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Bernard Lehmann: «Lassen wir uns von den Initiativen nicht kaputt machen»

BLW-Direktor Bernard Lehmann findet, dass der Branchenstandard für nachhaltige Schweizer Milch die richtige Antwort auf die politischen Diskussionen ist, die die Landwirtschaft beschäftigen.


Publiziert: 13.05.2019 / 15:30

Es war wohl einer der letzten öffentlichen Auftritte vom abtretenden Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft. Bernard Lehmann, der im Sommer in Pension gehen wird, erklärte an der Gesellschafterversammlung der TSM Treuhand GmbH in Bern seine Sicht der Dinge.

Lehmann begann in seinem Referat beim Bevölkerungswachstum, schwenkte auf den Konsum von landwirtschaftlichen Produkten – allen voran Milch – ein; und zog schliesslich eine kurze Bilanz darüber, was der Branchenstandard für nachhaltige Schweizer Milch bringen dürfte.

Wachstum erfordert Wachstum

In den 30 Jahren zwischen 1960 und 1990 ist die Bevölkerung um 76 Prozent gewachsen. In den darauffolgenden 20 Jahren wuchs die Bevölkerung noch um 38 Prozent; in den kommenden drei Jahrzehnten wird die Bevölkerung noch um 19 Prozent wachsen.

Wie Lehmann ausführte, wird im Zusammenhang mit dem Bevölkerungswachstum auch das Bruttoinlandprodukt der Industrieländer wachsen. Gleichzeitig wird es in den Entwicklungsländer zu einem um einiges stärkeren Wachstum des Bruttoinlandproduktes kommen. Unter dem Strich erwarten die Experten laut Lehmann eine Steigerung des Konsums.

Die notwendige Folge: eine Produktivitätssteigerung um etwas mehr als 50 Prozent, bis 2050. «Das ist schon nicht wenig mit weniger Pflanzenschutzmitteln, weniger Antibiotika und den Verboten von technischem Fortschritt.» Die Lösung, die auf Ebene der UNO akzeptiert sei: die Produktion müsse um 30 Prozent steigen, die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten indes müsse um 15 Prozent reduziert werden.


 "Die Welt braucht nach wie vor Kalorien, und nicht nur Wertschöpfung"

Bernard Lehmann zur Frage, welcher Fokus in der Beurteilung der Landwirtschaft wichtig sei.


Die Schweizer Landwirtschaft kann es sich laut Lehmann nicht leisten, nichts zu tun - weder in Bezug auf die Produktivitätssteigerungen noch in Bezug auf die Veränderung der Konsumgewohnheiten. Erstere ist notwendig, um die Emissionen zu reduzieren. Wie nämlich Lehmann ausführte, sei die grosse Frage, ob die Produktion nachhaltig genug sei. Seiner Meinung nach geht es dabei um drei Elemente: Die Biodiversität, die Bodenfruchtbarkeit und die Produktivität der Landwirtschaft. Es sei eine grosse «Challenge», die Produktivität zu steigern und dabei auch Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit zu fördern.

Nachfragesteigerung aus China 

In Bezug auf die Milchproduktion wird deutlich, dass der pro-Kopf-Konsum für verarbeitete und frische Milchprodukte in den nächsten zehn Jahren steigen wird. Treiber davon ist vor allem die chinesische Bevölkerung. Der Konsum pro Kopf und Jahr dürfte 2027 rund 10 Kilo betragen – eigentlich nicht viel, allerdings handelt es sich um eine Bevölkerung von rund 1,3 Milliarden Menschen. Und das führe dann zu einer erheblichen Nachfragesteigerung. Laut Lehmann sind die Potenziale der chinesischen Landwirtschaft beschränkt: «Die Chinesen haben gleich viel Ackerfläche pro Kopf, wie wir.» Entsprechend sei davon auszugehen, dass China dereinst zu einem Netto-Importeur von Nahrungsmittel werden wird.


 "Die Chinesen haben gleich viel Ackerfläche pro Kopf, wie wir."

Bernard Lehmann geht davon aus, dass China dereinst Netto-Nahrungsmittelimporteur wird.


Um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden, beobachtet Lehmann zwei Strategien: Industrieländer legen ihren Fokus in der Viehzucht vor allem auf die Leistungssteigerung. In Entwicklungsländer indes werde die Produktivität vor allem über die Vergrösserung von Herden gesteigert. Einzige Ausnahme sei China; dort werde auch ein hoher Fortschritt bei der Milchleistung erzielt.

Mehr Leistung, weniger Emissionen

Wie Lehmann weiter ausführte, sei die Milchleistung pro Kuh wichtig, um die Emissionen pro Kilo Milch tief zu halten. In Bezug auf die Treibhausgas-Emissionen pro Kalorie schneidet die Milchproduktion nicht wesentlich schlechter ab, als Geflügelfleisch und Fisch. «Die Milch ist ähnlich, wie gewisse weisse Fleischarten», und sie sei bei weitem nicht so schlecht, als rote Fleischarten. Die Milch gehöre also dazu, wenn man die Ernährung der Bevölkerung in Zukunft sichern wolle.

Wie Lehmann ausführte, müsse die Produktivität der Landwirtschaft vor allem auf Basis der graslandbasierten Produktion gesteigert werden. Milch spiele hier eine entscheidendere Rolle, als beispielsweise die Produktion von Rind- und Schaffleisch. Wie Lehmann sagt, brauche die Welt nach wie vor Kalorien, und nicht nur Wertschöpfung.

Klimawandel macht Produktion schwieriger

Gleichwohl dürften die Produktionsbedingungen schwieriger werden. Wie nämlich Bernard Lehmann erklärte, ist durch den Temperaturanstieg mit einer grösseren Schwankung der produzierten Milchmengen zu rechnen – für die europäische Milchproduktion ein schwacher Trost ist, dass es in Südamerika, Afrika, Australien, im mittleren Osten, in Indien und auf den Pazifikinseln noch wärmer wird. Trotzdem ist damit zu rechnen, dass die Milchpreise in der Folge der Mengenschwankungen stärker ins Schwingen kommen dürften.


"Die Produktion ist nach wie vor grösser, als es die Kosten eigentlich erlauben"

Bernard Lehmann zur Tatsache, dass der Strukturwandel nicht so schnell voranschreitet, wie erwartet.


Wie Lehmann festhält, hat sich der Umsatz mit der Milchproduktion in den letzten Jahren stabilisiert, derweil der Milch-Anteil am gesamtlandwirtschaftlichen Umsatz leicht sinkt. Grund dafür sei die Ausdehnung in anderen Sparten – unter anderem Geflügelfleisch. Die Aufhebung der Tierbeiträge der AP 14-17 habe nicht dazu geführt, dass die Milchmengen zurückgegangen sind. Wie Lehmann sagte, würde es nach wie vor einen Angebotsüberhang geben. «Die Produktion ist nach wie vor grösser, als es die Kosten eigentlich erlauben». Die Produzenten würden an ihrer Produktion trotzdem festhalten, weil sie darauf hoffen, dass die Marktpreise besser würden; und das, obwohl der Strukturwandel in der Milchbranche sehr stark voranschreitet.

Freihandel als latentes Thema

Lehmann, der sich für einer seiner letzten Auftritte etwas mehr Freiheit nimmt, um über die Entwicklung der Milchbranche zu reden, weist ausserdem darauf hin, dass handelspolitische Fragen bisher nicht gelöst seien. Die Konsequenz sei, dass man derzeit fast öfter Sitzungen aufgrund von Freihandelsabkommen durchführe, statt über die Agrarpolitik 2022+ zu sprechen. Zwar könne die Schweizer Landwirtschaft durch die Milchbranche bei Verhandlungen auch offensive Positionen beziehen; allerdings reicht der Konsens noch nicht so weit, als dass man sich mit allen Interessengruppen darüber unterhalten könnte, wie denn eine gesamte Grenzöffnung aussehen könnte.

«Sie werden in der Lage sein, die Produkte so zu positionieren, dass sie im Markt bleiben werden»

Ausserdem bemängelte Lehmann den fehlenden Willen einzelner Akteure, die Wirkung von Marktgesetzen zu akzeptieren. «Wer denkt, dass das Wasser in der Aare aufwärts fliesst, der liegt einfach falsch.» Lehmann meint damit vor allem die Wirkung der ausländischen Preisentwicklung auf den Milchpreis in der Schweiz. Zuletzt hatte diese 2015 zu einer veritablen Diskussion darüber geführt, wie sich die Milchbranche positionieren könnte. Und es waren die Diskussionen von damals, die den Branchenstandard für nachhaltige Schweizer Milch auf den Weg gebracht haben.

Qualitätsstrategie als richtige Antwort

«Hut ab, was sie mit dem grünen Teppich entwickelt haben», so Lehmann weiter. Es sei der richtige Weg, die Produktion im Qualitätsmarkt zu positionieren. Der grüne Teppich zeige bestens, dass die Landwirtschaft in der Lage sei, zu agieren, statt zu reagieren .«Sie werden in der Lage sein, die Produkte so zu positionieren, dass sie im Markt bleiben werden», so Lehmann weiter. Seiner Meinung nach verhindert der grüne Teppich, dass Angriffe durch Initiativen (u.a. Trinkwasser-Initiative) Wirkung entfalten könne. Dass die Produkte in der Folge höhere Produzentenpreise ermöglichen, ist laut Lehmann trotzdem eher unwahrscheinlich. Er stelle nämlich immer wieder fest, dass die Produzenten in anderen Länder deshalb auf Nachhaltigkeit setzen, um überhaupt am Markt bleiben zu können.

Es ist demzufolge zwar eine Notwendigkeit, aber gleichwohl nur eine Frage der Zeit, bis das Preisniveau wieder sinkt. «Wir müssen nämlich aufpassen, dass wir nicht überholt werden», so Lehmann weiter. Der grüne Teppich sei die richtige Antwort dafür, was der Bund in Bezug auf die Entwicklung der AP 22+ plane. So will der Bund einerseits mehr Freiheitsgrade schaffen, gleichzeitig die Marktausrichtung und die Ressourceneffizienz verbessern. Im Kern stehen dabei nachhaltigere Produktionssysteme und Zucht- und Züchtungsstrategien (sowohl für Tiere als auch für Pflanzen).

Die Landwirtschaft habe eine sehr wichtige Rolle zu spielen in der Zukunft. «Lassen wir uns nicht kaputt machen von den vielen Initiativen», so der BLW-Direktor weiter.

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