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Weinbau: Geld und Zeit gespart mit Chip-Budding

Zier- und Obstbäume mittels Pfropfen zu veredeln, ist eine uralte Methode. Dass das Umpfropfen auch bei Reben funktioniert, entdecken immer mehr Winzer. Am Zürichsee hat eine Weinbäuerin das Experiment gewagt – und ist vom Resultat überzeugt.


Mit geübten Handgriffen schneidet Monica Hasler Bürgi einen Trieb an einem ihrer Rebstöcke zurück. Für Februar ist es ungewöhnlich mild im Rebberg hoch über dem Zürichsee und die Winzerin gerät bei ihrer Tätigkeit beinahe ins Schwitzen. Der Weinberg in der Nähe von Stäfa, in dem sie ihrer Arbeit nachgeht, ist kein gewöhnlicher. Monica Hasler steht inmitten von rund 1 500 Reben, die alle ein bisschen aussehen als seien sie nach einer Verletzung verarztet worden. Alle tragen einen weissen «Verband» um den Stamm, aus dem ihnen eine neue Rute wächst.

So falsch ist der Vergleich mit der Verletzung nicht: Beim Umpfropfen wird am Stamm der Rebe eine Art Keil herausgeschnitten, um dort die Knospe der neuen Rebsorte einzusetzen. Auf Haslers Weingut Rütihof haben sich mittels dieser Methode zwei Blauburgunder-Anlagen in Räuschling- und Zweigelt-Reben verwandelt. Hätte man die traditionelle Vorgehensweise gewählt - sich also für eine Rodung und anschliessende Neupflanzung entschieden - hätte das einen Zeitverlust von etwa drei Jahren bedeutet.

Ein verblüffter Franzose

Zum ersten Mal hatte Monica Hasler von der Methode des Chip Budding in der Westschweiz gehört. Vor zwei Jahren erfuhr sie dann, dass Berufskollege Alain Schwarzenbach aus Meilen diese Methode ebenfalls angewendet hatte. «Da bin ich hellhörig geworden», erzählt sie, «und ging mir die Sache anschauen.» Dies nicht ohne Grund, denn auf ihrem Weingut sollten 35 Aren Blauburgunder dem Räuschling und dem Zweigelt weichen. Schwarzenbach vermittelte den Kontakt zu einem Spezialisten aus Frankreich. Denn ohne dessen Erfahrung und Unterstützung wäre der Sortenwechsel mittels Chip-Budding wohl nicht zu schaffen gewesen. Im Frühherbst 2018 kontaktierte die Winzerin François Chaudière. Im November traf er für eine Besichtigung auf dem Rütihof ein.

«Im ersten Moment hat ihn der Anblick unseres steilen Rebbergs etwas erschreckt», sagt Hasler lachend, «in Frankreich ist halt alles eben.» Denn es musste ja einiges an Material hochgeschafft werden. Die wichtigste Voraussetzung für einen erfolgreichen Sortenwechsel sind vitale Stöcke. Für das Umpfropfen mussten die Stöcke vorbereitet werden. «Das war ein rechter Aufwand», sagt die Winzerin. «Wir mussten die Borke mit einem Keilriemen abschrubben.» Vier Tage lang schufteten sie zu viert im Rebberg.

Rebholz im Kühlschrank

Ebenso wichtig wie vitale Stöcke ist die Qualität des Rebholzes, von dem die Knospen für die Veredelung gewonnen werden. Der Trieb der neuen Sorte muss gesund, kräftig, gerade gewachsen und von guter Herkunft sein. Um auch hier beste Voraussetzungen zu schaffen, arbeitete Hasler mit Hansjakob Baur von der Rebschule Keller in Kleinandelfingen zusammen. Der Experte für Pflanzung und Pflege von Rebstöcken suchte das Rebholz an verschiedenen Standorten zusammen. In seiner Kühlanlage lagerte er sie fachgerecht bei vier Grad und hoher Luftfeuchtigkeit, um zu verhindern, dass sie austreiben oder austrocknen. Im Juni war es Zeit, mit der Umpfropfung im Rebberg loszulegen.

Alles war minutiös geplant: Auf den festgesetzten Termin reiste François Chaudière aus Frankreich an, die Helfer standen bereit und die Winzerin holte am Vortag das Rebholz in Kleinandelfingen ab. «Zuhause haben wir es an einem kühlen, schattigen Ort gelagert», erzählt Monica Hasler. Alles und alle standen parat und im Rebberg breitete sich langsam Spannung aus. Würde alles nach Plan ablaufen? «Nicht nur für uns, sondern auch für Chaudière war eine erfolgreiche Aufpfropfung enorm wichtig», betont Hasler. «Natürlich wegen seines Berufsstolzes, aber vor allem auch wegen der Referenz für weitere Kunden.»

Spezielle Wickeltechnik

An einem prächtigen Junitag legten sie los, denn zu dieser Jahreszeit stehen die Reben im vollen Wachstum. Aus den Ruten der neuen Sorten hatte der Spezialist aus Frankreich die besten Knospen herausgesucht und sie in kleinen Keilen aus dem Rebholz herausgeschnitten. Diese setzte er in die passend geschnittenen Schlitze am Stamm der alten Rebe ein. Dabei musste er präzise darauf achten, dass die Wachstumsschichten (Kambium) von Stamm und eingesetztem Auge zusammenwachsen können. Nahtlos an diese «Operation» schloss das Abbinden der behandelten Stelle an. Hasler und ihre Helferinnen wickelten Tape in einer speziellen Technik ganz straff um die «Wunde».

Am Anfang war dieses perfekte Abbinden eine Herausforderung, erinnert sich die Winzerin. Ihnen war bewusst, dass es ein entscheidender Schritt im ganzen Prozess war. «Es ist so extrem wichtig wegen der Feuchtigkeit», erläutert sie. «Der Saft muss fliessen.» In einem weiteren Arbeitsgang, der unmittelbar nach dem Abbinden folgte, schnitten sie den Stock zurück. Alles bis auf zwei Schosse mit je zwei Blättern kam weg. «Das war recht brutal», erinnert sich Monica Hasler. Aber unumgänglich, denn die Wuchskraft musste einerseits in das neue Auge geleitet werden, anderseits brauchte es noch ein wenig Laub um den Saft hochzuziehen.

 

Chip-Budding im Rebbau

Chip-Budding muss genau ausgeführt werden. Deshalb arbeiten Spezialisten mit. (zvg/Nik Kugler)

Erwartungen übertroffen

Nach fünf Tagen war das Aufpfropfen erledigt. «Das war um einiges schneller, als der Experte prognostiziert hatte», erzählt Monica Hasler. Was folgte, war eine aufwändige Pflege der «neuen» Reben. Eine Bewässerung musste installiert werden, denn diese Reben durften nie in Wasserstress geraten, da sie die ganze zur Verfügung stehende Energie für die neuen Knospen benötigten. Der ganze Prozess sei problemlos verlaufen, sagt die Weinbäuerin: «Wir hatten gute Qualität was die Pflanzen angeht, die Leute haben super gearbeitet und das Wetter hat mitgemacht.»

Bereits nach wenigen Tagen wussten sie, dass es gut kommen würde. Jeden Fortschritt mussten sie an Chaudière rapportieren. «Nach ein paar Wochen war klar, dass es ein voller Erfolg war», sagt die Winzerin, «95 Prozent der neuen Reben haben ausgetrieben.» Auch finanziell ergibt das Chip-Budding Sinn. Die Kosten sind etwa gleich hoch wie eine Neubepflanzung, doch bereits nach einem Jahr hat man Ertrag - bei der herkömmlichen Methode erst nach drei Jahren. Diesen Januar haben Haslers die alten Reben vollständig zurückgeschnitten. Sie sozusagen geköpft. Nur die aufgepfropfte Knospe darf noch wachsen. Beim Rebschnitt wird nur noch etwas auskorrigiert, sonst wird die Pflanze behandelt wie alle anderen. Auch wenn schon bald kein Unterschied zwischen den «normalen» und den neuen Pflanzen mehr zu sehen sein wird, für Monica Hasler werden die Chip-Budding-Reben wohl immer etwas Besonderes bleiben.

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