Immer mehr Landwirte berichten über Probleme mit Labmagenverlagerungen bei ihren Kühen. Tatsächlich ist die Tendenz steigend, wie auch Adrian Steiner, Leiter der Nutztierklinik der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern, bestätigt. «Anhand unseres Patientengutes machen wir auch die Erfahrung, dass es häufiger wird», sagt Steiner. Im Tierspital Bern werde aktuell jeden Tag ein Labmagen operiert.

Zunahme seit den 50-er Jahren

Offizielle Zahlen zu der Zunahme der Labmagenverlagerungen gibt es nicht. Etwa Anfang der 1950er-Jahre seien die ersten Fälle aufgetreten und seither kommen sie immer häufiger vor, wie auch auf der Website des Rindergesundheitsdienstes zu lesen ist. Labmagenverlagerungen können in jedem Alter und bei beiden Geschlechtern auftreten.

Jedoch sind am häufigsten Kühe betroffen, die gerade erst abgekalbt haben. «Labmagenverlagerungen können auch bei Rindern oder Kälbern auftreten, das ist aber eine Seltenheit», sagt Adrian Steiner.

Wodurch wird eine Labmagenverlagerung ausgelöst?

Das sei eine Faktorenkrankheit, sagt der Veterinärmediziner. Zu diesen Faktoren gehört einerseits die Fütterung. Die Umstellung auf die Laktationsfütterung ist entscheidend. «Wenn der Wechsel von rohfaserreich auf konzentratreich zu abrupt ist, kann dies eher zu einer Labmagenverlagerung führen», sagt Steiner. 

Andererseits scheint es aber auch einen anatomischen Grund zu haben. Grossrahmige Kühe erkranken laut Steiner häufiger als kleinere robuste Tiere. Bei Simmentalern und Original Braunvieh sehe man fast nie eine Labmagenverlagerung. «Kalbt aber eine grossrahmige Kuh ab, so fehlt ihr danach plötzlich das Volumen des Kalbes im Bauch und der Labmagen kann sich verschieben», sagt Steiner.

Nebst der Fütterung und dem Körperbau kommen noch andere Faktoren dazu:

  • Nachgeburtsverhalten
  • Gebärmutterentzündung
  • Acetonämie
  • Milchfieber

All dies kann  an der Entstehung einer Labmagenverlagerung beteiligt sein, sagt der Tierarzt. Auf jeden Fall sei es immer eine Kombination aus verschiedenen Faktoren, die zur Erkrankung führt. Aus diesem Grund sei es auch schwierig, vorbeugende Massnahmen zu empfehlen.

Innert 24 Stunden tot bei rechtsseitiger Verlagerung

Labmagenverlagerungen können links- oder rechtsseitig auftreten. In den meisten Fällen (85–90 %) handelt es sich, laut dem Rindergesundheitsdienst, um eine Verlagerung nach links.

Bei Verlagerungen nach rechts besteht zudem die Gefahr, dass sich der Labmagen verdreht. Dies führt dann zu einem vollständigen Verschluss des Labmagenausganges. Schwere Allgemeinstörungen sind die Folge.Werden solche Fälle nicht umgehend erkannt und behandelt, kann nach kurzer Zeit der Tod eintreten. «Reagiert der Landwirt nicht rechtzeitig, so ist die Kuh nach 24 Stunden tot», verdeutlicht Adrian Steiner.

Klingelndes Geräusch ist typisch

Der Tierarzt stellt die Diagnose meistens durch Klopfen an der linken Seite und abhören mit dem Stethoskop. «Der Klang ist wie bei einer Steelband (Stahltrommel). Deshalb wird dies auch Steelband-Effekt genannt», erklärt Steiner. Wegen des grossen Risikos ist es für den Landwirt wichtig, an eine Labmagenverlagerung zu denken, wenn es einer Kuh nicht gut geht.

Typische Symptome für eine Labmagenverlagerung sind:

  • Milchrückgang
  • Reduzierte Futteraufnahme
  • deutlich Aceton
  • dunkler, schmieriger Kot

Wenn der Landwirt diese Anzeichen sieht, sollte er so schnell wie möglich den Tierarzt rufen.

Per Operation an der Bauchwand angenäht

Ist ein Labmagen verlagert, so hilft meist nur noch eine Operation. Dabei wird der Labmagen wieder zurück an seine richtige Position gebracht und meist auch gerade an der Bauchwand angenäht. Es komme oft vor, dass sich der Labmagen nochmals verlagert, wenn er nicht angenäht wird, sagt Adrian Steiner.

Labmagenoperationen werden oft im Tierspital durchgeführt. Jedoch gibt es auch viele Tierärzte, die es direkt auf dem Hof machen. Von der Hygiene her sei dies kein Problem, meint Adrian Steiner. «Eher im Gegenteil. Die Kuh ist gewohnt an die Flora von Zuhause», sagt Steiner. Eine Operation dauert rund zwei Stunden. Der grosse Aufwand sei der Grund, warum kleinere Tierarztpraxen keine Labmagenoperationen selber durchführen.

Prophylaktisches Annähen ist nicht vertretbar

Im Zusammenhang mit der Zunahme der Labmagenverlagerungen hört man aus verschiedenen Kreisen, dass zum Beispiel in gewissen Betrieben in Frankreich, gerade bei allen Kälbern die Labmägen an der Bauchwand angenäht werden, um Verlagerungen vorzubeugen. Ist das sinnvoll?

Adrian Steiner erzählt, dass dies eine Zeit lang auch in der Schweiz gemacht wurde. Dies sei aber nicht vertretbar.

Und man müsste das Problem eher von der züchterischen Seite angehen. Meist sind, wie bereits erwähnt Milchtypkühe betroffen. «Dabei besteht kein Zusammenhang mit der Milchleistung, sondern es hängt mit der Grossrahmigkeit zusammen.»

Kein Zuchtwert in Sicht

Die BauernZeitung hat zudem bei der Qualitas nachgefragt, ob ein Zuchtwert «Labmagenverlagerung» in Aussicht stehe. Urs Schnyder antwortet: «Wir stellen in den von den Züchtern im elektronischen Behandlungsjournal erfassten Gesundheitsdaten zwar eine leichte Zunahme von Labmagenverlagerungen fest, aber auf sehr tiefem Niveau. Damit besteht im Moment keine Aussicht auf eine erfolgreiche Entwicklung einer Zuchtwertschätzung für Labmagenver­lagerungen.»