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Ohne Landwirtschaft keinen Bergtourismus

Der Bergtourismus ist in einer Krise, Kulturlandschaften drohen zu verschwinden. Gefragt sind neue Angebote und eine enge Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Tourismus. Dabei gilt es, Chancen und Gefahren gegeneinander abzuwägen.


von Martin Leutenegger, lid
Publiziert: 10.11.2019 / 11:32

Der Winter steht vor der Türe. Für viele Landwirte ist es ruhiger geworden. Das Vieh ist im Tal, die Ernte eingefahren. Viele Bäuerinnen und Bauern sind gezwungen, einem Nebenerwerb nachzugehen. Einen solchen finden sie oft im Bereich des Tourismus: Der Landwirt als Skilift-Angestellter oder Pistenfahrer, die Bäuerin als Snowboard-Lehrerin oder im Service. Landwirtschaft und Tourismus sind gerade in Berggebieten aufeinander angewiesen.

Gefährdete Existenzgrundlage

Seit einigen Jahren hat der Bergtourismus in der Schweiz allerdings einen schweren Stand: Trotz einer kürzlichen leichten Erholung sind die Übernachtungszahlen in den letzten zehn Jahren um 43 Prozent gesunken. Während die Anzahl Logiernächte in Städten sogar zunahm, sank sie in den Bergregionen massiv. Der Tourismus aber stellt für die Berggebiete einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor dar; die anhaltende Krise führt laut dem Schweizer Tourismus-Verband (STV) dazu, "dass eine wichtige wirtschaftliche Basis der Berggebiete wegbricht und damit auch die Existenzgrundlage der Bevölkerung gefährdet ist."

Allgemein hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass neue Ideen gefragt sind, um den Trend umzukehren. Das können vergünstigte Skiabonnemente für Kinder sein oder grössere Investitionen in die Infrastruktur, zum Beispiel der Ausbau der Schneekanonen - im Savognin GR war im November 1978 weltweit die erste Kunstschneeanlage im alpinen Raum in Betrieb genommen worden. Was die einen jedoch als wirtschaftlichen Erfolg feiern, ist für andere ein schändlicher Eingriff in die Natur.

Ohne Bergbauern geht es nicht

Argumentiert wird oft, dass die Touristen in den Bergen nicht in erster Linie Ferien machen, um sich zu amüsieren, sondern um sich in der intakten Natur zu erholen. Was für die Wintersaison von Bedeutung ist, gilt erst recht für die übrigen Jahreszeiten: Während beispielsweise im Glarnerland im Winter die Züge voll sind mit Menschen, die in Braunwald oder Elm dem Wintersport frönen, frequentieren in den schneefreien Jahreszeiten zwischen Schwanden GL und Linthal täglich grössere Gruppen von "Wandervögeln" die Bahnhöfe, die ihre Freizeit in der unberührten Natur verbringen wollen.

Wer aber sorgt dafür, dass "Gottes freie Natur" so schön und öffentlich zugänglich bleibt? Die Antwort ist schnell gegeben: Es sind die Bergbäuerinnen und Bergbauern, die durch harte Arbeit dafür sorgen, dass das wertvolle Kulturland erhalten bleibt. Würde auf diese Leistungen verzichtet, käme es zu einer Vergandung ganzer Regionen. "Wenn die Berglandwirtschaft verschwände", so Christophe Clivaz, Tourismusexperte und Professor am Institut für Geografie und Nachhaltigkeit der Universität Lausanne, "würden auch die Kulturlandschaften verschwinden; der Wald breitete sich aus, die Landschaft würde verarmen und der Tourismus somit stark an Attraktivität verlieren."

Natur pur versus Adrenalin und Spass

Was aber, wenn die Gästezahlen weiterhin rückläufig sind? Gelegentlich wird propagiert, neue Attraktionen zu schaffen, die auf die Bedürfnisse jüngerer Generationen Rücksicht nehmen, beispielsweise auf die Mountain-Biker. Vorprogrammiert sind bei solchen Investitionen allerdings die Einwände der Gegner. Wanderer befürchten, selbst in abgelegenen Gebieten von einem Veloraser über den Haufen gefahren zu werden, Um ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Nutzergruppen in den Bergen zu unterstützen, wurde im Bündnerland das Projekt "Fairtrail Graubünden" initiiert.

"Im Kampf um Gästezahlen steigt das Angebot in vielen Tourismusdestinationen explosiv", so die Alpenschutzorganisation "Mountain Wilderness Schweiz: "Um neue Kundensegmente in die Berge zu locken, wird die Infrastruktur auf immer materialintensivere Weise ausgebaut." Oft gehe es darum, dem umworbenen Gast möglichst schnell "Adrenalin, Spass und Aufregung" zu bieten. Das Problem dabei sei jedoch, "dass auf diese Weise keine Beziehung zur umgebenden Natur aufgebaut wird - für Seilrutschen, Hüpfburgen und Rodelbahnen ist die Landschaft austauschbar."

Zusammenarbeit und Vernetzung

Viele Institutionen, die sich mit dem Thema befassen, sehen die Lösung deshalb darin, einen Bergtourismus anzustreben, der einerseits die Schönheiten der Natur bewahrt und anderseits die regionalen, kulturellen und landschaftlichen Eigenheiten betont. Wichtig ist dabei eine enge Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Tourismus, wobei, so Franziska Grossenbacher von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL), auch historische Gegebenheiten berücksichtigt werden sollten. Ziel sei es, den Charakter einer Kulturlandschaft zu erhalten, auch wenn sich die Landwirtschaft ändere. Sie erwähnt alte Trockenmauern, Kastanienselven oder die Suonen, historischen Bewässerungskanäle des Wallis, wie eine davon auch auf der neuen Hunderternote abgebildet ist. Es gehe nicht darum, die Schweiz als grosses Freilichtmuseum zu präsentieren, doch die Spuren früherer Epochen sollten gewissermassen als Archiv der Geschichte erhalten bleiben.

Einig sind sich alle Beteiligten, dass sich der Bergtourismus neu positionieren müsse, um weiterhin seine Rolle als Wirtschaftsmotor der Berggebiete erfüllen zu können, und, so STV-Direktorin Barbara Gisi und Thomas Egger von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Berggebiete (SAB) im Vorwort zu ihren "12 Thesen zur Zukunft des Tourismus in den Berggebieten": "Die Trendwende kann nur gelingen, wenn die verschiedenen Akteure eng zusammenarbeiten." Im verstärkten internationalen Wettbewerb sei es ausserdem wichtig, so SAB-Direktor Thomas Egger, sich zu grösseren Destinationen zusammenzuschliessen: "Der Gast aus Japan entscheidet sich nicht für eine Reise ins Hotel Rössli in XY, sondern für eine Reise in die Schweiz. Tirol hat es vorgemacht, Kantone wie Graubünden und Wallis ziehen nach."

Zum Beispiel Graubünden und Glarus

"Für Graubünden", sagt Luzi Bürkli von "Graubünden Ferien", "sind die vielfältigen Kulturlandschaften für den Bergtourismus existenziell und ein Bündner Tourismus ist ohne die Berglandwirtschaft kaum vorstellbar." Neben den vielfältigen Übernachtungsmöglichkeiten auf Bauernhöfen oder in Jurten auf Alpweiden erwähnt Bürkli die zahlreichen gastronomischen Angebote, zu denen auch Swisstavolata gehört, die traditionelle Landfrauenküche bei Bäuerinnen und Winzerinnen zuhause. Erlebnisse wie etwa Lama- und Geisstreckings oder Genusswanderungen ergänzen das vielfältige Angebot. Allen Interessierten, so Bürkli, stehe mit der Geschäftsstelle Agrotourismus Graubünden eine zentrale und unabhängige Anlaufstelle zur Verfügung.

Im Kanton Glarus ist die Zusammenarbeit zwischen der Landwirtschaft und den Touristik-Anbietern vor vier Jahren angelaufen, so Fritz Waldvogel, Präsident des Glarner Bauernverbands. Zu erwähnen wären an dieser Stelle ein "Käseparcours", wo Wanderer und Velofahrer auf verschiedenen Alpen einen Stempel in ihren "Käsepass" machen lassen können. Die jährlichen Alpabfahrten des Viehs werden mit Musik und Festwirtschaft begangen und als nächstes sollen die Höflädeli in den Blickpunkt gerückt werden, so dass sich Touristinnen und Touristen vor der Rückreise mit Souvenirs und Glarner Spezialitäten eindecken können.

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