Nebenerwerb
Publiziert: 05.11.2016 / 11:29
«Am gleichen Strang ziehen»

Auf Bauernhöfen gibt es über 1000 Betreuungsplätze. Was bedeutet, jemanden zu betreuen, wissen Monika und Andreas Hadorn. Sie arbeiten mit dem Projekt Alp zusammen.

«Als unsere Kinder erwachsen wurden, haben wir gemerkt, dass unser Haus leerer wird», sagt Monika Hadorn. Da kam die Anfrage vom Projekt Alp genau richtig, welches neue Gastfamilien suchte.


Seit fünf Jahren nehmen Monika und Andreas Hadorn aus dem Berner Gürbetal Personen in ihrer Familie auf. Momentan ist Tobias Lüthi (Name geändert) bei ihnen. Er kam vor vier Monaten und ist schon am Ende seiner Therapie. Vor drei Jahren kam er wegen Sucht- und Kriminalitätsproblemen zum Projekt Alp. Tobias entschied sich für die Mithilfe auf Bauernbetrieben anstatt fürs 
Gefängnis.

Arbeiten als Therapie


«Ich habe gemerkt, dass Arbeiten eine gute Therapie für mich ist», sagt Tobias. Auf dem Betrieb im Berner Oberland, auf welchem er vorher war, sei es «Vollgas»

gegangen. Dort ging er auch drei Monate auf die Alp, ohne Handy, fort vom gewohnten Umfeld. «Den ganzen Tag etwas Sinnvolles zu machen wie bauen, Kühe füttern, käsen, das macht einen zufrieden und man sinkt am Abend müde ins Bett», erzählt Tobias mit einem Lächeln.


Auch das Ehepaar hat viel Freude an ihm. Monika Hadorn schwärmt: «Seitdem wir Tobias haben, habe ich praktisch Ferien. Er hilft so viel mit auf dem Betrieb.» Aber das sei nicht immer so, meint ihr Mann Andreas Hadorn dazu. In den letzten fünf Jahren hätten sie auch Dinge erlebt, die sie zuvor nie gedacht hätten. «In der Kindererziehung waren wir uns immer einig. Aber bei den Gästen kann das schwierig werden», erzählt die Bäuerin, «die können einen schon gegeneinander ausspielen.» Ihr Mann ergänzt: «Es müssen alle am gleichen Strang ziehen, auch die Kinder und die Grossmutter. Das macht es für den Gast angenehmer.»


Den Spagat schaffen


Der Betrieb der Familie Hadorn umfasst etwa 20 Hektaren mit wenig Getreide und Mais sowie 60 Hochstamm-Zwetschgenbäumen. Er hat 18 Milchkühe mit Nachzucht, 50 Zuchtsauen und ausserdem zehn Hühner. «Bei uns auf dem Betrieb gibt es viele Arbeiten, die ein Gast machen kann, wenn er will, er muss das aber nicht», betont Monika Hadorn. «Tobias ist da ein Glücksfall für uns».

Gerade im Jugendbereich kommen auch oft Klienten nicht ganz freiwillig auf einen Betrieb. Denen fällt es schwer, am Morgen aufzustehen. Trotzdem versuchen die beiden geduldig, diese Personen zu motivieren. Sie bekommen dann halt kleinere «Ämtli», wie zum Beispiel die Hühner zu versorgen. So lernen sie nach und nach, mehr Verantwortung zu übernehmen. Sie lernen, Termine und Aufträge einzuhalten.


Bei der Mitarbeit auf dem Betrieb entstehen manchmal schöne Gespräche, es werden aber auch Probleme gelöst. «Wir haben es schon erlebt, dass ein Klient, genau in dem Moment als wir am Heuen waren oder einer anderen Arbeitsspitze, mit einem Problem zu uns kam. Dann sagen wir jeweils, schreib es dir auf für später. Und wenn man es dann später anspricht, ist es oftmals schon vom Tisch und hat sich selber gelöst», erzählt der Bauer. «Man muss auch lernen, nicht immer sofort zu reagieren, wenn jemand mit einem Problem kommt», ergänzt seine Frau.

Einfach mal anfangen

Monika Hadorn empfiehlt interessierten Familien, einfach mal anzufangen. Natürlich gibt es vorher noch einiges abzuklären. Das Projekt Alp ist eine von etwa 70 Institutionen in der Schweiz im Bereich Betreuung in der Landwirtschaft (eine ganze Liste findet man in der BauernZeitung vom 4. November).

Jasmine Baumann

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