Landtechnik
Publiziert: 13.08.2016 / 06:11
«Der Pflug steht vor einer Renaissance»

Wer den Pflug richtig einzustellen weiss, hat nicht nur im Wettkampf einen Vorteil, findet Stephan Berger.

Am 31. Juli versammelten sich die besten Pflüger der Schweiz zum 50. Thurgauer Wettpflügen. Morgen Sonntag wird die Pflugelite der Schweiz zum 
20. Zürcher Wettpflügen nach Rickenbach pilgern. Und bereits eine Woche darauf, am 21. August, ist erneut höchste Präzision gefragt. Dann wird im schaffhausischen Neunkirch der Schweizermeister im Wett-pflügen gekürt. Nur wer eine Massarbeit abliefert, wird eine Chance auf einen der vorderen Plätze haben. Da stellt sich die Frage: Welchen Stellenwert hat eine solche auf die Spitze getriebene Genauigkeit im landwirtschaftlichen Alltag?

BauernZeitung: 
Stephan Berger, weshalb gibt es ausgerechnet im Pflügen Wettkämpfe? Es gäbe da noch wesentlich mehr landwirtschaftliche Arbeiten, in denen man sich messen könnte.


Stephan Berger: Beim Pflügen gibt es viele messbare Kriterien, die sofort und auch für Laien sichtbar sind. Zudem ist das

Zusammenspiel von Traktor und Maschine anspruchsvoll. 
Es ist schnell ersichtlich, wer die Technik im Griff hat. Dazu kommen noch der Bewuchs und der Faktor Boden, der sich laufend ändern kann. Darauf muss der Pflüger reagieren und allenfalls Änderungen an der Einstellung des Pflugs vornehmen.


Welche Kriterien werden denn so genau bewertet?


Die Arbeitstiefe wird zum Beispiel kontrolliert. Da muss eine Bandbreite eingehalten werden.  Es sollte möglichst schnurrgerade gepflügt werden, nach dem Pflügen sollte kein Bewuchs mehr sichtbar sein und die Furchen sollten zudem schön umgelegt und sauber ausgeräumt sein. Das Pflugbild sollte insgesamt ebenmässig sein. Nach der Arbeit sollten auf dem Pflugbild keine Fahrspuren sichtbar sein. Das Wettpflügen ist daher eine sehr praxisorientierte Betätigung.


In der Kategorie Ausscheidung haben die Teilnehmer 20 Minuten Zeit für die erste Furche. Der Wettkampf erstreckt sich über mehrere Stunden. Das entspricht nicht dem Alltag in der landwirtschaftlichen Praxis.


Das stimmt schon. Im Wettkampf möchte man das Optimum rausholen und das beste Pflugbild erreichen. In der Praxis fehlt zumeist die Zeit, um so genau zu arbeiten. Aber im Prinzip gelten in der täglichen Arbeit auf dem Betrieb die gleichen Kriterien wie an einer Meisterschaft. Vielleicht legt man einen etwas geringeren Wert auf die Genauigkeit. Es ist auch kein Drama, wenn eine Furche mal nicht schnurrgerade ist. Aber auch bei der praktischen Arbeit sollte der Pflug richtig 
eingestellt sein, insbesondere wegen des Verschleisses und des Treibstoffverbrauchs.

Dann kann die Teilnahme an einem Wettpflügen einen praktischen Wert haben?


Die richtige Einstellung des Pfluges gehört zu den anspruchsvolleren Aufgaben des Landwirts in der Bodenbearbeitung. Ich denke, gerade für Berufseinsteiger ist das Wettpflügen eine ideale Möglichkeit, sich intensiv mit dem Pflug zu befassen. Wer zwei- bis dreimal an einem Wettpflügen teilgenommen hat, hat sich allenfalls intensiver mit dieser Technik befasst, als dies auf einem Lehrbetrieb möglich ist. Gerade auf Betrieben, die pfluglos arbeiten, ist diese Möglichkeit kaum gegeben.

Welchen Stellenwert hat der Pflug in der Ausbildung an den landwirtschaftlichen Schulen?

An den Schulen befassen wir uns im Rahmen der überbetrieblichen Kurse gerade mal einen Tag mit der praktischen Anwendung der Bodenbearbeitungsmaschinen. Und da ist der Pflug nur ein Teil davon. Das ist ein sehr gedrängtes Programm.


Dann wäre es eigentlich sinnvoll, Lernende würden sich an Wettpflügen beteiligen?

Nach dem überbetrieblichen Kurs zur Bodenbearbeitung versuche ich regelmässig, Lernende zur Teilnahme an einem Wettpflügen zu motivieren. Das ist aber schwierig. In der Kategorie Ausscheidung gibt es zunehmend Teilnehmer, die unzählige Trainingsstunden hinter sich haben und mit Geräten 
antreten, die vor High-Tech und Elektronik nur so strotzen. Dieses Equipment hat nur noch wenig mit einem herkömmlichen Pflug zu tun. Beim Plauschwettbewerb kämen Lernende auf gute Plätze. Beim Ausscheidungs-Wettpflügen würden sie aber unter ferner liefen klassiert. Das ist wenig motivierend. Es ist unmöglich, sich mit einem herkömmlichen Pflug gegen eine High-Tech-Maschine zu behaupten. Das Pflugbild, das sich mit diesen unterschiedlichen Gerätschaften ergibt, ist nicht vergleichbar. Das ist beinahe wie ein Wettkampf Amateur gegen Profi.


Gibt es Auswege aus dieser Situation?


Ich habe mir schon überlegt, ob es sinnvoll wäre, drei Kategorien zu bilden. Die Kategorie Plausch oder Landjugend, die Kategorie Ausscheidung mit Standardpflug und dann die Kategorie Ausscheidung für die absoluten Spitzenpflüger. Wenn die Schweiz in internationalen Wettkämpfen vorne dabei sein will, geht es nicht ohne diese High-Tech-Pflüge. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass Lernende sich als Gruppe anmelden. Diesen könnte man den Pflug komplett verstellen. Ihre Aufgabe wäre es dann zum Beispiel, in zehn Längen den Pflug optimal an die gegebenen Verhältnisse anzupassen. Das wäre eine Möglichkeit, wieder etwas näher an die Praxis zu kommen. Und das Antreten in Gruppen würde Lernenden, die in ihrem Betrieb wenig Umgang mit dem Pflug haben, die Hemmschwelle zur Teilnahme etwas nehmen.

Zur Zeit ist der pfluglose Ackerbau ein grosses Thema. Für bodenschonende Bodenbearbeitung werden Direktzahlungen entrichtet. Ist ein Wettpflügen noch zeitgemäss?

In den letzten zwei, drei Jahren gab es sicher einen gewissen Aufschwung für den pfluglosen Anbau. Aber damit ist der Pflug noch längst nicht Vergangenheit. Richtiges Pflügen ist auch bei der heutigen Vielfalt der Bodenbearbeitungstechniken weiterhin eine Grundqualifikation der landwirtschaftlichen Ausbildung. Im Biolandbau, der ohne Herbizide auskommen muss, ist die mechanische Unkrautbekämpfung sehr wichtig. Da spielt der Pflug nach wie vor eine sehr wichtige Rolle. Ich bin der Auffassung, dass der Pflug in den nächsten Jahren eine Renaissance erleben wird.


Auch im konventionellen Anbau?

Das kann ich mir gut vorstellen, wenn ich etwa an die Diskussionen rund um Glyphosat denke. Zudem wird aus dem Aktionsplan Pflanzenschutz ersichtlich, dass das Bundesamt für Landwirtschaft auch Pläne für gewisse Direktzahlungen beim Verzicht auf Herbizide hat. So betrachtet, wird der Pflug eher wieder einen Aufschwung erleben. Zudem ist die Feldhygiene beim Verzicht auf den Pflug schlechter. Dadurch braucht es mehr Pflanzenschutzmittel, was wiederum ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor ist.

Interview Christian Weber


Stephan Berger ist Mitarbeiter der Fachstelle Landtechnik und Unfallverhütung am Strickhof. Er ist im Unterricht und in der Beratung tätig und leitet die überbetrieblichen Kurse.

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