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GemüseFrüchte
Publiziert: 13.09.2014 / 12:00
50 Rp. Abzug je kg Kirschen

Die grosse Kirschenernte sorgt für einen Preis-Abzug bei den Bauern. Marktexperte Hansruedi Wirz erklärt, warum es so weit kam. 

Die Kirschenernte 2014 war gut. Sogar ausserordentlich gut, denn alle Bäume trugen reichlich Früchte. Leider folgt nachträglich eine böse Überraschung. Landwirt Heiri B. in L. reklamiert bei der «BauernZeitung», weil auf seiner Tafelkirschenabrechung ein «Vermarktungsbeitrag» von 50 Rappen je kg abgezogen wurde.

«Ja, das stimmt. Auf jedem Kilo Kirschen, das ab Juli  abgeliefert wurde, wird den Kirschenbauern 50 Rappen je kg an den gestiegenen Vermarktungskosten abgezogen», erklärt Hansruedi Wirz, Präsident des Produktzentrums Kirschen/Zwetschgen vom Schweizer Obstverband (SOV) und Swisscofel.


Vier Gründe für die Störungen am Kirschenmarkt 2014


Dieser Beschluss, dass auch die Kirschenbauern ihr Scherflein zu Bewältigung der Riesenernte 2014 geben sollen, betont Hansruedi Wirz, sei einstimmig, auch mit der Stimme der Produzenten gefallen. Wirz erklärt, warum es zu dieser ausserordentlichen Situation gekommen ist:

  • Das ideale Wetter während und nach der Blüte liess die Kirschenbäume so viele Kirschen ansetzen wie schon lange nicht mehr.
  • Leider drückte der verregnete Sommer auf die Stimmung der Konsumenten, die Nachfrage war im Juli flauer als üblich.  l Der Regen liess die Kirschen viel grösser werden als üblich. Ein Millimeter mehr Umfang gibt bei den Kirschen total 17 Prozent mehr Erntegewicht.
  • Die Hauptsorten Kordia und Regina hatten ein bis zwei Millimeter mehr Umfang, dies führte zu einem optimalen Behang, was die Ernte an jedem Baum in der ganzen Schweiz kräftig erhöhte.
  • Die Bäume in den Hausgärten  hätten sehr viele Kirschen getragen und der Direktverkauf habe den Handel konkurrenziert.
  • 
Wegen des warmen Wetters 
habe die Kirschenernte in der Nordwestschweiz und in der 
Ostschweiz leider fast zeitgleich eingesetzt statt wie üblich eine Woche später in der 
Ostschweiz. Auch die hohen 
Lagerbestände an Kirschen in den Kühlhäusern während der Ernte hätten die ganze Vermarktung erschwert.


Laut Vermarktungskonzept SOV/Swisscofel liegt die Zielmenge bei 3000 Tonnen. Dieses Jahr lag die Menge jedoch bei 3400 Tonnen, das heisst 400 Tonnen mehr als der Markt aufnehmen könne, weiss Wirz.


Die fünf Punkte des Handels  für den Absatz aller Kirschen


Für die Vermarktung sämtlicher Tafelkirschen hat der Handel laut Hansruedi Wirz folgende Anstrengungen unternommen:

  • Einige Tonnen wurden exportiert zu Kosten von 3 Franken je Kilo. Hätte man die ganzen überschüssigen 400 Tonnen exportiert, hätte laut Wirz diese Exportübung 1,2 Mio Fr. gekostet.
  • Ein Teil der Tafelkirschen landeten mit einem Abschreiber in den Brennereien zu einem Preis von Fr. 1.09 statt zum Tafelkirschenpreis von Fr. 4.90 bis Fr. 6.60 je kg.
  • In der ersten Augustwoche machten die Migros und Coop nochmals eine gesamtschweizerische Aktionswoche, die den Handel nochmals Marge von 20 bis 30 Rp. je kg kostete.
  • Während der Aktivitäten der Detaillisten gab es Klassenverschiebungen, was ebenfalls zu nicht realisierten Markterlösen 10 bis 20 Rp. je kg zulasten des Handels führte, führt Wirz aus.
  • Ein grosser Teil der Ernte musste über eine gewisse Zeit eingelagert werden, was zu einem Schwund von bis zu drei Prozent führte. Diese Einlagerungen in den Kühlhäusern habe die Händler nochmals 12 bis 18 Rp. je kg gekostet.


Der Schaden wurde zwischen Handel und Bauern geteilt


Hansruedi Wirz fasst zusammen: «Wenn man alle diese Punkte zusammenzählt, führt dies zu einem Verlust von einem Franken je Kilo, bei einigen Händlern sogar wesentlich mehr.» Dieser Schaden wurde geteilt, erklärt der Obstbauer, Marktkenner und Präsident des Produktzentrums Kirschen/Zwetschgen Hansruedi Wirz.

Jeder Tafelkirschenlieferant habe einen Abzug von 50 Rappen je Kilo auf der Tafelkirschenabrechung, einige Bauern, laut Wirz, sogar je nach Abnehmer mehr als 50 Rappen.

Auf die Frage, ob es sich der Handel nicht allzu einfach mache, das Vermarktungsrisiko einfach so auf die Bauern abzuwälzen, erklärt Wirz: «Ich verstehe, dass die Bauern, die nicht täglich dem Früchtemarkt ausgesetzt sind, den Eindruck bekommen, sie müssten die versalzene Suppe allein auslöffeln.»


Der Handel hat auch Kosten und Risiko getragen


Wirz weiss aber, dass der gesamte Handel mehr als die Hälfte der entstandenen Mehrkosten trägt. Weiter betont er: «Ohne die zusätzlichen Aktionen der Grossverteiler wäre der Kirschenpreis sicher zusammengebrochen.» Auch hätten die Bauern heuer rund 3400 Tonnen Kirschen absetzen können, rund doppelt so viel wie letztes Jahr. Ausserdem sei wegen der Anstrengungen des Handels der Tafelkirschenpreis die ganze Erntezeit stabil geblieben. Diese Preise wurden, so Wirz, abgestützt auf eine Ernteschätzung von 2500 Tonnen.


Bei Kordia und Regina ist Limit erreicht


Hansruedi Wirz ist es wichtig, dass die Vermarktung auch in einer zukünftigen Kirschengrossernte funktioniert: «Wenn ich auch nächstes Jahr von den erschöpften Bäumen nicht schon wieder eine solche Grossernte wie 2014 erwarte», bilanziert er.


Für die zweite Hälfte der Kirschenernte dürfe man die Produktionskapazitäten in der Schweiz aber nicht mehr ausbauen, blickt Wirz in die Zukunft. Mit den Sorten Kordia und Regina sei man am Limit, betont Wirz.

Die Produktion dürfe höchstens noch leicht ausgedehnt werden für die Erntewochen drei und vier. «Ausserdem müssen wir das Potenzial in der Schweiz genauer erheben», schliesst Wirz. 

Hans Rüssli

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