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Der Zitrusbauer vom Lac Léman

Das Credo von Niels Rodin: Je exotischer, desto besser. Zwischen Genfersee und Jura hat er sich ein Paradies erschaffen, in dem Zitrusfrüchte gedeihen, als ob die Schweiz ihre natürliche Heimat wäre.


Damit eine Obstsorte sich am Markt etabliert, müssen viele Faktoren stimmen. "Das beginnt beim Anbau, also ob eine Frucht Schädlingen gegenüber genug robust ist. Und es endet beim Konsumenten, der fordert, dass die Schale nicht zu dick ist oder die Frucht nicht zu viele Kerne aufweist", erklärt Niels Rodin die Situation bei den Zitrusfrüchten. Deshalb erhalte man bei den meisten Detailhändlern bloss die gängigen 5 Zitrusfrüchte Orange, Mandarine, Zitrone, Limette und Grapefruit. Und davon jeweils höchstens zwei verschiedene Sorten.

Alle Formen und Farben

Der Waadtländer Ex-Banker Niels Rodin baut am Genfersee 150 verschiedene Sorten Zitrusfrüchte an. Im Gewächshaus wachsen Kaviarlimetten, deren Fruchtfleisch in kaviar-ähnlichen Perlen daherkommt. Oder Buddhas Hand, eine Zitrone, die in fingerähnliche Abschnitte unterteilt ist. Verschiedene Sorten von Bitterorangen, Limetten, Mandarinen, Bergamotten, Kumquats und Pampelmusen ergänzen das Zitrus-Sortiment.

Er profitiert von der Forschung

Rodin kultiviert, was andere nicht wollen. "Ich arbeite eng mit Forschungsinstituten in Korsika, Italien und den USA zusammen. Wenn sie eine neue Sorte züchten, brauchen sie dafür 10 Jahre. Dabei bleiben viele Sorten auf der Strecke, die den Forschern nicht ins Schema gepasst haben", sagt Rodin. Er gibt ihnen nochmals eine Chance und pflanzt sie an. "Nicht nur ich, auch viele Gastronomen sind von den speziellen Zitrusfrüchten begeistert", sagt Rodin.

Er kann die Früchte nicht in grossen Mengen absetzen. Beim Detailhändler kostet ein Kilo Clementinen 2.50 Franken, der Produzent erhält dafür 40 Rappen. "Ich hätte keine Chance. Ich müsste meine Produkte für 7 Franken/Kilo verkaufen können, im Laden würden sie dann rund das Doppelte kosten. Das würde wohl niemand bezahlen", sagt Niels Rodin. Für ein Kilo Yuzu erhält er 70 Franken, für ein Kilo Kaviarlimetten 180 bis 200 Franken.

Der Dreiblättrigen Orange können selbst westeuropäische Winter nichts anhaben. Rodin benutzt sie als Pfropf-Unterlage. (Bild lid / mg)

Regionalität als Verkaufsargument

Er verkauft nicht nur frische Früchte an die Gastronomie, sondern lässt einen Teil seiner Ernte verarbeiten (siehe Infobox). Seine gesamte Produktion ist demeter-zertifiziert und er befindet sich gerade in der Umstellungsphase auf Knospe-Bio. Das sei aber nicht sein Verkaufsargument. "Ich verkaufe Zitrusfrüchte aus regionaler Produktion", erklärt er. "Das Bio-Label zeigt meinen Kunden höchstens, dass ich keine halben Sachen mache.".

Angefangen hatte alles mit einem kleinen Zitronenbaum, den er vorsorglich an die Wärme gestellt hatte, als draussen Raureif lag. "Trotzdem verkümmerte er, und da war mein Interesse geweckt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt ja keine Ahnung von Pflanzen", sagt der ehemalige Textildesigner, der damals als Bankier arbeitete. 15 Jahre später lebt Rodin von der Zitrusproduktion und verfügt über eine schweizweit einzigartige Sammlung.

Artenvielfalt, nicht nur bei den Zitrusfrüchten

Auf den rund 3'000 Quadratmetern gedeihen ausser den Zitrusfrüchten noch viele andere, exotische Pflanzen. Ingwer, Kurkuma, verschiedene Melonensorten und Erdbirnen wachsen draussen in Beeten. Baumreihen mit Indianerbananen, Pfirsichen, Aprikosen und Granatäpfeln gedeihen an der frischen Luft. Gemeinsam mit dem regionalen Netzwerk für Agroökologie hat Rodin eine Strategie ausgearbeitet, um möglichst viel regionale Biodiversität auf seiner Fläche zu erhalten. Nun wächst hiesiges Kernobst nebst Beeren wie Aronia, Hagebutten, Himbeeren und in den Hecken stehen Nusssträucher und wilde Beeren. Sogar bei den Apfelsorten hat Niels Rodin Wert auf eine hohe Varietät gelegt, sodass er später Cider aus den verschiedenen Sorten herstellen kann.

"Die Biodiversität ist mein oberstes Credo", sagt der kreative Rodin, der sich selbst als Rationalist bezeichnet. "Ich will mit der Permakultur erreichen, dass es den Pflanzen gut geht, ohne dass ich Pestizide oder Düngemittel einsetzen muss". Er pflanzt deshalb verschiedene Früchte und evaluiert im zweiten Schritt, ob sich der Anbau im grösseren Stil lohnen würde. "Ich habe beobachtet, dass die Granatäpfel sehr gut gedeihen. Nun habe ich davon erneut ein paar Bäume gepflanzt, sodass ich in Zukunft vermehrt Schweizer Granatapfel anbieten kann.".

Die Rolldecke hilft beim Temperaturausgleich im Gewächshaus. (Bild mg)

Der Trick mit der Dreiblättrigen Orange

Es gibt Zitrusfrüchte wie die Yuzu, die aus dem asiatischen Raum stammen und nicht kälteempfindlich sind. Trotzdem setzt Rodin auf einen kleinen Trick, damit die Bäume im kalten Klima nicht verwirrt sind und plötzlich im Winter versuchen auszutreiben und dabei Schaden nehmen. "Ich benutze die Dreiblättrige Orange (Poncirus trifoliata) als Unterlage. Dieser Baum bringt zwar saure Früchte hervor, ist aber frostresistent. Darauf propfe ich die gewünschte Obstsorte", erklärt er seine Strategie. Er sei als einziger Händler vom Bundesamt für Landwirtschaft akkreditiert, diesen Baum aus dem Ausland zu importieren. "Deshalb kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich der einzige Zitrusfrüchte-Produzent in der Schweiz bin.".

Das Gewächshaus heizt er auf maximal 2 Grad. "Am Tag heizt sich das Gebäude durch die Sonne auf, aber insbesondere in der Nacht soll der Gefrierpunkt vermieden werden. Ich will nicht unnötig Energie verheizen, brauche höchstens 2'000 Liter Heizöl pro Saison", sagt Rodin. Zum Vergleich: ein Einfamilienhaus benötigt pro Quadratmeter rund 15 Liter Heizöl pro Jahr, das wären 15'000 Liter auf die Gewächshaus-Fläche von Rodin gerechnet. Obwohl Rodin nur einen Bruchteil davon braucht, ist sein Ziel, in der Zukunft ohne Heizöl auszukommen.

Mit der Natur, nicht gegen sie

Auch sonst setzt er auf die Kraft der Natur. "Ich schütze die Mykorrhiza-Pilze im Boden, verwende Nützlinge gegen unerwünschte Insekten im Gewächshaus und verteile Mulch auf die Beete draussen", erklärt Rodin. So unterstütze er die Pflanzen, beispielsweise helfen die Mykorrhiza-Pilze, das kalkhaltige Wasser zu filtern und so seien die Wurzeln der Pflanzen nicht verstopft. Der Mulch helfe, die Erde feucht zu halten, wenn es im Sommer heiss ist. "Weil ich keine Pestizide einsetze, sieht man in meiner Anlage Schadinsekten und Pilze auf den Blättern. Solange sie nicht Überhand nehmen, ist das völlig in Ordnung", so Rodin. Er ergänzt: "Ich möchte ein natürliches Gleichgewicht hervorbringen. Und schlussendlich verkaufe ich ja die Früchte, deshalb müssen die Bäume nicht makellos aussehen."

Niels Rodin der Zitrusbauer
Neben seinen Gewächshäusern achtet Niels Rodin auf eine ausgewogene Biodiversität und hat draussen Hecken gepflanzt, die so nichts mit seiner Produktion zu tun haben. (Bild lid/mg)
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