milchbestandteile bei den Produktionskosten überhaupt nicht ins Gewicht.

Wenn ich von einer Milchpreissenkung von 10 Cent ausgehe haben wir in der EU in den letzten 2 Jahren über 30 Milliarden Einnahmen verloren. Der Endkonsument kam vielleicht in den Genuss von 3, 4, allerhöchstens 5 Milliarden. Die restlichen 25 Milliarden sind bei maximal 2 Handvoll Konzernen gelandet. Da stellt sich schon die Frage, ob denn nur für diese Herren Politik gemacht wird? Das muss man auch mal offen ansprechen.

Das EMB belässt es nicht immer beim sprechen, sondern wird bei seinen Aktionen auch tätlich. Brennende Autoreifen, Traktoren, die Strassensperrungen durchbrechen: Haben Sie Keine Angst als Rädelsführer im Gefängnis zu laden?

Wir wollen ja nicht bewusst Gesetze übertreten. Aber so funktionieren nunmal die Medien und die Politik. Man muss starke Bilder liefern, damit überhaupt registriert wird, dass da eine Gruppe ist, die ein echtes Problem hat. Dass manche Aktionen grenzwertig sind, wie das Sprühen von Milch ans Europaparlament, ist mir schon klar. Aber der Schaden hielt sich in Grenzen.

Im Januar ist ein friedlicher Kongress in Berlin angesagt. Kommen die Bauern überhaupt noch?

Wir hatten die letzten Jahre immer 1'000 Teilnehmer. Dieses Jahr dürften es ein paar weniger sein. Viele haben resigniert oder können es sich nicht leisten, weil sie jeden Cent umdrehen müssen. Aber es ist wichtig, dass man sich trifft, miteinander redet. Damit man sieht, dass es den anderen auch nicht besser geht. Dass man nicht der Einzige ist. Und damit man merkt, nicht wir Bauern haben versagt, sondern die Politik.

Interview Evelina Dudda, lid

Der Bauern-Kämpfer

Romuald Schaber ist seit zehn Jahren Präsident des European Milk Board (EMB) welches rund 100'000 Milchbauern aus 16 europäischen Ländern vertritt. Das Ziel des EMB ist eine zukunftsorientierte, nachhaltige Milcherzeugung in allen Regionen Europa, die es den Bäuerinnen und Bauern ermöglicht, würdevoll von ihrer Arbeit leben zu können. Grundvoraussetzung hierfür ist ein Milchpreis, der die durchschnittlichen Kosten der Milcherzeugung deckt. Schaber ist zudem Präsident des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM), den er 1998 als Opposition zum Deutschen Bauernverband gegründet hat.

Schaber ist 1957 geboren, verheiratet und Vater von fünf Kindern. Er bewirtschaftet einen 35 Hektar grossen Familienbetrieb im Allgäu und hält 40 Milchkühe mit Nachzucht.

ed

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