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Irinas letzter Gang

Eine Geschichte zum ersten Advent: Es ist an der Zeit, die alte Kuh muss gehen. Doch manchmal beginnt etwas auch von vorne.


Unwirklich bläst der Wind ums Haus. Die letzten Blätter fallen tanzend von den grossen alten Bäumen. Wohl zum letzten Mal singt der Herbst sein Lied. Am Haus schlägt seit Stunden ein Fensterladen knarrend an die alte Hausfassade. Die Bäuerin liegt wach im Bett. Vielleicht ist es der Fensterladen, der ihr den Schlaf raubt. Vielleicht sind es aber auch die Gedanken. Sie steht auf und geht zum Fenster, öffnet den Vorhang und lässt ihren Blick über den Hausplatz rüber in den Stall schweifen. Überall liegen die Blätter der vielen Bäume. Sie sind das Letzte, das vom vergangenen Sommer geblieben ist. Ein Sommer mit viel Arbeit. Nun liegen sie da, braun und zusammengerollt, ein wenig nass vom leichten Regen. Vielleicht trägt sie der Wind weiter und vielleicht bleiben sie aber auch dort liegen, so dass sie der Bäuerin noch ein letztes Mal Arbeit bescheren. Eigentlich ist es keine Arbeit, die ihr gefällt. Lieber sieht sie, wie es im Garten und rund ums Haus spriesst und beginnt zu blühen.

Erinnerungen an den Grossvater

Sie atmet tief durch. Zum Leben gehört der Tod, denkt sie. Diesen Satz hat ihr der Grossvater schon immer in Erinnerung gerufen, wenn sie fragte, wieso denn alles und jedes immer ein Ende haben müsse. «Zum Leben gehört der Tod», hatte er gesagt. Sie hört seine Stimme noch ganz genau, sieht seinen Gesichtsausdruck vor ihrem inneren Auge, wie er es sagte. Und irgendwann konnte er es nicht mehr sagen, weil er nicht mehr sprechen konnte. Und dann starb er. Es war einer dieser Tage, an dem es ums Haus blühte. Es war ein kalter Frühling, aber der Flieder duftete bis ins Zimmer, in dem der tote alte Mann lag. Die Bäuerin, seine Enkelin, hatte ihn gepflegt, zusammen mit ihrer Mutter, die heute im Stöckli lebt.

Alles ist irgendwann zu Ende

Zum Leben gehört der Tod. Für die Bäuerin war dieser Satz als junge Frau nichts Bedeutungsvolles. Sie empfand ihn fast eher als Ausrede auf die Frage, die sie gestellt hatte, warum denn immer und ewig alles ein Ende haben müsse. Heute weiss sie, dass es einfach so ist. Dass es nichts gibt, das nicht irgendwann zu Ende sein wird. Was ihr aber immer noch und ganz oft im Kopf dreht, ist die Frage, warum es denn oft so traurig sein muss, dieses Ende. Sie erinnert sich an einen Urlaub in Spanien, dessen Ende richtiggehend schön war. Sie hatte derart Heimweh und das Land vermochte sie überhaupt nicht zu begeistern, dass es eine Wohltat war, dass der Urlaub endlich zu Ende war. Sie schmunzelt einen Moment. Es fällt ihr ein, dass der Winter schon bald die letzte Fliege aus dem Stall und der Küche verschwinden lassen wird. Ein Ende, das ihr nie Mühe bereitet hat. Aber auch eines, über das sie sich nie wirklich Gedanken gemacht hat.

Der Blick zum Stall

Und wieder geht ihr Blick hinüber zum Stall. Auch dort steht heute ein Ende an. Irina muss gehen. Die Stirn der Bäuerin legt sich in Falten. Sie lässt den Vorhang aus der Hand gleiten und denkt an die alte Kuh. Es ist eines dieser Ende, das ihr so Mühe bereitet. Und dieser Satz, dass zum Leben eben der Tod gehört, hilft ihr hier und jetzt nicht wirklich weiter. Sie hat in all den Jahren gelernt, dass es einfach dazugehört. Irgendwann ist das Leben eines Tieres zu Ende. Manchmal gingen sie selber und manchmal musste für sie entschieden werden. Und ganz oft waren sie einfach Teil der Lebensmittelproduktion. Kälber, die geboren wurden und den Hof schon bald Richtung Mastbetrieb verliessen. Sie lernte, dass alles und jedes ein Ende hat. Der Tod gehört zum Leben.

Kuh Irina war viele Jahre auf dem Hof

Heute ist der Tag gekommen, an dem Irina gehen muss. Sie hat 14 Jahre auf dem Hof verbracht, hat vielen Kälbern das Leben geschenkt, aber jetzt ist sie alt. An ihr sind die Spuren des Lebens sichtbar geworden. «Es ist Zeit zu gehen», hatte der Bauer vor einigen Tagen mit leiser Stimme zu Irina gesagt. Auch ihm fällt es schwer, solche Kühe gehen zu lassen, auch wenn er es sich kaum anmerken lässt. Sie sind ein wichtiger Bestandteile seiner Arbeit geworden. Mit ihrer grossen Willenskraft prägen sie seinen Alltag. Und jede von ihnen hat und hatte eine eigene Art und ihre ganz persönliche Unart. Irina liess sich nie gerne am Halfter führen. Ihr Kopf wurde schwerer und schwerer, sobald sie am Strick laufen musste. Die Bäuerin lächelt. Sie erinnert sich, wie ihr Mann immer wieder draussen vor der Stalltüre stand, an einer Hand Irina an der anderen Hand den Stock. Der war Irina eben so gleichgültig wie der Strick am Kopf. Und über die Jahre hinweg wussten es einfach alle: Irina gehörte zu den Besten im Stall, aber führen wollte sie niemand und ihr war das wohl recht.

Der Verlust schmerzt

Der Wecker reisst die Bäuerin, die immer noch am Fenster steht aus ihren Gedanken. Es ist Zeit in den Stall zu gehen. Zum letzten Mal wird Irina gemolken, dann muss sie gehen. Die Bäuerin merkt, dass ihr genau das Mühe bereitet. Dass der Tod zum Leben gehört, kann neben der Tatsache, dass es einfach so ist, auch etwas Schönes sein, aber zu entscheiden, wann er sein soll, das ist schwer. Es ist die Verantwortung, die belastet. Es ist der Verlust, der schmerzt. Und jetzt, in der dunklen Jahreszeit scheint alles noch viel schwerer zu sein. Kurz vor dem ersten Advent, kurz vor der heiligen Zeit, muss die Kuh, die allen so sehr ans Herz gewachsen ist, für immer gehen.

Die Kuh geht

Im Stall ist es ruhig. Die Kühe fressen, als vor dem Haus der Transporter hält. Irina wird gehalftert. Sie läuft dem Bauern hinterher. Zum letzten Mal. Die Bäuerin steht an der Stalltür. Sie hat Irina versprochen, zu warten, bis sie eingestiegen ist. Vielleicht müsste man noch helfen, hat sie sich beim Waschen des Milchgeschirrs überlegt. Nein, heute muss niemand helfen. Irinas Kopf ist nicht so schwer, wie er in all den letzten Jahren immer war. Langsam trottet sie hinter ihrem Meister her und folgt ihm in den Transporter. Er ist nicht weit, der letzte Gang der alten Kuh, das war dem Bauern wichtig. Das Fahrzeug fährt. Irina geht. «Zum Leben gehört der Tod», sagt der Bauer, als er an der Stalltür an seiner Frau vorbeigeht. Sie schweigt. Er läuft ein paar Schritte weiter, halftert dort India, die vor wenigen Tagen zum ersten Mal gekalbt hat. Als Tochter darf sie künftig an Irinas Platz stehen. Der Bauer läuft mit dem hübschen Tier über den Schorrgraben, als plötzlich deren Kopf ganz schwer wird. Keinen Meter lässt sich das Tier mehr bewegen. Die Bäuerin lächelt. Sie eilt ihrem Mann zu Hilfe. «Alles hat ein Ende», sagt sie und: «Aber manchmal fängt auch einfach etwas wieder von vorne an.»

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