Swissgenetics bot in Zusammenarbeit mit EW Nutrition letzten Dienstag erstmals einen Fachvortrag über Kälbergesundheit speziell von Frauen für Frauen an. Das Interesse war gross: Beinahe 70 Frauen meldeten sich an, auch ein paar Männer nahmen teil. „Wegen der Frauen“, wie einer davon lachend sagt, bevor er abwinkt: „Nein, so ist es nicht. Und ich habe natürlich vorher gefragt, ob auch Männer zugelassen sind.“ Das waren sie durchaus, wie die Organisatorin der Veranstaltung, Produktmanagerin Anna Dittli von Swissgenetics erklärt: „Es geht uns nicht darum, dogmatisch zu sein. Aber es ist einfach so, dass Frauen unter Frauen anders diskutieren. Sie haben weniger Hemmungen, Probleme anzusprechen, Fragen zu stellen und auch mal zuzugeben, dass nicht alles auf dem Betrieb rund läuft.“

Zumal es den Frauen ja nicht an Fachwissen fehlt. Dittli: „Unsere Produkte für Kälbergesundheit kaufen zum Beispiel meistens Männer, aber wenn ich mich dann nach den Erfahrungen mit diesen Produkten erkundige, müssen die Männer häufig erst ihre Frauen fragen.“ Die Frauen sind an der Front. Sie sind es, welche die Kälber in den ersten Wochen ihres Lebens füttern, pflegen und beobachten. Es sind kritische Wochen: Wie die meisten Neugeborenen kommen auch Kälber ziemlich schutzlos auf die Welt. Entsprechend anfällig sind sie auf Mängel in der Fütterung, Hygiene und Haltung. Durchfall und Lungenkrankheiten sind für die meisten Betriebe keine Unbekannten und genau diese beiden Themen wurden am Kälberfachvortrag im Strickhof behandelt.

 

 

Krankheiten gehören dazu

Tierärztin Corinne Bähler vom Kälbergesundheitsdienst beschwichtigte erst einmal: „Krankheiten gehören dazu.“ Auch Kinder sind immer mal wieder krank, das ist ganz normal. Entscheidend ist lediglich wie gut man eine Krankheit in den Griff bekommt und das hängt oft davon ab, wie schnell man sie erkennt und reagiert. Empathie ist dabei von Vorteil, also die Fähigkeit sich in das Tier hineinzuversetzen, mit ihm zu fühlen. Empathie wird oft als typisch weibliche Eigenschaft angesehen. Durchaus zu Recht: Für viele Frauen sind die Kälber fast so etwas wie zusätzliche Kinder.

Sie zeigen sich entsprechend besorgt und hatten viele Fragen. „Was kann ich tun, wenn ein Kalb nicht richtig trinkt? Ich habe dann oft ein schlechtes Gewissen“, fragte eine Teilnehmerin zum Beispiel. Eine andere wollte wissen, wie sie auf einem Mutterkuhbetrieb zu Biestmilch kommt, wenn die Kuh nicht genügend davon produziert? Dittli hatte Recht: Der Austausch war offen. Obwohl sich die wenigsten Frauen persönlich kannten, erzählten sie einander in der Kaffeepause von ihren Problemen mit Kryptosporidien, von Stallabteilen, in denen die Kälber immer krank wurden, von Erfahrungen mit Homöopathie und anderem mehr. Obwohl viele Teilnehmerinnen sehr jung aussahen, hörte man aus den Gesprächen einen grossen Schatz an Erfahrungswissen heraus.

 

 

Erfahrungswissen neu interpretieren

Die zweite Referentin, Produktmanagerin Doris Messmer von EW Nutrition, setzte ebenfalls beim Erfahrungswissen an. „Früher hat man auf manchen Höfen den Kälber ein rohes Ei verabreicht, wenn sie Durchfall hatten.“ Heute wisse man, dass das gar nicht so falsch war, zumindest solange es sich um die Eier der hofeigenen Hühner handelte. „Die Hennen übertragen erregerspezifische Immunglobuline ins Eigelb und schützen damit die Küken in den ersten Lebenstagen.

Diese Immunglobuline helfen den Immunzellen Krankheitserreger zu fangen und unschädlich zu machen.“ Interessanterweise wirken die Hühner-Immunglobuline auch beim Kalb, zumindest sofern es demselben oder einem ähnlichen Erregerspektrum wie das Huhn ausgesetzt war. Auf diesem Effekt baut ein Produkt der EW Nutrition auf, das Hühner-Eigelb enthält. Einige der anwesenden Frauen haben es bereits getestet. „Es wirkt manchmal sehr gut, manchmal weniger“, erzählt eine Bäuerin. Das trifft auch auf andere Massnahmen wie das Ansäuern von Milch, das Spritzen von Eisen etc. zu.

Ein Wundermittel gegen alles gibt es nicht, zu verschieden sind die Krankheitsursachen. Viren, Bakterien, Einzeller wie Kryptosporidien und zahlreiche andere Erreger können einem Kalb das Leben schwer machen. Einzig Biestmilch – Meßmer bezeichnete sie als „Flüssiges Gold“ – ist in jedem Fall gut. Deren grosszügige Aufnahme legte auch Corinne Bähler den Teilnehmerinnen ans Herz.

Weitere Veranstaltungen sollen folgen

Bähler betonte als Mitarbeiterin des Kälbergesundheitsdienstes zudem den Faktor Stress. „Stress führt immer zu einem verminderten Immunsystem.“ Der Stress fängt schon mit der Geburt an, zumal in der Schweiz die meisten Kälber zur ungünstigsten Jahreszeit, nämlich im Winter, auf die Welt kommen, obwohl die Wohlfühltemperatur des Kalbes zwischen zehn und zwanzig Grad liegt. Eine Frau berichtet von guten Erfahrungen mit einem Kälberföhn, der in der kalten Jahreszeit jene Kälber vor massiven Wärmeverlusten schützt, die von ihren Müttern nur ungenügend trockengeschleckt wurden.

Stress entsteht aber auch, wenn Kälber verstellt werden oder in neue Gruppen kommen. Stress dürfte auch den Frauen nicht fremd sein die im Anschluss an die Veranstaltung noch die Kälber versorgen mussten. Sie hatten teilweise einen weiten Weg vor sich. Um diese Wegzeit – und den Stress – zu verkürzen plant Anna Dittli bereits nächsten Februar eine weitere Fachveranstaltung im Grossraum Bern. Wiederum von Frauen für Frauen und zum Wohle der Kälber.