Nordwestschweiz
Publiziert: 17.08.2016 / 10:44
«Das Ziel ist, dass Stucki nicht auf mich kracht, sondern ich auf ihn»

Der Berner Oberländer Schwinger Simon Anderegg erholt sich in Magglingen von seiner Verletzung und gibt zu, ginge es um den Muni, würde wohl sein Vater entscheiden, ob er passt.

Stef Meier greift zu den Hanteln, lässt die Hände wieder sinken, zögert kurz und greift dann im Hantelregal eine Station tiefer. Dann dreht er sich lachend um und meint: «Simon, heute nehmen wir drei Kilo. Nicht dass jemand auf den Fotos sieht, wie du einen Monat vor dem Eidgenössischen mit den Zwei-Kilo-Hanteln trainierst». Beide geniessen lachend diesen unbeschwerten Augenblick. Dann wenden sie sich wieder konzentriert dem Spiegel zu. Es geht um Millimeter und Zentimeter. Jede Bewegung lange einstudiert und Routine. Viele Stunden hat Simon Anderegg schon im Kraftraum der Rehaklinik Magglingen verbracht, seit ihn Mitte Juli die Hexe erwischt hat. Ausgerechnet am Heimfest in Meiringen passierte es. Es habe sich angefühlt, als stecke ihm jemand ein Messer in den Rücken und er wusste sofort: «Jetzt ist nicht gut.»


Es ist die Bandscheibe


Dass es nicht gut ist, bestätigte dann auch der Arzt, der ihm riet, das Fest abzubrechen. Aber Anderegg ist ein Kämpfer, will sich durchbeissen. Trotz grossen Schmerzen, die ihn fast bewegungsunfähig machen, beisst er bis zum dritten Gang durch, bevor er einsieht, es ist wirklich nicht gut mit dem Rücken. Das MRI schafft Klarheit. Ein Bandscheibenvorfall. Sechs Wochen vor dem Eidgenössischen Schwingfest. Für Anderegg eine Katastrophe.

Doch aufgeben ist für ihn keine Option. Dank bester medizinischer Versorgung geht es zackig. «Die behandeln uns mittlerweile wie Profisportler, damit wir schnell wieder auf die Beine kommen», 
erzählt Anderegg mit leichtem

Erstaunen, und in diesem Augenblick scheint es, als würde ihm gerade ein weiteres Mal bewusst, er hat es geschafft. Er ist einer der besten Schwinger der Schweiz und wird entsprechend betreut.


Anderegg will Gas geben


Seit Kilian Wenger die Sport-RS 
im Nationalen Sportzentrum Magglingen absolvieren durfte, ist es zu einer wichtigen Anlaufstelle für die Bösesten der Bösen geworden. Auch Simon Anderegg, der noch eine normale RS machte, absolvierte seine WK in Magglingen. Dann komme meist eine rechte Gruppe Spitzenschwinger zusammen, die das professionelle Training oberhalb des Bielersees geniessen.

Nein, wie zuhause in Meiringen sei es hier nicht, vor 
allem habe es im Winter oft Nebel, lacht Anderegg. Trotzdem sei er sehr dankbar, wenn er sich den ganzen Tag voll auf sein Training konzentrieren könne oder eben wie jetzt auf die Reha.

Zweimal täglich steht ein Training mit Stef Meier auf dem Programm. Rücken stärken und die Balance trainieren. Langsam, Schritt für Schritt. Manchmal zu langsam für Anderegg. Er will Gas geben, weiss, die Zeit ist knapp. Und doch ist er dankbar, kann er heute, zwei Wochen nach dem Bandscheibenvorfall, zum ersten Mal ohne Schmerzmittel trainieren. Jetzt muss ihn sein Physiotherapeut bremsen. Gewicht auf die lange Hantelstange kommt erst morgen. Heute müssen die Kniebeugen noch einmal technisch verfeinert werden. Den Rücken entlasten, mehr mit den Beinen arbeiten.  Einfacher gesagt als getan, wenn man weiss, dass Anderegg in knapp einem Monat wieder 100-Kilo-Muskelprotze durchs Sägemehl wirbeln will.


Saison im Sägemehl beenden


Stef Meier weiss, wie er seine Patienten nehmen muss. In Magglingen steht verletzten Spitzensportlern die beste Betreuung zur Verfügung. Die Autogrammsammlung in den Korridoren liest sich wie das «Who is who» des Spitzensports. Und die Physiotherapeuten wissen, sie sind nicht nur für das körperliche, sondern auch für das geistige Wohlbefinden zuständig. «Sag nie einem verletzten Spitzensportler, dass er sein Ziel nicht mehr erreichen kann», lacht Meier. Diese Option gebe es grundsätzlich nicht. Es zähle nur das Beste zu geben und es zu versuchen. Klar sei es sehr ehrgeizig, sechs Wochen nach einem Bandscheibenvorfall ein Eidgenössisches zu schwingen.

Aber eben, Anderegg will. Aufgeben gibts nicht. Nach der Physiotherapie schaut er darum auf die Uhr und meint mit entschlossenem Blick: «Ich mache noch ein Stündchen.» Holt seinen Trainingsplan und spult konzentriert seine Übungen ab. Sein T-Shirt wird langsam feucht, die Muskeln darunter zittern. Simon Anderegg kämpft und will gewinnen. Nicht das Eidgenössische, dafür war 
der Rückschlag wohl zu gross. Aber er will die Saison im Sägemehl stehend beenden und allen zeigen, mit ihm ist zu rechnen, er ist wieder da.


Die Familie hilft


Noch mindestens drei Jahre lang möchte er auf dem Schwingplätzen mitmischen. Dann müsse er sich überlegen, ob er nicht zu alt sei. Am 17. April ist er 30 Jahre alt geworden. Es wird langsam Zeit, über einen neuen Lebensabschnitt nachzudenken.

Frisch geduscht sitzt Anderegg an der Sonne, geniesst die Ruhe, bewegt sanft seine Wirbelsäule und testet immer wieder, ob der Rücken das Training vertragen hat. Die Sonne lässt seinen Dreitagebart kupferfarben schimmern, fast wie bei einem Kobold. Um seine Mundwinkel zuckt immer wieder ein Lächeln. Die Lachfalten um die Augen zeigen, Anderegg kann nicht nur ernst, er kann auch lustig. Auch wenn er bei vielem zurückstecken muss.

Training und Arbeit fressen einen Grossteil seiner Zeit. Seine Freundin sehe ihn oft nur morgens beim Aufstehen und abends beim Einschlafen. Doch die Unterstützung ist gross. Auch von seinem Chef, der es möglich macht, dass er nur 80 Prozent arbeitet, der es in Kauf nimmt, dass sein Mitarbeiter jetzt verletzungsbedingt ausfällt und statt Dächer zu decken, in Magglingen für den Saisonhöhepunkt trainiert. Gebraucht würde Anderegg wohl auch beim Heuen auf dem Heimbetrieb, das weiss er. Er weiss aber auch, es geht ohne ihn, seine Familie hält ihm wortwörtlich den Rücken frei. Er merke schon, dass seine Eltern versuchten, ihn in der Schwingsaison möglichst wenig einzuspannen. Und wenn dann alle auf dem Schwingplatz am Mitfiebern sind, ist es meistens sein Bruder, der vorzeitig abreist, um zuhause die Kühe zu melken.


Milchpreis macht Kummer

Geplant ist, dass Simon Anderegg in naher Zukunft den Betrieb übernimmt. Beim Gedanken daran wird er heute zum ersten Mal richtig ernst. Wie das genau gehen solle beim aktuellen Milchpreis, wisse er beim besten Willen noch nicht. Gewiss ist aber, jeden Tag Training, wie er es heute macht, ist wohl spätestens dann nicht mehr möglich. Und er weiss auch noch nicht, ob und in welchem Pensum er dann als Zimmermann arbeiten kann. Diese Ungewissheit macht ihm sichtbar mehr Gedanken als die sportliche. Denn hier weiss er, er hat es in der Hand, mit viel Einsatz seinen Körper für Höchstleistungen zu trainieren – so der Rücken will.


Dann leuchten Andereggs Augen wieder. Morgen darf er endlich mit Gewicht trainieren. Es geht vorwärts. Das Ziel vor Augen, den nötigen Kampfgeist im Herzen. Er sei zwar nicht der Grösste, aber das Ringen habe ihn schnell und vielseitig gemacht und mit seinen 108 Kilo sei er bekannt dafür, ein unberechenbarer Gegner zu sein. Eine Kampfansage an

seine Schwingerkollegen, 
begleitet von einem verschmitzten Grinsen.

Und auf die Frage, wie es denn sei, wenn man falle und wisse, dass gleich ein Christian Stucki auf einem krache, meint er nur lachend: «Das Ziel ist es, dass er nicht auf mich kracht, sondern ich auf ihn». Keine Frage, Anderegg weiss, was er will und was er kann. Und so sehr er die gute Kollegschaft unter den Schwingern mag und geniesst, am Ende geht es darum, wer wem das Sägemehl vom Rücken putzt.


Daniela Joder

Zur Person


Vorname/Name: Simon Anderegg


Jahrgang: 1986


Wohnort: Meiringen


Familie: Keine


Beruf: Landwirt und

Zimmermann


Bevorzugter Schwung:

Übersprung


Bevorzugte Feriendestination: Kanada


Lieblingsessen: Ä guete Bitz Fleisch

dj

Ähnliche Artikel

«Ich muss nicht böser sein – sondern einfach nur gut»

Der ehrgeizige Schwinger Roger Erb mit harter Schale und weichem Kern lebt für seinen Sport und will vorne mitmischen. 


11.08.2016

«Weisch Päpu, e Muni wott ig ja de scho nie gwinne»

Der Nachwuchsschwinger Michael Moser feiert seinen 11. Geburtstag und reiht Erfolg an Erfolg. Dabei blickt der selbstständige Bauernjunge nicht auf eine Schwingerdynastie zurück.

22.07.2016
Keine Kommentare

Ihr Beitrag wird überprüft. Beleidigende, rassistische, nicht in Schriftsprache verfasste oder nicht sachbezogene Beiträge werden gelöscht.