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Für mehr Bio- und Freilandschweine braucht es das Engagement der Konsumenten

Die Bio-Schweinefleischproduktion in der Schweiz stagniert. Noch immer macht der Bio-Anteil weniger als zwei Prozent aus. Um diesen künftig zu erhöhen, müsste sich vor allem das Kaufverhalten der Konsumentinnen und Konsumenten ändern.


Stefan Arns Schweine haben Schwein: Sie leben draussen auf der Weide, dürfen grasen, sich suhlen und haben viel Bewegung. Daran mussten sich die jungen Schweine zuerst gewöhnen, denn sie gehören zur Rasse des Schweizer Edelschweins und waren nicht an Freilandhaltung gewöhnt. Nach und nach zeigt sich jedoch wieder ihr natürliches Verhalten und sie wälzen sich mit viel Hingabe im Schlamm, um sich abzukühlen.

Intelligente und neugierige Tiere

Die Auswahl an Schweinerassen ist in der Schweiz sehr beschränkt: Es gibt – nebst einigen wenigen alternativen Rassen – die Schweizer Landrasse und das Schweizer Edelschwein. Diese beiden Rassen werden teilweise mit Duroc und Piétrain gekreuzt. Stefan Arn entschied sich für Schweizer Edelschweine. Mittlerweile folgen die kleinen Schweinchen dem Seeländer Landwirt auf Schritt und Tritt. Er möchte den Schweinen, bevor sie zu schmackhaftem Bio-Schweinefleisch werden, ein möglichst schönes Leben bieten. «Schweine sind intelligente und neugierige Tiere, ich finde es nicht schön, wie Schweine konventionell gehalten werden», sagt Arn.

Preissturz durch Überangebot

Die konventionelle Schweinehaltung in der Schweiz sieht 0,9 Quadratmeter Fläche pro Schwein vor, wovon der Liegebereich 0,6 Quadratmeter umfasst. Auslauf ist nach Tierschutzverordnung nicht vorgeschrieben. Vorschrift sind aber Gruppenhaltung sowie Beschäftigungsmaterial. Diese konventionelle Haltung ist für die Landwirte zumindest einigermassen lohnend. Ganz im Gegensatz zur Produktion von Bio-Schweinefleisch: «Aktuell liegt der Kilopreis bei CHF 6.80, was nicht kostendeckend ist. Es bräuchte einen Kilopreis von mindestens CHF 7.20», sagt Adrian Schütz, stellvertretender Geschäftsführer von Suisseporcs. 2019 sei der Preis vorübergehend sogar auf CHF 6.20 gefallen. Dies weil das Angebot an Bio-Schweinefleisch zwar gewachsen ist, die Nachfrage jedoch stagniert. Es kam vorübergehend zu einem Überangebot.

Mehr Arbeit und deutlich höhere Produktionskosten

«In den letzten 2 Jahren konnte nicht kostendeckend Fleisch produziert werden, da der Preis für Schlachttiere und Jager, also 20 Kilogramm schwere Jungschweine, zusammengebrochen ist. Gleichzeitig sind die Kosten für die Futtermittel stark angestiegen», sagt Andreas Bracher, Präsident der IG Bio Schweine Schweiz (IGBSS) und selber Produzent von Bio-Schweinefleisch. Die Bio-Produktion betreffe den gesamten Betrieb. Es brauche grössere Stallflächen, Stroh, das aus Bio-Anbau stammen muss sowie Raufutter für die Schweine. Dazu komme der grössere Arbeitsaufwand sowie fast doppelt so hohen Kosten für Bio-Futtermittel, die frei von chemisch-synthetischen Hilfsstoffen sein müssen.

Ingesamt ist die Bio-Produktion weniger effizient

Ein weiterer Unterschied liege in der Säugezeit, die bei der Bio-Produktion mindestens sechs Wochen dauern müsse. Das macht die Produktion insgesamt weniger effizient. Dazu kommt, dass den Ferkeln ab dem 24. Lebenstag Auslauf angeboten wird und den Galtsauen ein Areal zum Wühlen oder Weiden zur Verfügung stehen muss. Der Arbeitsaufwand wird durch eingestreute Liegeflächen ebenfalls um einiges höher, zudem bräuchten weniger Tiere mehr Fläche.

Das Bio-Label gibt Sicherheit und gilt gesamtbetrieblich

Bei der Bio-Schweinefleischproduktion gilt der ganzheitliche Ansatz, was bedeutet, dass alles in der Produktionskette die Bio-Anforderungen erfüllen muss: Tierhaltung, Fütterung, Erzeugung und Verarbeitung, erklärt Barbara Früh, Leiterin Tierwohl und Tierhaltung beim Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). Sie betont jedoch, dass es auch konventionelle Betriebe gebe, die ihren Tieren freiwillig mehr Platz, Auslauf und Weide bieten würden. Bei Bio könne man sich jedoch sicher sein, dass die Bio-Anforderungen eingehalten würden, die weit über den Mindestanforderungen des Tierschutzes liegen.

Kosten und technischer Aufwand sind hoch

Wie Stefan Arn hält Andreas Bracher seine Schweine teilweise in der Weidehaltung. «Die Weidehaltung ist nach Bio-Richtlinien für Galtsauen empfohlen, aber keine Pflicht», sagt Bracher. Denn die Weidehaltung sei aufgrund von Gewässerschutzauflagen sowie der korrekten Eingliederung in die Fruchtfolge auf vielen Betrieben nur schwierig oder gar nicht umsetzbar. Zudem würde das Wühlverhalten der Schweine dem Boden arg zusetzen. «Viele Konsumentinnen und Konsumenten wünschen sich Weidehaltung von Schweinen, doch sind ihnen die damit verbundenen Probleme oft kaum bekannt. Die Kosten und der technische Aufwand können je nach Betrieb sehr hoch sein», sagt er. Voraussetzung für Freilandhaltung ist eine grosse Landfläche, denn das Land darf nur einmal in sechs Jahren mit den Schweinen bestossen werden.

Mehr über die Freilandhaltung von Schweinen und wie man dabei die Umweltauflagen einhalten kann, erfahren Sie im Merkblatt des FiBL zum Thema

Kombination aus Stall- und Freilandhaltung ist vielversprechend

«Auf unserem Betrieb in Alchenstorf weiden wir unsere Galtsauen maximal 1,5 Stunden pro Tag und nur wenn die Bodenverhältnisse trocken genug sind», sagt Bracher. So sei ein Mehrwert für die Tiere möglich und die Auflagen des Gewässerschutzes könnten eingehalten werden. Genau in einer solchen kombinierten Freiland- und Stallhaltung sieht auch Barbara Früh die Zukunft der Bioschweinehaltung.

Das Grundproblem ist die Nachfrage

Doch hat die Bio-Schweinefleischproduktion in der Schweiz ein Grundproblem: «Es ist schlicht keine Nachfrage nach Bio-Schweinefleisch vorhanden. Die Landwirte wären an einer Umstellung durchaus interessiert, aber so wie die Lage aktuell ist, heisst das: Viel Aufwand, kaum Ertrag», sagt Adrian Schütz. Es brauche ganz klar mehr Abnehmer, damit sich die Bio-Schweinefleischproduktion lohnen könnte: mehr Grossverteiler, mehr Gastronomiebetriebe und mehr Detailhändler, welche Bio-Schweinefleisch anbieten und vor allem mehr Konsumenten, welche Bioschweinefleisch kaufen. «80 Prozent der Teile eines Bio-Schweine werden weiter veredelt, also zu Charcuterie-Produkten, weil der typische Bio-Fleischkonsument wenig Fleisch isst. Etlichen Konsumenten ist wohl auch der Preis zu hoch», sagt auch Andreas Bracher. Bio-Schweinefleisch-Produkte ab Hof seien aber durchaus beliebt.

BauZ-Redaktor Hans Rüssli hat sich zum Thema Freilandschweinefleisch mit einem Metzger unterhalten, der diese Hochpreisprodukte anbietet:

Nachfrage unter zwei Prozent

Trotzdem: Die Nachfrage liegt noch immer klar unter 2 Prozent. In den letzten Jahren ist sie auf sehr tiefem Niveau leicht angestiegen. Aktuell werden etwa 40'000 Bio-Schweine pro Jahr geschlachtet, mehr kann der Markt zurzeit nicht aufnehmen. Dieses Fleisch findet den Weg zum Konsumenten entweder über den Direktverkauf oder über die beiden Fleisch-Verarbeiter Micarna und Bell.

Umdenken in Sicht

In Zukunft könnte der Bio-Schweinefleischanteil weiter langsam wachsen. «Wir haben junge Konsumentinnen und Konsumenten, welche bewusst einkaufen. Tendenziell essen sie weniger Fleisch, umso mehr sind ihnen die Herkunft und die Haltung der Tiere wichtig», lautet die Einschätzung von Andras Bracher. Aus diesem Grund wird es gemäss seiner Einschätzung zu einem geringen Marktwachstum kommen.

Welche Landwirtschaft man will, entscheidet sich beim Einkauf

Auch Barbara Früh geht davon aus, dass die Konsumentinnen und Konsumenten künftig mehr Bio-Fleisch nachfragen werden und die Produktion etwas weiterwachsen könnte. «Die Gesellschaft hinterfragt den Umgang mit dem Tier viel stärker. Bio und artgerechte Tierhaltungssysteme haben Zukunft», ist sie überzeugt. Der Kauf von Bio-Schweinefleisch sei letztlich ein Statement der Konsumenten, welche Art von Landwirtschaft sie haben möchten.

Adrian Schütz von Suisseporcs ist diesbezüglich zurückhaltender: «Mit Blick auf die stetig wachsende Weltbevölkerung glaube ich eher, dass künftig effiziente Haltungssysteme betrieben werden», sagt er. Davon ahnen die Weide-Schweinchen von Stefan Arn oberhalb des Bielersees zum Glück nichts. Sie erkunden lieber ihr neues Territorium, fressen Gras und machen sich mit der Suhle weiter vertraut.  

Schweinefleisch kämpft mit Image-Problemen

Seit vielen Jahren gilt Schweinefleisch zu Unrecht als ungesund. Dieses Vorurteil hält sich hartnäckig, obwohl Untersuchungen schon längst gezeigt haben, dass diese Fleischart viel wertvoller ist als bisher angenommen. Konsumenten, aber auch Einkäufer der Gastronomie machen ungebrochen Jagd nach möglichst billigem Schweinefleisch. Dies hängt vermutlich damit zusammen, dass Schweine in der Schweiz für den Endkonsumenten kaum sichtbar sind. Kaum jemanden interessiert beim Kauf von Schweinefleisch wie die Tiere vorher gelebt haben. Ganz im Unterschied zu anderen Fleischarten, wo dieser Aspekt immer mehr Menschen zu interessieren scheint. So bräuchte es auch beim Schweinefleisch ein gesellschaftliches Umdenken und ein verändertes Kaufverhalten, um langfristig und nachhaltig etwas verbessern zu können.

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