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Soziales Netz der Familie nutzen

Das Fachteam von «Projekt Alp» platziert Menschen, die ihren Alltag vorübergehend  nicht mehr bewältigen können, in landwirtschaftliche Gastfamilien.


Das Projekt Alp hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen in persönlichen Krisen wieder in die Gesellschaft zu integrieren und finanziell unabhängig zu machen. Dazu platzieren Fachpersonen die ­Betroffenen aus den Bereichen Sucht, Psychiatrie und Jugend in Gastfamilien in der Landwirtschaft.

Individualität wird grossgeschrieben, weshalb die Betriebszweige ganz unterschiedlich sind: von Milchproduktion über Kräuteranbau und Obstbau bis hin zur Pferdehaltung. Momentan nehmen 43 von insgesamt 55 beteiligten Betrieben Klienten auf. Um sein Angebot ausbauen zu können, ist das Projekt Alp im Kanton Bern auf der Suche nach weiteren interessierten Bauernfamilien.


Mitarbeit kann, muss aber nicht sein

Worauf lässt sich eine Gast­familie ein? «Der Hof muss ohne die Klienten funktionieren können», stellt Manuela Knubel, Leitung Ressorts beim Projekt Alp, zuallererst klar. Die Gastfamilie dürfe nicht mit der Mitarbeit der Klienten rechnen, sich aber im besten Fall über eine zusätzliche Arbeitskraft freuen. Die Gast­familie sollte bereit sein, sich auf einen Prozess einzulassen, nach Lösungen zu suchen, mit Rückschlägen umzugehen und neu anzufangen.

Wichtig sind dabei das Interesse am Menschen und an Lebensgeschichten, Gesprächsbereitschaft, Offenheit, Belastbarkeit, Lernbereitschaft und Neugierde. «Die Familienmitglieder geben sich als Mensch ein und werden wahrscheinlich mit eigenen Themen konfrontiert», verdeutlicht Knubel.

Wöchentliche Besuche auf den Betrieben


Die 13 Fachpersonen des Projekts Alp legen grossen Wert auf eine enge Begleitung. Sie besuchen die Betriebe wöchentlich und sprechen je eine halbe Stunde mit der Gastfamilie, mit allen gemeinsam und mit den Klienten alleine. Dabei können Themen zur Sprache kommen wie Hausregeln, Enttäuschungen, Nähe/Distanz, Grenzen setzen und Aufgabenverteilung.

Da die Gastfamilien beim Projekt Alp angestellt sind, finden in regelmässigen Abständen Mitarbeitergespräche statt. Aus- und Weiterbildungen können freiwillig besucht werden. Und einmal pro Jahr bietet ein obligatorischer Gastfamilientag die Möglichkeit, sich intensiv mit einem vorgegebenen Thema auseinanderzusetzen und sich mit den anderen Familien auszutauschen.


Eine Bereicherung für die ganze Familie


Hansueli Egli (43) aus Schangnau ist seit 1998 beim Projekt Alp dabei. Anfänglich betreute er die Klienten zusammen mit seiner Mutter; heute nimmt er sie in seine eigene Familie auf, die seine Frau Rita (42) und die Kinder Sandra (13), Stefan (10) und Andrea (9) umfasst. Er führt einen Milchwirtschaftsbetrieb mit 23 Hektaren Land und Wald, bietet Ferien auf dem Bauernhof an und ist als Gemeindewegmeister unterwegs.

Die Zusammenarbeit mit dem Projekt Alp bringt ihm ein gutes Zusatzeinkommen. «Ich bin Fan vom Projekt Alp und pflege eine familiäre Beziehung zum Fachteam», bekennt er beim Besuch der «BauernZeitung» mit einem Lächeln. Seine Familie habe viel lernen müssen – auch, dass sie einen Menschen mit einer schwierigen Vergangenheit nicht in drei Monaten ändern könne. Wichtig sind seiner Meinung nach Regeln, Ehrlichkeit, Humor, Geduld und dass alle ­Familienmitglieder an einem Strang ziehen.


«Ich möchte wieder auf eigenen Beinen stehen»


Der Bauernhof Kirchbühl beherbergte Klienten während der Dauer von einer Nacht bis zu dreieinhalb Jahren. Hansueli Egli bezeichnet diese Aufgabe als Bereicherung – auch für die Kinder. «Wir geben den Klienten eine Tagesstruktur und schauen, dass es ihnen wohl ist und dass sie beschäftigt sind.» Manche hätten keine Ahnung von der Landwirtschaft oder rümpften die Nase. Doch momentan befindet sich der Betriebsleiter laut eigenen Aussagen «in der Erholungsphase», denn sein jetziger Klient habe während 25 Jahren selbst einen Landwirtschaftsbetrieb geführt. Deshalb will dieser nicht mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen.


Der 50-jährige Paul Huber (Name von der Redaktion geändert) fühlt sich bei der Familie Egli gut aufgehoben. Er habe im Oktober letzten Jahres von einem Tag auf den anderen Frau und Hof verloren, zu trinken begonnen und sei nach einem Zusammenbruch im Spital gelandet. Dank der Platzierung durch das Projekt Alp hat Huber heute wieder ein Ziel vor Augen: «Ich möchte eine Wohnung haben, Kleinvieh halten und damit wieder auf eigenen Beinen stehen.» Auch eine Anstellung käme für ihn in Frage.

Es gibt auch Misserfolge


Gelingt ihm das eine oder andere, wird er zu den schönen Beispielen gehören. Hansueli Egli erzählt, dass eine Familie, deren Kind bei ihm platziert war, als Dank später auf dem Hof einen Apfelbaum pflanzte. Es sei schön, zu sehen, wie sich die Klienten weiterentwickeln, ergänzt Rita Egli, sie hätten generell einen guten Kontakt zu ehemaligen Klienten.

Es gibt aber auch weniger schöne Erlebnisse: «Vor Jahren klaute ein Klient nach einem Jahr Platzierung meinen Jeep und fuhr ihn zu Schrott», berichtet der Betriebsleiter. Manuela Knubel kennt solche Vorfälle. Sie rät den Gastfamilien deshalb, Wertgegenstände oder auch Autoschlüssel wegzusperren, um sich möglichst gut zu schützen.


Für die Betreuung der Klienten müssen die Gastfamilien keine Ausbildung nachweisen. Dem Fachteam ist wichtig, dass die Klienten in das Familiensystem eingebunden werden, eine Arbeit mit sichtbaren Resultaten erledigen können, körperlich etwas gefordert werden und sich in verschiedenen Bereichen ausprobieren können. Dies steigert den oft tiefen Selbstwert der ­Klienten. Die direkt erlebbare Zusammenarbeit und der zwischenmenschliche Austausch zeigten den Klienten mehr Entwicklungsthemen auf als reine Gesprächsrunden, verdeutlicht Manuela Knubel.


Gastfamilien haben ein grosses Mitspracherecht


Wer sich dafür interessiert, Klienten bei sich aufzunehmen, kann sich telefonisch bei Manuela Knubel melden. Die Familie erhält daraufhin Informationen, muss einige Formulare ausfüllen und wird schliesslich von ­Gemeindeangestellten oder den Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden besucht, was der rechtlichen Absicherung dient. Nach einem Abklärungsgespräch mit dem Projekt Alp wird bei gegenseitigem Einverständnis ein Vertrag unterschrieben. Die Gastfamilie kann selbst entscheiden, ob ihr der Bereich Sucht, Psychiatrie oder Jugend am besten liegt. Sie erhält alle nötigen Informationen über die Vorgeschichte der Klienten.  


Miryam Azer

Mehr Informationen unter 
www.projektalp.ch

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