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Neue Schädlinge auf dem Weg in die Schweiz?

Kommen nach der Kirschessigfliege neue invasive Schädlinge? Klimveränderungen und globale Warenströme begünstigen die Gefahr, dass sich neue Schädlinge in der Schweiz etablieren können.


Publiziert: 02.03.2019 / 16:08

Die globalen Warenströme und die Klimaveränderung haben Einfluss auf fast alle Facetten der Landwirtschaft. Neue Schädlinge, die eingeschleppt werden oder sich durch veränderte Klimabedingungen in neuen Gebieten etablieren, sind ein Beispiel für die Gefahren, die durch beide Faktoren begünstigt werden.

Schädlinge haben grosses Schadenspotential

In den letzten Jahren hat die Kirschessigfliege das Schadenspotential neuer Schädlinge aufgezeigt. In Europa wurde sie zuerst 2008 in Spanien gefunden. Bereits 2011 kam der Schädling in der Schweiz an und hat sich weiter bis nach Schweden verbreitet. Mit Hochdruck wird an der erfolgreichen Bekämpfung der Kirschessigfliege gearbeitet und geforscht. Mittlerweile sind verschiedene Methoden etabliert, welche die Schäden reduzieren, wobei aber vor allem das aufwändige und nicht für alle Kulturen geeignete Einnetzen nützt.

Bereits ist klar, dass der Schädling in der Schweiz etabliert ist und nicht wieder verschwinden wird. So sei längerfristig nur eine Koexistenz mit dem neuen Insekt bei minimierten Schäden an Kulturen durch optimierte Bekämpfungsmethoden möglich, meint Sibylle Stöckli vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FIBL).

Es kommen immer mehr Schädlinge

Die Kirschessigfliege ist bei weitem nicht das einzige Beispiel für neue Schädlinge. Es ist davon auszugehen, dass über die nächsten Jahrzehnte weitere Schädlinge eingeschleppt oder durch die Klimaveränderung in neue Gebiete wandern werden. Entsprechend wichtig ist die Prognose der potentiellen Verbreitung von Schädlingen unter heutigen und zukünftigen Klimabedingungen, um rechtzeitig Lösungen zu erarbeiten.

Denn wie am Beispiel der Kirschessigfliege erkennbar, ist die Bekämpfung neuer Schädlinge bedeutend problematischer, sobald sich diese etabliert haben, besonders bei einer schnellen Ausbreitung.

Modelle für die Zukunft

An einem Modell zur Vorhersage der klimatisch bedingten Verbreitung und Vermehrung von Schädlingen unter Berücksichtigung aktueller Klimaszenarien wird in der Schweiz im Rahmen des National Center for Climate Services gearbeitet. FiBL und Agroscope arbeiten auf Grundlage der Daten von MeteoSchweiz an einem Modell, das die Auswirkungen des Klimawandels auf die Verbreitung und Vermehrung von Schädlingen analysiert.

Weiter wird ein Modell für Risikoanalysen bezüglich neuer Schädlinge durch die ETH Zürich und der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) ausgearbeitet. Aufgrund der aktuellen Forschung wird bereits klar, dass bei zunehmenden Temperaturen eine Verschiebung bei verschiedenen Arten von Süden nach Norden stattfinden wird.

Netz Obst Kirschessigfliege
Netze sind eine Möglichkeit, die Kirschessigfliege abzuwehren. Für andere Schädlinge sind neue Ideen gefragt. Die Forschung läuft. (Bild lid/ji)

Mehr Schädlings-Generationen

Auch sind vermehrt Schäden durch einheimische Arten zu erwarten, die zurzeit noch kein gravierendes Problem darstellen. Dies, da sie bei zunehmenden Temperaturen zusätzliche Generationen pro Jahr erzeugen werden und höhere Überlebensraten über Winter zu erwarten sind. Zusätzlich werden die Insekten früher im Jahr aktiv und bleiben dies auch länger vor dem Winter.

Ein Beispiel ist der Apfelwickler, der bis anhin nur punktuell zu grösseren Schäden führt, aber dessen Bekämpfung im Obstbau anspruchsvoll ist. Dieser wird sich vermutlich weiter nach Norden ausbreiten, eine zusätzliche Generation hervorbringen und früher sowie länger im Jahr aktiv sein. Die dadurch zum Teil nötige, zusätzliche Bekämpfung des Schädlings könnte aber wiederum die Resistenzproblematik fördern. Entsprechend wichtig ist es, bereits jetzt Lösungen zu entwickeln.

Neuer gefährlicher Schädling ist bereits hier

Aktuell eine Herausforderung ist die marmorierte Baumwanze. Ursprünglich in Asien beheimatet, wurde der Schädling 2004 zum ersten Mal in Europa entdeckt. 2012 wurden erste Befälle in der Schweiz bemerkt, mit bedeutenden Schäden an Obstkulturen ab 2015 im Tessin und ersten Schäden an Obst und Gemüse in der Deutschschweiz im Jahr 2017.

Diese lange Dauer zwischen ersten Beobachtungen und ersten Schäden zeigt zeigt die Wichtigkeit des Monitorings, um früh genug eine neue Art zu entdecken. Neue Schädlinge können über lange Zeit keine Folgen für den Pflanzenbau haben, bis eine kritische Populationsgrösse erreicht wird, die zu plötzlichen Kulturschäden führt.

Baumwanze ist hartnäckig

Da sich die marmorierte Baumwanze schwer bekämpfen lässt, ein breites Nahrungsspektrum von über 200 Pflanzenarten besitzt und in allen Stadien als Schädling wirkt, ist auch hier zu erwarten, dass die Schweizer Landwirtschaft mit ihrer Anwesenheit längerfristig zu rechnen hat. Zurzeit werden mögliche Bekämpfungsstrategien getestet und Daten zur Biologie gesammelt.

Aus der Erfahrung der letzten Jahre mit der Kirschessigfliege und im Hinblick auf das Schadenspotential der marmorierten Baumwanze wird klar, dass die Prävention beim Thema neuer Schädlinge einen hohen Stellenwert haben muss. Denn die Kosten einer zweckdienlichen Prävention lassen sich durch das Schadenspotential sicher rechtfertigen. Gute Prävention bedeutet aber nicht unbedingt, dass sich die Ausbreitung immer verhindern lässt. Eher zielt sie darauf, dass Gefahren früh erkannt werden und rechtzeitig Lösungen für den Pflanzenschutz zur Verfügung stehen.

Zusammenarbeit und stärkere Regeln für die Zukunft

Für die Prävention neuer Bedrohungen ist der Blick über die Schweiz hinaus wichtig. Denn diese kann trotz der Arbeit des Eidgenössischen Pflanzenschutzdienstes und kantonaler Fachstellen nur funktionieren, wenn im europäischen Raum, wie auch global, eine Zusammenarbeit stattfindet. So ist die Schweiz auch davon abhängig, dass die Kontrolle der Warenströme und Populationsveränderungen von Schädlingen in anderen Ländern Europas funktioniert.

So betont Sibylle Stöckli, dass der Informationsaustausch massgeblich bestimmt, ob Bedrohungen rechtzeitig bemerkt werden, und wie schnell auf diese zielführend reagiert werden kann. Gerade bei den Diagnose- und Bekämpfungsmethoden sei es wichtig, dass zuerst geprüft wird, ob in anderen Ländern bereits funktionierende Systeme erforscht sind, um die eigenen Forschungsressourcen gezielt einsetzen zu können.

Gesetzesänderung in Planung

In einer Angleichung an EU-Regulation im Rahmen des Warenverkehrs und um die erwarteten Gefahren besser zu kontrollieren, wird ab 2020 in der Schweiz ein revidiertes Pflanzenschutzgesundheitsrecht in Kraft treten. Zu den Gesetzesänderungen wurden bereits entsprechende Informationsblätter publiziert. So wird das Pflanzenpasssystem ausgeweitet und harmonisiert. Betriebe, welche im Rahmen des Passsystems zugelassen wurden, sollen in ihrer Eigenverantwortung gestärkt werden. Gleichzeitig werden die Anforderungen an die Einfuhr aus Drittländern erhöht, um die Verbreitung von Quarantäneorganismen zu verhindern. Um die verfügbaren Ressourcen optimal einzusetzen, sollen die entsprechenden Gefahren anhand von Risikoanalysen bewertet werden, um die Prävention der Organismen mit dem höchsten Schadenspotential zu priorisieren.

Um die eingangs gestellte Frage zusammenfassend zu beantworten: Ja, es ist davon auszugehen, dass neue Schädlinge mit grossem Schadenspotential auftreten werden. Die marmorierte Baumwanze könnte dabei die nächste Herausforderung darstellen. Ebenso könnten bereits vorhandene Arten unter den Auswirkungen der Klimaveränderung ein erhöhtes Schadenspotential zeigen. Und auch wenn die Verschleppung von Arten aus anderen Kontinenten verhindert wird, ist eine natürliche Ausbreitung europäischer Arten von Süden nach Norden zu erwarten. Entsprechend wichtig wird die Zusammenarbeit und der Informationsaustausch in der Schweiz und international zwischen Praxis und Forschung, um mit den Folgen der zu erwartenden Veränderungen umzugehen und Warnsignale rechtzeitig zu erkennen.

lid/Damian Rihs

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