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Crowdfarming: Wenn die Ware schon verkauft ist, bevor geerntet wird

Die Initianten von crowdfarming.com propagieren Crowdfarming als Landwirtschaft des 21. Jahrhunderts und wollen Menschen wieder mit ihren Lebensmitteln und den Produzenten verbinden. Ein Beispiel aus Spanien.


von Melna Gerhard/lid
Publiziert: 06.10.2019 / 09:45

Angefangen hatte alles mit der Orangenplantage, die die spanischen Brüder Gabriel und Gonzalo Úrculo von ihrem Grossvater geerbt hatten. 2011 hatten sich die beiden Mittzwanziger entschieden, die Plantage auf Vordermann zu bringen. Die Pflanzung war zu der Zeit heruntergekommen. Die erste Ernte war so schlecht, dass sich die beiden ein Businessmodell überlegten und fortan die Orangen paketweise an Familie und Freunde von Freunden verschickten.

1000 Familien und 10 Mitarbeiter

Ein Freund der Úrculos bat sie, seine Bienen bei sich auf der Farm halten zu können. Nebst Honig und Orangen kamen nach und nach ein Gemüsegarten und eine kleine Olivenplantage dazu. Vier Jahre nach ihrem holprigen Start erreichten die Gebrüder mit ihren Lieferungen durch das Weitererzählen und die Diversifikation bereits 1'000 Familien und beschäftigten 10 Mitarbeiter. Sie gründeten die Internet-Plattform Crowdfarming.

Idee stiess auf weltweites Interesse

Madrid im Sommer 2019. Am Tisch sitzen Alex, Lena und Julietta. Vor ihnen eine Wasserkaraffe, darin baden - wer hätte es gedacht - Orangenscheiben. Die drei Frauen sind Teil des jungen, wachsenden Teams von Crowdfarming und geben einen Einblick in das Geschäftsmodell, das auf der Internetseite als "nachhaltige Landwirtschaft für verantwortungsbewusste Menschen" bezeichnet wird. Nach dem Erfolg mit ihrer Orangenplantage wollen die Gebrüder Úrculo mit dem Konzept weltweit Landwirte unterstützen, wie Julietta erzählt.

Bald kamen Anfragen aus aller Welt, nach Italien und Frankreich folgten Landwirte aus Kolumbien und von den Philippinen, die alle ihre Produkte auf dem Weg des Crowdfarming an die Leute bringen wollten (siehe Infobox). Die oftmals kleinstrukturierten Bio-Landwirte wünschten sich einen sicheren Absatzkanal, bei dem sie keine riesigen Mengen an Grossverteiler abliefern müssen. Das Crowdfarming-Team prüft jede einzelne Anfrage genau. Dabei achten sie nicht auf Labels: "Wir wollen vor niemandem die Tür verschliessen. Wichtiger als Labels sind für uns die Betriebsphilosophie und eine nachhaltige Produktion", erklärt Alex.

Wie wachsen Pistazien? Wann sind Orangen reif?

Die Landwirte mit ihren unterschiedlichen Produkten sehen grosse Vorteile im System und betonen insbesondere den direkten Bezug zu den Konsumenten. Dadurch, dass die Produzenten auf den Social-Media-Kanälen von Crowdfarming News posten, wissen die Konsumenten beispielsweise, dass sich die Ernte der Aprikosen aufgrund der Witterung verzögert. Die aufgeklärten Konsumenten reagierten voller Verständnis. Noch nie habe sie eine böse Mail gekriegt, sagt Julietta und fügt an: "Der edukative Gedanke ist uns wichtig. Wir wollen den Leuten zeigen, weshalb Orangen nicht das ganze Jahr Saison haben oder wie Pistazien wachsen. Und wir wollen positive sowie negative Nachrichten mit den Käufern teilen, das führt zu Verständnis und einer guten Beziehung." So schätzen auch viele Landwirte das Feedback der Kunden, um neue Produkte zu entwickeln, die auch explizit nachgefragt werden.

Ausserdem bietet die Online-Plattform den Vorteil, dass sich für den Konsumenten eine ganze Palette attraktiver Produkte ergibt. Wenn ein Kunde auf der Internetseite ursprünglich Olivenöl sucht und zusätzlich noch frische Mangos bestellt, profitieren zwei Landwirte voneinander, die sich vielleicht nie persönlich treffen würden. Alex betont einen weiteren Aspekt: "Marketing und Kommunikation werden von uns übernommen. So können sich die Landwirte auf das konzentrieren, das sie am besten können: hochwertige Produkte herstellen."

Konsum von Frischprodukten planbar machen

Das rasante Wachstum von Crowdfarming bestätigt denn auch die Nachfrage auf der Konsumentenseite. "Der Trend zu bewusstem Konsum macht das transparente System attraktiv. Wer will, kann dem Produzenten online Fragen stellen oder ihn direkt besuchen", sagt Lena und fügt an, dass viele Familien ihren Urlaub nutzen, um nach dem adoptierten Orangenbaum zu sehen.

Langjährige Konsumenten schätzten auch, dass sie ihren Konsum von Frischprodukten planen können. "Sie wissen, wann Pistazien erntereif sind oder wann die Orangensaison beginnt und können sich danach richten. Viele unserer Kunden geben an, dass sie die Produkte nicht mehr im Supermarkt beziehen, weil sie die Qualität von erntereifen Lebensmitteln nicht mehr missen möchten", weiss Alex. "Damit unser System funktioniert, müssen sich die Kunden schon frühzeitig zum Kauf verpflichten, sodass die Landwirte die gewünschte Menge produzieren können", erklärt Julietta.

Was ist Crowdfarming?

Hinter dem Begriff Crowdfarming steht eine Online-Plattform, die den direkten Kontakt zwischen Bauern und Endverbrauchern fördert. Wer sich auf der Plattform anmeldet, kann einen persönlichen Baum, einen Bienenstock, einen Rebstock oder sogar Schafe adoptieren und erhält die Produkte, sobald die Ernte eintritt. Zusätzlich können aktuell saisonale Produkte kistenweise bestellt werden. Die Produkte stammen aus verschiedenen europäischen Ländern, Kolumbien und den Philippinen und können in Europa, Japan, Philippinen, Ukraine und den USA empfangen werden. Schweizer Produzenten hat es bis anhin nicht dabei, viele Produkte können allerdings in die Schweiz bestellt werden. Über 30 Produzenten weltweit werden derzeit für eine Aufnahme geprüft, das Sortiment vergrössert sich ständig.

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