Redaktionsblog
Publiziert: 24.06.2016 / 08:48
Analyse: Polemik ist Gift für die Debatte

In der Analyse schreiben Redaktionsmitglieder über Themen, die sie beschäftigen. Diesmal Chefredaktor Adrian Krebs über Pflanzenschutzmittel.

Pflanzenschutzmittel sind ein hochemotio
nales Thema, wie die gegenwärtige Debatte in Deutschland und etwas weniger ausgeprägt in der Rest-EU wieder einmal treffend illustriert. Soll das Herbizid Glyphosat verboten werden? (Agrar-)Politik, Wirtschaft, Umweltschützer und das Publikum liegen sich seit Wochen öffentlichkeitswirksam in den Haaren und tragen einen wahrhaften Herbizid-Glaubenskrieg aus.

Die Schädlichkeit von  Glyphosat steht dabei gar nicht mehr im Zentrum. Auch die x-te Studie hat nämlich keinen verlässlichen Aufschluss

darüber geben können, ob die unter dem Markennamen Roundup weltweit verkaufte Chemikalie nun tatsächlich krebserregend ist oder nicht. Vielmehr dient Glyphosat als symbolischer Zankapfel, um den sich Gegner und Befürworter von intensiver Landwirtschaft, Gentechnologie und Globalisierung Saures geben.


In der Schweiz wurde diese Debatte bisher deutlich zaghafter geführt. Zwar haben die Grossverteiler die Roundup-Produkte für Privatgärtner aufgrund des Krebsverdachts bereits aus dem Sortiment verbannt.  In den bäuerlichen Pestizidschränken gehört Glyphosat  derweil   noch relativ unbestritten zum Inventar. Die in der Schweiz eingesetzte Menge wird auf 300 Tonnen geschätzt, knapp die Hälfte der jährlich verwendeten Unkrautbekämpfungsmittel.

Im Unterschied zum umliegenden und erst recht 
zum ferneren Ausland wird Glyphosat in der Schweiz aber verhältnismässig zurückhaltend eingesetzt. Erstens 
ist gentechnisch verändertes Saatgut, das nur in Kombination mit Glyphosat («Roundup-ready») funktioniert, hierzulande verboten. Ebenso verboten ist zweitens das Versprühen des Herbizids auf erntereife Kulturen, während Glyphosat im Dienste der gleichmässigen Abreifung, der sogenannten Sikkation, etwa in der EU flächendeckend zum Einsatz kommt.

Das heisst nun nicht, dass die Schweizer Landwirtschaft punkto Pestizide die Hände in den Schoss legen kann. Die jährlich total ausgebrachten gut 2000 Tonnen zeitigen Folgen. Die sensiblen Messinstrumente der eidgenössischen Wasserschutz-Behörden haben gezeigt, dass  viele 
Gewässer im Mittelland Pestizid-Rückstände aufweisen, welche die Biodiversität tangieren können. Das darf die Bauern nicht kalt lassen.


Tut es auch nicht. Sie suchen unterstützt vom Bund nach schonenden Ausbringungsmethoden, nehmen zahlreich an Extensivierungsprogrammen teil und tragen gemeinsam mit Behörden und Fachkräften aus allen Himmelsrichtungen ihren Teil zum Gelingen des Nationalen Aktionsplans Pflanzenschutzmittel bei. Dabei bewegen sie sich in einem anspruchsvollen Markt, der  immer günstigere   Produkte mit immer makelloserer Qualität verlangt, während die Umweltstandards immer strenger werden.

Stark involviert in der Pestiziddiskussion sind auch die Umweltverbände, allen voran der grösste,  die Pro Natura. Dass diese nun mit ihrer Kampagne gegen Pestizide in Gewässern die Bauern frontal angreift, bringt der Wasserqualität der Oberflächengewässer rein gar nichts. Zwar kann man sich mit dieser Attacke gegen die Landwirtschaft in der Öffentlichkeit profilieren, aber dieser Zweck heiligt die Mittel nicht. Wenn die Bauern mit drastischen Fotomontagen vor den Kopf gestossen werden, ist das der sicherste Weg, um Fronten zu verhärten und die Stimmung zu trüben, ärger als es jeder Pestizideintrag im munter sprudelnden Bächlein könnte.

Für weitere Verbesserungen bei der Wasserqualität braucht es Anstrengungen auf allen Ebenen und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Dass es Massnahmen braucht, ist nicht von der Hand zu weisen. Das Wasser ist dabei nur ein Aspekt, auch die Pflanzenschutz-Rückstände im Boden sind ein Thema. Und dabei ist nicht nur die konventionelle, sondern auch die biologische Landwirtschaft, welche die Pro Natura als Alternative empfiehlt, gefordert, Stichwort Kupfereinsatz.

Erwähnen dürfte Pro Natura ganz nebenbei auch, dass man bereits einiges erreicht hat. Heute kann man, und darum beneiden uns viele ausländische Besucher und Besucherinnen, bedenkenlos in jedes Schweizer Gewässer springen. Dass dem so ist, ist Resultat und Verdienst langjähriger Anstrengungen aller Beteiligten: von Naturschützern über  Konsumenten und Politik bis zur Landwirtschaft.

Diese bewährte Zusammenarbeit zugunsten des eigenen Spendenkontos fahrlässig aufs Spiel zu setzen, ist wahrlich alles andere als ein umweltpolitisches Gesellenstück.

Adrian Krebs

Einen Gastbeitrag von Pro Natura zum Thema finden Sie in der BauernZeitung vom 24. Juni 2016

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Kommentare
Roberta - 26.06.2016 00:54:27
Sie schreiben, „dass Die Schädlichkeit von  Glyphosat steht dabei gar nicht mehr im Zentrum. Auch die x-te Studie hat nämlich keinen verlässlichen Aufschluss darüber geben können, ob die unter dem Markennamen Roundup weltweit verkaufte Chemikalie nun tatsächlich krebserregend ist oder nicht.“ Das ist schlichtweg falsch, denn es gibt sehr wohl hunderte internationale und unabhängige wissenschaftlichen Studien zur Gefährlichkeit von Glyphosat, die das Umweltinstitut München hier in einer 12-seitigen PDF Liste auf Deutsch zusammengefasst hat. http:\/\/www.umweltinstitut.org\/images\/gen\/aktionen\/Roundup\/Studien-Glyphosat.pdf Für die Experten ihrer Leser gibt es hier die über 300 Studien auf Englisch, die in wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht wurden und belegen, dass RoundUp krebserregend und hormonschädigend ist. Und dass Glyphosat Darmbakterien tötet, was schon bei Kindern zu Allergien führt und Missbildungen bei menschlichen und tierischen Föten fördert und mehr:
 http:\/\/www.gmofreeusa.org\/research\/glyphosate\/glyphosate-studies\/ Warum die EU Behörden Glyphosat als harmlos einstufen ist auch bereits von verschiedenen Medien aufgedeckt worden: Wie zum Beispiel Monsanto & Co die Behörden WHO, FAO, Efsa und BfR mit Millionen Euro Spenden beeinflusst und ihre Wissenschaftler dort unterbringt, kann man hier sehen: ZDF: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vtuFi0O5rjQ 
Frontal21: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=GdZ4b_5cDRQ ARD FAKT: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=gB3pFQQHJiI Der Spiegel:http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/lobbying-wie-genmais-gigant-monsanto-politik-macht-a-482238.html The Guardian: http:\/\/www.theguardian.com\/environment\/2016\/may\/17\/unwho-panel-in-conflict-of-interest-row-over-glyphosates-cancer-risk
 Oder dass der BfR nur geheime - nicht von anderen Wissenschaftlern geprüfte – Monsanto Studien und sogar Leserbriefe als Glyphosatstudien bewertet hat:
 http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/kampf-um-glyphosat-wenn-leserbriefe-von-monsanto-als-studien-gelten-1.2570374 Deshalb haben sich auch die 250 Delegierten des Deutschen Ärztetages gegen eine Verlängerung von Glyphosat bei der Regierung ausgesprochen: http:\/\/www.bundesaerztekammer.de\/ueber-uns\/landesaerztekammern\/aktuelle-pressemitteilungen\/news-detail\/aerzte-fordern-widerruf-der-glyphosat-zulassung\/ Und 96 Wissenschaftler haben gegen die unwissenschaftliche Efsa und BfR Methodik einen Protestbrief geschrieben:
 http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/streit-um-unkrautvernichtungsmittel-wissenschaftler.697.de.html?dram:article_id=338417 Denn diese EU Behörden sind eigentlich zum Schutz der EU Bürger da und nicht um die kommerziellen Interessen der Chemiekonzerne zu vertreten. Denn Monsanto ist ja schon mehrfach, z.B. im Fall der krebserregenden PCBs und beim Rinder-Wachstumshormon Posilac, zu Millionen Strafen verurteilt worden, weil sie Studien gefälscht haben, um die Gefährlichkeit ihrer Produkte zu vertuschen: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Samuel_Epstein_(Mediziner)
 https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Monsanto,_mit_Gift_und_Genen Und eigentlich dachte ich auch als Verbraucher, dass die Landwirtschaft die Lebensmittel für uns Konsumenten herstellt, die natürliches Brot kaufen wollen und keine Chemiecocktails, denn Glyphosat das in über 90 verschiedenen geheimen Rezepturen inklusive Abbauprodukte wie AMPA und Hilfsstoffe wie Tallowamine vorkommt, kann man nicht einfach abwaschen, sondern die Herbizide werden überall in die Pflanze eingeschlossen und mitgegessen. Selbst ich als Bio Käufer konsumiere ständig unbewusst Glyphosat weil es in Honig, in Bier, in Babybrei, in Tampons und in Tupfern enthalten ist, die bei OPs an offenen Wunden genutzt werden. Die Bio-Landwirte sind schon jetzt die Gewinner des Hofsterbens: http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/landwirtschaft-den-bauern-ist-zum-hinschmeissen-zumute-13955211.html Daher verstehe ich nicht, warum sie eine nachweislich krankmachende Chemikalie weiter nutzen wollen, wo doch 20.000 Bio Landwirte beweisen, dass es auch ohne geht. Danke
Eugenelip - 04.06.2017 09:45:57
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