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Porträt: Thomas Bühler hat Schwein(e)

Thomas Bühler ist eigentlich Plattenleger. Da ihn Schweine aber mehr interessierten, sattelte er um und wurde Landwirt.


Publiziert: 10.03.2019 / 15:04

«Oh», sagt Thomas Bühler leise, als er die Türe in eine Bucht seiner Muttersauen öffnet. Der Grund für die Überraschung glänzt vom Fruchtwasser rosa und versucht, sich auf die kleinen Beinchen zu stellen. Es ist eines von acht oder neun Ferkeln, die gerade zur Welt kommen.

Eigentlich wollte Bühler den Schweinestall zeigen. Jetzt nimmt er etwas Stroh, wirft es über die liegende Muttersau zu den neugeborenen Ferkeln, die schon nach den Zitzen suchen. Behutsam nimmt er das kleine Leben in die Hände, reibt es mit etwas Stroh trocken und hebt es über die Muttersau ins Innere der Bucht. Es dauert einen Moment, bis das Ferkel begreift, dass es nun zu den Zitzen kommt. Bühler derweil nimmt schon das nächste Ferkel, das noch nicht weiss, wo es ist, und hebt es über die liegende Muttersau nach vorne. Behutsam und ruhig schliesst er die Türe wieder. Er wäscht sich die Hände. «So geht das», meint er nur, lächelt und geht nach draussen.

Gäbe es einen Preis für Optimismus und Zuversicht, Thomas Bühler würde ihn gewinnen. Gäbe es einen Preis für den im Realismus innewohnenden Pessimismus, Thomas Bühler würde ihn ebenfalls gewinnen. Das ist kein Widerspruch, mindestens nicht für den 33-jährigen Landwirt aus Sempach-Station LU. Seit 2016 ist er Herr und Meister über 120 Zuchtsauen, etwa 700 Ferkel, vier Hektaren Obstplantage mit rund 7000 Niederstammbäumen und eine knappe Hektare Land zum Bewirtschaften. Dass er den Betrieb alleine führen wird, war so nicht geplant. Freude macht es ihm Mittlerweile trotzdem.

«Die Tiere sind mir wichtig»

Mit 13 Jahren kümmerte sich Thomas Bühler während den Ferienabwesenheiten seiner Eltern um die Mutterschweine. Und offensichtlich weiss er, was er tut. «Die Tiere sind mir wichtig», sagt Thomas Bühler im Gespräch. Sie sind ihm so wichtig, dass er mindestens für ein Label produzieren will. Alles andere, sagt er, könnte er mit seinem Herzen nicht vereinbaren; und Bühler ist entsprechend froh, dass er für Coop-Natura-Farm liefern darf; auch wenn Coop die Marktmengen derzeit bereinigt.

Fünfzehn Minuten später steht Bühler zuhinterst im Stall, vor ihm zehn Mutterschweine, die auf ihr Futter warten. Sie steigen auf die Wände der Boxen, strecken mit einer Mischung aus Neugier und Ungeduld ihre Schnauzen dem Besuch entgegen. Bühler steht seelenruhig neben einer Muttersau, tätschelt sie an der Wange. Keine Frage, der Mann vertraut seinen Tieren. «Ob ich das auch könnte, wenn mich einmal eine beisst, weiss ich nicht», sagt er später. Bis jetzt hätte er auf jeden Fall immer Glück gehabt. «Wenn der Mutterinstinkt sehr stark ist, muss man aber schon aufpassen.» Im Umgang mit den Tieren ist Thomas Bühler ein Optimist. Die Schweine sind seine Stärke und seine Leidenschaft.

Bei der Obstplantage hinter seinem Haus ist er auch optimistisch. Aber das musste er lernen. Eigentlich hätte sich sein Bruder um das Obst und dessen Verkauf kümmern sollen. «Die Aufteilung wäre klar gewesen. Er für das Obst, ich für die Schweine. Das hätte gut gepasst», sagt Bühler. Es blieb beim Wunsch, denn die Realität hatte etwas anderes vor: Im September 2014 verunglückte sein Bruder schwer. Bühlers Stimme wird leise, während er über den tragischen Unfall seines Bruders berichtet. Im Gespräch erwähnte er den Namen seines Bruders nicht. Ich fragte auch nicht nach. Nach diesem tragischen Vorfall war schnell klar, dass aus dem Plan einer gemeinsamen Betriebsführung nichts mehr werden kann. «Meinem Bruder geht es zwar wieder besser, aber an eine gemeinsame Übernahme des Betriebs war nicht mehr zu denken», sagt Thomas Bühler.

Schwieriger Start

Dem Junglandwirt blieb nichts anderes übrig, als den ganzen Hof zu übernehmen. «Ich war damals nicht sicher, ob ich die Obstanlage überhaupt behalten wollte», sagt er drei Jahre später. Das Obst war nicht seine Welt. Aber er blieb dran. «Man kann alles lernen, wenn man will», sagt der gelernte Plattenleger, der auf dem ETH-Versuchsbetrieb in Chamau und auf einem Schweinemast- und Zuchtbetrieb in Mosen LU als Betriebsleiter tätig war und zwischenzeitlich bei der Firma Securitas als Sicherheitsbeauftragter Objekte schützte, bevor er zu Hause einstieg. Jetzt ist er froh, dass er durchgehalten hat. Wenn er im Wintergarten sitzt und im Frühling am Morgen einen Kaffee trinkt, kann er den Hasen und Vögel beim Aufwachen zusehen. «Manchmal kommen die Rehe hier vorbei», sagt Bühler und zeigt auf den schmalen Weg zwischen dem Haus und den ersten Bäumen.

Seit Mai 2018 ist Bühler alleiniger Herr und Meister; seine Eltern haben ihm Haus und Hof übergeben und sind weggezogen. Wohin, will Bühler nicht öffentlich machen. «Mein Vater sagte immer, dass er weg zieht, wenn er den Betrieb übergibt», meint Bühler und grinst.

Ängste bleiben

Frei von Ängsten ist der Jungbauer trotzdem nicht. Es ist dieser Hang zum Realismus, der ihn manchmal etwas pessimistisch werden lässt. Thomas Bühler versteht nicht, warum die Konsumenten immer höhere Anforderungen stellten, dann aber ins Ausland einkaufen gehen. Dass Landwirte nachweislich und im Gegensatz zu Politikern und Journalisten zu den sympathischsten Berufsleuten gehören sollen, erlebt er anders. Nicht, das er beleidigt oder angegriffen würde für seine Berufswahl. «Aber die Wertschätzung für unsere Arbeit ist schon sehr gering», meint er nachdenklich. Er meint damit vor allem die Preisschwankungen auf den Agrarmärkten; und die Tatsache, dass er sich als Produzent von den Konsumenten entfernt – oder umgekehrt, dass sich die Konsumenten von ihm als Produzenten entfernen. Dass Coop die Fleischmengen im CNf-Programm anpasst, findet Bühler gut, sofern der Konsument tatsächlich nicht mehr konsumieren will. Ob das allerdings so stimmt, weiss nur der Detailhandel.

Thomas Bühler indes weiss, dass er sich auf wenige Prioritäten beschränken muss. «Es bringt nichts, überall perfekt sein zu wollen», sagt er und erzählt, wie ihm der Umbau letzten Sommer beinahe über den Kopf gewachsen ist. Als er die Unterspülung anpasste und einen neuen Stall für die Ferkel baute, da war die Zeit plötzlich knapp. Zu knapp für alles. «Ich musste akzeptieren, dass ich erst später wieder aufräumen konnte», sagt er. «Aber ich wusste, dass ich wieder Zeit haben werde.» Bühler lächelt. Er ist zufrieden. «Wenn die Einteilung stimmt, dann geht es», sagt er. Was die Konsumenten und die Politiker von ihm wollen, das weiss er nicht so genau. Ausserdem ist sein Einfluss auf die grossen gesellschaftlichen Debatten ohnehin gering. Ihm bleibt damit nicht viel anderes übrig, als zu hoffen, dass es funktionieren wird.

Hansjürg Jäger

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